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22.01.2009

16:29 Uhr

Steuer-Prozess

Zumwinkel und das kalte Herz

VonJan Keuchel

Klaus Zumwinkel, wegen Steuerhinterziehung angeklagter Ex-Postchef, zeigte sich vor Gericht geständig und einsichtig. „Das war der größte Fehler meines Lebens“, sagte Zumwinkel. Das Gerichtsverfahren wird zu einem Lehrstück über die Freuden der Reue – genau wie das Theaterstück "Das kalte Herz" am Bochumer Schauspielhaus.

Vor dem Bochumer Landgericht geständig: Steuersünder Klaus Zumwinkel. Foto: dpa Quelle: dpa

Vor dem Bochumer Landgericht geständig: Steuersünder Klaus Zumwinkel. Foto: dpa

BOCHUM. Mit Schauspielerei kennen sie sich aus, man könnte sie verwöhnt nennen. Peter Zadek war da und brachte ihnen Rainer Werner Fassbinder nahe, mit Claus Peymann kamen die voluminösen Uraufführungen und mit Leander Hausmann das Spaßtheater. Noch etwas später kam sogar Harald Schmidt in Samuel Becketts „Warten auf Godot“. „Edelstein des Ruhrgebiets“, so nennen die Bochumer ihr Schauspielhaus.

Am Donnerstag spielt sich allerdings nicht dort, sondern im nur wenige Straßen entfernten Landgericht Bochum ein mit Spannung erwartetes Schauspiel ab. Eines freilich, dessen Vorbild schon im Jahr 2006 am Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Damals inszenierte Martina van Boxen „Das kalte Herz“, eine Märchen-Adaption um den gierigen Köhler-Sohn Peter Munk. Der tauschte sein Herz gegen einen Stein, um reich zu werden. Er wurde unglücklich.

Im Landgericht gebührt Klaus Zumwinkel die Hauptrolle, und wie er da, in Saal 240 C, fast ungläubig auf die voll gestopften Zuschauer- und Pressebänke starrt, Bonbon lutschend, da glaubt das Publikum fest daran, dass es eine ganz unterhaltsame Inszenierung wird. „Seit sechs Uhr haben wir angestanden“, sagt eine Dame stolz. Zu diesem Zeitpunkt ist es 11:30 Uhr.

Jedenfalls wird, so viel sei verraten, diese Aufführung zu einem Lehrstück werden: über den schleichenden Wandel im Strafprozess. Und über die Freuden der Reue. Vorhang auf.

Und Kameras raus. „So, dann wollen wir mal beginnen“, sagt Wolfgang Mittrup. Groß und handfest ist der Vorsitzender der 12. Strafkammer, bestimmend kann er sein und jovial. Er führt den Vorsitz über das derzeit wohl bekannteste Steuerstrafverfahren in Deutschland, Aktenzeichen 12 KLs 350 Js 1/08. Klaus Zumwinkel (65), Ex-Postchef, ist angeklagt, dem deutschen Fiskus eine knappe Million Euro über eine Stiftung in Liechtenstein vorenthalten zu haben.

Selbst eine Steueramnestie konnte den einstigen „Manager des Jahres“ (Manager-Magazin) nicht dazu bewegen, sein Gewissen und sein Schatzkästchen um die Steuerschulden zu erleichtern. Man kann das kaltblütig nennen.

Mittrups Part ist aber nicht darauf angelegt, Zumwinkels Herzkreislauf-System zu erwärmen, er will hier einen ganz normalen Prozess führen. Und deshalb muss er gleich auch was loswerden. Hier gibt es keine Sonderbehandlung für irgendwen – und auch keinen Deal. „Eine irgendwie geartete Absprache zur Strafhöhe gibt es nicht“, poltert Mittrup. „Genauso selbstverständlich, wie man aber den Verfahrensablauf mit den Beteiligten erörtert.“

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