Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.01.2009

08:45 Uhr

Steuerbetrug

Frustrierte Steuerfahnder

VonChristoph Sandt, Axel Schrinner

Seit Donnerstag muss sich Ex-Postchef Klaus Zumwinkel vor Gericht verantworten. Steuersündern, so scheint es, geht es jetzt verstärkt an den Kragen: Kontenabfragen, einheitliche Steuernummer, Haftstrafenkatalog für Steuerhinterziehung. Und sogar der Geheimdienst zieht im Kampf gegen Schwarzgeld in die Schlacht. Doch ein Blick in die Praxis der Finanzämter ergibt ein ganz anderes Bild.

Illustration: Timo Müller Quelle: Timo Müller

Illustration: Timo Müller

DÜSSELDORF. Während zu Zeiten von Otto Graf Lambsdorff oder Boris Becker Steuerhinterziehung in der Öffentlichkeit noch als Kavaliersdelikt galt, steht Post-Chef Klaus Zumwinkel seit Monaten am öffentlichen Pranger. Am Donnerstag musste sich der zurzeit wohl prominenteste Steuersünder seinen Weg ins Bochumer Landgericht bahnen - vorbei an Mikrofonen und Kameras. Sein Prozess begann – und er getsand, rund eine Million Euro mit Hilfe einer Liechtensteiner Stiftung am Fiskus vorbeigeschleust zu haben.

Geht es Steuersündern jetzt insgesamt verstärkt an den Kragen? Nein. Denn abseits des Scheinwerferlichts, das die ertappte Prominenz ertragen muss, sieht die Realität ganz anders aus. Zwar brachten die deutschen Steuerfahnder dem Fiskus im vergangenen Jahrzehnt im Schnitt gut 1,4 Mrd. Euro im Jahr ein. Doch sind das gerade einmal 0,3 Prozent der Steuereinnahmen und "nur die Spitze des Eisbergs", sagt Dieter Engels, Präsident des Bundesrechnungshofs. Er überprüft die Einnahmen und Ausgaben des Bundes. Experten schätzen, dass dem Staat jährlich 30 Mrd. Euro Steuern vorenthalten werden. Bei näherem Hinsehen verwundert das kaum.

"Ein Finanzbeamter hat für eine normale Steuererklärung im Schnitt 20 Minuten Zeit, inklusive Dateneingabe", sagt der Chef der Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek. "Da bleibt häufig keine Zeit, genauer hinzuschauen." Der oberste Interessenvertreter von knapp 80 000 Finanzbeamten spricht einen wunden Punkt an. Hört man sich unter den Beamten um, spürt man, wie groß der Leidensdruck ist. "Es kann nur noch quantitativ gearbeitet werden, nicht mehr qualitativ", klagt ein nordrhein-westfälischer Betriebsprüfer. Die Oberfinanzdirektion (OFD) Koblenz beziffert den durchschnittlichen Arbeitsaufwand pro Einkommensteuerfall, komplizierte Fälle eingeschlossen, auf 80,1 Minuten.

In den Amtsstuben wird eingeräumt, man sei häufig auf Tipps von vergrätzen Ehepartnern, Nachbarn oder Geschäftspartnern angewiesen, um Steuersündern auf die Schliche zu kommen. Daher suchen die Finanzverwaltungen nach systematischeren Möglichkeiten, Steuerhinterzieher aus der Masse der ehrlichen Bürger herauszufiltern. Risikomanagement heißt das Zauberwort. Damit gemeint ist die aus der Terrorbekämpfung bekannte Rasterfahndung. Wenn in einer Steuererklärung eine Reihe bestimmter Merkmale auftaucht, gilt die Akte als verdächtig - und es wird genauer hingeschaut.

Wichtigstes Kriterium ist die Einkommenshöhe. Bei Top-Verdienern mit Einkünften von mehr als 250 000 Euro liegt die Wahrscheinlichkeit einer Intensivprüfung bei 80 Prozent, bei Steuerzahlern mit weniger als 100 000 Euro sinkt sie auf ein Prozent. Zudem wird häufig dann genauer hingeschaut, wenn Einkünfte aus einer Unternehmensbeteiligung vorliegen oder jemand ungewöhnlich hohe Verluste oder Werbungskosten geltend macht. Schlechte Karten hat zudem, wer schon einmal negativ aufgefallen ist. Die genauen, häufig wechselnden Kriterien behandeln die Behörden aber als geheime Verschlusssache.

Die OFD Koblenz etwa hat sich im vergangenen Jahr die Schrotthändler vorgeknöpft. Wegen der exorbitant gestiegenen Rohstoffpreise blühte deren Geschäft - meist im Verborgenen, wie die Finanzbeamten vermuteten. Die rheinland-pfälzischen Fahnder nahmen 6 500 Personen aufs Korn. Die ersten 180 Fälle brachten bereits eine halbe Mio. Euro ein. Die Summe der von Schrotthändlern hinterzogenen Steuern schätzt die OFD für die Jahre 2003 bis 2007 auf rund eine Mrd. Euro bundesweit.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×