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18.07.2012

14:52 Uhr

Sterbehilfe

Die Würde des Menschen ist antastbar

Donnerstag wird über den Tod verhandelt. Nicht im Himmel, sondern in Straßburg. Nicht zwischen Gott und Satan, sondern zwischen Ulrich Koch und dem Gerichtshof für Menschenrechte. Nicht über das ob, sondern über das wie.

Kein Recht auf Sterben. In Deutschland wird meist nach dem Grundsatz "In dubio pro vita" gehandelt - Im Zweifel für das Leben. dpa

Kein Recht auf Sterben. In Deutschland wird meist nach dem Grundsatz "In dubio pro vita" gehandelt - Im Zweifel für das Leben.

StraßburgDer europäische Gerichtshof für Menschenrechte entscheidet am Donnerstag über die Beschwerde des Witwers Ulrich Koch, dessen schwerstbehinderte Frau in Deutschland vergeblich eine Genehmigung für den Erwerb einer tödlichen Dosis Schlafmittel beantragt hatte. Weil das Bundesamt für Arzneimittel den Antrag ablehnte, nahm das Paar im Februar 2005 eine beschwerliche Reise in die Schweiz auf sich. Mit Hilfe der Organisation Dignitas setzte die 55-Jährige dort ihrem Leben ein Ende.

Der Ehemann der Frau kämpfte anschließend vor deutschen Gerichten für ein Recht auf Sterbehilfe. Nachdem der Bundesgerichtshof im November 2008 seine Beschwerde für nicht zulässig erklärt hatte, zog Ulrich Koch vor das Straßburger Gericht. Nach seiner Überzeugung hat Deutschland gegen Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstoßen, der das Recht auf Schutz des Privatlebens garantiert. Dazu gehöre das Recht, selbstbestimmt und in Würde zu sterben, argumentiert der 69-Jährige. Auch seine Rechte seien verletzt worden, weil er mit seiner Frau gelitten habe und die letzte Reise habe organisieren müssen. Im Gegensatz zu Deutschland ist die aktive Sterbehilfe in europäischen Nachbarländern wie den Niederlanden, der Schweiz oder auch Belgien erlaubt.

Bei einer Anhörung vor dem Straßburger Gericht hatte der ehemalige Exportkaufmann aus Braunschweig sichtlich bewegt das Martyrium seiner Frau geschildert. Die ehemalige Rechtsanwaltsgehilfin war im April 2002 vor ihrem Haus so unglücklich gestürzt, dass sie sich das Genick brach. Seither war die Mutter einer erwachsenen Tochter querschnittsgelähmt und wurde künstlich beatmet.

Einige Monate nach dem Unfall habe seine Frau erstmals den Wunsch geäußert, ihrem Leiden ein Ende zu setzen, schilderte Koch. Er habe ihr helfen wollen, aber mit einer sicheren Methode. Auch habe er das Pflegepersonal, das die Kranke rund um die Uhr betreute, nicht in Schwierigkeiten bringen wollen. Daher habe seine Frau ganz offiziell einen Antrag gestellt - um eine "mit Sicherheit tödliche Dosis" an Schlafmitteln kaufen zu können. In Deutschland wird bei ungewisser Rechtslage meist "In dubio pro vita", das heißt, im Zweifel für das Leben, entschieden. So auch im Fall Koch. Als der Antrag abgelehnt wurde, organisierte Koch die Reise in die Schweiz und begleitete seine Frau auf ihrem letzten Weg.

Der Rechtsvertreter der Bundesregierung bestritt das außergewöhnliche Leiden der Schwerstbehinderten nicht. Härtefälle wie diese seien immer eine "Herausforderung" für die Justiz. Im übrigen würden in Deutschland weder Suizid noch die Beihilfe dazu als Straftaten gewertet. Daraus könne aber nicht abgeleitet werden, dass der Staat zu Sterbehilfe verpflichtet ist.

Kommentare (1)

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hansilg

19.07.2012, 13:57 Uhr

Diese Doppelmoral und Scheinheiligkeit in Deutschland ist unerträglich.
Jedes Tier wird im Bedarfsfall erlöst nur der Mensch muss leiden, ob er will oder nicht.

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