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22.01.2009

08:50 Uhr

Steueraffäre

Der Fall Klaus Z. – oder: Alles schön nach Drehbuch

VonJan Keuchel

Heute beginnt ein Prozess, auf den ganz Deutschland blickt: Ein gewisser Klaus Z. muss sich wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung vor dem Bochumer Landgericht verantworten. Dabei ist doch schon klar wie alles abläuft: Er sagt nicht viel und am Schluss bekommt er Bewährung - eine Justizposse.

Medienrummel garantiert: Schon am frühen Donnerstagmorgen steht ein TV-Übertragungswagen steht vor dem Landgericht in Bochum. Foto: dpa dpa

Medienrummel garantiert: Schon am frühen Donnerstagmorgen steht ein TV-Übertragungswagen steht vor dem Landgericht in Bochum. Foto: dpa

BOCHUM. Achtung, da kommt der Klaus. Ja, ich weiß, der ist nicht so gut zu sehen, aber das ist so gewollt. Ganz viele Fotografen und Kameraleute, hat die Regie gesagt, müssen da her und ihm den Weg zustellen. Verfolgt ihn bis in den Saal hieß es, und ehrlich, klappt doch prima, oder? Und daneben, die beiden, die zwei Verteidiger. Die sind Profis, die haben schon vorher zum Klaus gesagt: Bloß schön ruhig bleiben, ein wenig demütig wirken, aber nicht wegducken und auch nicht den Ackermann machen. Sie wissen ja: Von wegen Victory-Zeichen mit den Fingern und so.

Ja klar, auch ich habe meine Rolle hier. Ich spiele einen Journalisten, ich muss mich auf die Pressebänke setzen und mitschreiben. Ach, dass das alles nicht real ist, haben sie nicht gewusst? Ja, also, das ist ein Schau-Prozess hier, in unserer Branche nennt man das "Faktion", eine Mischung aus Fakten und Fiktion. Die Personen sind echt, aber der Ablauf ihre Handlungen ist lange im Voraus durchgesprochen. Wie das Stück heißt? Es gibt bisher nur einen Arbeitstitel: "Klaus Z. muss vor das Bochumer Landgericht, er sagt nicht viel und am Schluss bekommt er Bewährung." Witzig, oder? Klingt ein bisschen nach Doris Dörrie.

Da jetzt ein wenig Leerlauf ist, bis der Richter kommt - der Plot in Kürze geht so: Der Klaus Z. ist ein Steuerflüchtling, der Millionen in diesem Fürstentum Liechtenstein versteckt hat. Dann fliegt er auf, wird kurzzeitig verhaftet, seine Anwälte schalten sich ein, hinter den Kulissen wird mit der Staatsanwaltschaft gedealt, der Richter stimmt später zu und am Ende kommt der Klaus mit einer Bewährungsstrafe davon. Und mein Job ist es, mich darüber aufzuregen. Von wegen Niedergang der Justiz und so.

Aber lassen sie uns doch mal hier hinsetzen. Die Fotografen sind ja jetzt weg, gleich kommt die Staatsanwältin dran. Da musste kurzerhand umbesetzt werden. Eigentlich sollte ja die große Dings, wie heißt sie denn noch, die Rolle der biegsamen Unbeugsamen übernehmen. Ich hoffe, ich verrate nicht zuviel. Aber in ihrem Plädoyer sollte sie erst einmal richtig draufhauen. Später würde sie den Klaus dann aber überraschend doch noch so gerade verschonen.

Aber dann gab es plötzlich diesen Ärger. Sie wissen ja, in der Schauspielerszene wird viel geredet. Aber die Dings soll dem Regisseur ein bisschen zu viel reingequatscht haben. Eigenmächtig ihre Rolle interpretiert haben. Der Regisseur wiederum gilt als ziemlich eitel, der ist total ausgeflippt und hat sie rausgeworfen. Jetzt muss sie in so einer minderwertigen Serie eine Amtsrichterin mimen. Ganz schön brutal das Geschäft.

Dafür muss jetzt die Neue ran. Die ist noch nicht so bekannt, gilt aber als Talent. Sehen sie: "wird angeklagt, im Zeitraum von 2002 bis 2006 Steuern hinterzogen zu haben", hat sie gesagt, und das es um ne runde Millionen Euro geht. Ich kann das fast mitsprechen, so oft habe ich das schon in den Proben gehört.

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