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21.02.2013

17:39 Uhr

Steuertricks im Fokus

Angriff auf Kaffee-Gigant Starbucks

VonDietmar Neuerer

Dass globale Konzerne ihre Steuerschuld durch Gewinnverschiebungen in Staaten mit Niedrig-Steuern drücken, ist ein bekanntes Problem. In Bayern könnte es jetzt einem großen Unternehmen an den Kragen gehen.

Das Starbucks Firmenlogo an einer Starbucks-Filiale. ap

Das Starbucks Firmenlogo an einer Starbucks-Filiale.

BerlinDas Thema ist brisant – und ist auch schon auf die Agenda der großen Wirtschaftsnationen gelandet. Bei ihrem jüngsten Treffen haben die G20-Staaten sich in die Hand versprochen, den Steuervermeidungspraktiken der Multis das Wasser abzugraben. Bis zum Juni soll die Industrieländer-Organisation OECD dazu einen Aktionsplan vorlegen, wie die weitere Erosion der Steuerbasis gebremst werden kann. Deutschland werde das Thema "mit Macht" vorantreiben, sagte ein Sprecher von Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Der Kampf um die Steuer-Euros der internationalen Konzerne gleicht allerdings den Mühen des Helden Sisyphos. Firmen wie Amazon oder Google unternehmen einige Anstrengungen, um ja nicht einen Euro mehr als nötig an den Fiskus der Länder abzuführen, in denen sie ihre einträglichen Geschäfte machen. Dabei achten Horden von Beratern darauf, dass die Grenze zur Illegalität nicht überschritten wird.

Auch der Kaffee-Riese Starbucks weiß, wie man dem deutschen Fiskus ausweicht. Die Grünen wollen nicht warten bis die große Politik handelt. Sie sehen jetzt schon Möglichkeiten, gegen die in München ansässige Deutschland-Zentrale des Konzerns vorzugehen.

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„Würde Starbucks seine Gewinne wie andere inländische Unternehmen in Deutschland versteuern müssen, könnten daraus mindestens 1,5 Millionen Euro Mehreinnahmen aus Körperschafts- und Gewerbesteuer generiert werden“, rechnet der Finanzexperte der Grünen im EU-Parlament, Sven Giegold, vor. Besonders betroffen sei davon die Stadt München durch Gewerbesteuerausfälle am Sitz der deutschen Tochtergesellschaft.

Wie Starbucks das Comeback gelang

Wieder eine Erfolgsgeschichte

Heute geht es Starbucks wieder richtig gut. Die Kultur kommt wieder beim Kunden an. Noch vor wenigen Jahren sah es ganz anders aus: Starbucks, übrigens benannt nach dem ersten Maat auf der „Pequot“ in „Moby Dick“, drohte unterzugehen. Bis eine beinahe unglaubliche Kehrtwende gelang.

Das Comeback des Gründers

Howard Schultz wird als „Gründer“ von Starbucks bezeichnet. Doch das ist er streng genommen gar nicht. Schultz übernahm den Namen und hatte die Idee, daraus die Kette zu machen, die wir heute kennen. Doch er klebte nicht am Chefsessel und wechselte 2000 in den Aufsichtsrat. 2007 kehrte er in größter Not zurück.

Das Problem: zu schnelles Wachstum

Starbucks galt über Jahre hinweg als Erfolgsgeschichte. Doch „2007 begann Starbucks, an sich selbst zu scheitern“. Das schreibt Howard Schulz in seinem Buch „Onward“ (Wiley-VCH Verlag, 2011). Die Kette war zu schnell gewachsen. Und das hatte negative Folgen. Die Aktie fiel 2007 um 42 Prozent.

Die Folge: schlecht ausgebildete Mitarbeiter

Schultz war der Meinung, dass die Mitarbeiter in den Läden, sogenannte Baristas, inzwischen zu schlecht ausgebildet waren und zu wenig über die Produkte wussten. Dem Kaffee fehlte die Qualität. Kundenumfragen brachten erschreckende Ergebnisse. Der Umsatz stieg zwar, aber Starbucks verlor Geld.

Zu weit weg vom Kerngeschäft

Starbucks expandierte in die ganze Welt, doch das war nur bedingt ein Problem für den Wert der Marke. Zwei Strategien steigerten zwar erheblich den Umsatz, beschädigten aber die Starbucks-Kultur: Zum einen die vielen Produkte neben dem Kaffee, also vor allem die warmen Sandwiches  und der Trend, den eigenen Kaffee außerhalb der Läden anzubieten.

Kultur ging Flöten

Mitte 2007 blieben immer mehr Kunden den Starbucks-Läden fern. Das hatte mehrere Gründe: Abgesehen von den schlechter ausgebildeten Baristas wurden die Maschinen zu groß und die Technik veraltet. Es machte keinen Spaß mehr, Kaffee zu bestellen. Dazu kam der Käse-Gerüch von den warmen Sandwiches, der den Kaffee-Duft mehr und mehr verdrängte.

Eine lange Mängelliste

Howard Schultz rief im Frühjahr 2007 die ersten Brainstorming-Treffen zusammen. Die Erkenntnis: Starbucks war zu einem Unternehmen geworden, das Umsatzwachstum zelebrierte „und nicht das, was wir verkaufen“. 2007 war finanziell gesehen noch kein desaströses Jahr, aber die dunklen Wolken zeichneten sich deutlich ab und 2008 folgte tatsächliche der erste Quartalsverlust.

Zurück zu den Wurzeln

Schultz hatte die Kaffeekultur, für die Starbucks steht, nicht selbst erfunden, sondern sich in Italien abgeschaut. Sein Besuch dort 1982 lehrte ihn laut eigener Aussage die „Magie von Kaffee“ und war „die Keimzelle dessen, was Starbucks ausmacht“.

Der neue alte Chef

Am 7. Januar 2008 kehrte Howard Schultz auf den Chefsessel von Starbucks zurück. Viele waren laut Schultz „sehr traurig“, den bisherigen CEO Jim Donald gehen zu sehen. Aber es wäre die einzige Chance gewesen, das nötige Vertrauen wiederherzustellen. Abgesehen von seiner eigenen Position veränderten Schultz auch weitere Posten in der Vorstandsetage. 

Das Murren der Aktionäre

Wer beim Börsengang von Starbucks eine Aktie gekauft hatte, durfte sich bis 2007 um eine Wertsteigerung von 5000 Prozent freuen. Doch Anteilseigner schauen nach vorn und äußerten gegenüber Schultz immer wieder Kritik. Auch 2008 fiel die Aktie noch. Die Wende kam erst 2009 – beim Stand von unter fünf Dollar. Heute ist das Papier über 35 Dollar wert und damit mehr als vor der Krise.

Neue Konkurrenten

Abgesehen von den eigenen, internen Problemen kam noch ein externes hinzu: Starbucks wurde durch neue Konkurrenten wie McCafé unter Druck gesetzt. Schultz sagte klar: „Was wir nicht tun sollten ist, irgendeinem Konkurrenten die Fähigkeiten abzusprechen, unsere Gäste zu erobern.“

Viele Aufgaben

Schultz sprach in diesen Monaten viel von „Tradition“ und „Leidenschaft“ und lebte es vor. Damit konnte er die Mitarbeiter womöglich begeistern, aber die Investoren verlangten gute Zahlen – und das schnell. Also entwickelte Schultz mit seinem Team einen Katalog von zum Teil harten Maßnahmen.

Schließung von Filialen

Die unangenehmste Maßnahme war die Schließung von 600 Filialen, die Starbucks Ende Juni 2008 bekanntgab. Welche Stores dicht machen mussten, wurde „auf finanzieller Grundlage entschieden“, wie Schultz sagte.

Weiterbildung mit dramatischen Mitteln

Am 26. Februar 2008 schloss Starbucks alle US-Filialen gleichzeitig, um die dortigen Mitarbeiter zu schulen – und neu zu motivieren. Diese Extrem-Maßnahme sollte nicht nur Eindruck auf die Kunden machen, sondern auch den Aktionären direkt vor der Hauptversammlung. Zudem wurden auf speziellen Sitzungen die 8000 Store Manager im Hinblick auf ihre Führungskompetenz geschult.

Neue Kaffeesorten

Derweil investierte der Konzern hohe Summen in die Entwicklung neuer Kaffeesorten, die dem Zeitgeist entsprachen und der Mehrzahl der Kunden entgegenkam. Dazu kamen neuartige Formen von Getränken wie „Sorbetto“, die Starbucks im Juli 2008 einführte.

Maschinen

Doch nicht nur der Kaffee an sich wurde verändert, sondern auch die Maschinen. Starbucks rüstete seine Filialen mit der sogenannten „Clover“, die Schultz zufällig in einem kleinen Café in New York entdeckt hatte. Sie war vor allem viel kompakter als die bisherigen Maschinen und ließ mehr Kommunikation zwischen Barista und Kunden zu. Dazu kam eine neue Expresso-Maschine, die „Mastrena“.

Online-Präsenz

Zudem baute Starbucks seine Online-Präsenz um und führte ein Treuesystem ein. Auch hier gab es zunächst Rückschläge, aber im Laufe des Jahres 2008 griff das System und zog Kunden an. Zudem moderierten die Website jetzt mehr Mitarbeiter in Vollzeit.

Herbe Rückschläge bei der Transformation

Doch trotz des neuen Windes im Unternehmen gab es nicht nur bei der Umsetzung der Maßnahmen immer wieder Probleme: Die kritische Presse reagiert entsprechend auf die zum Teil richtig schlechten Quartalszahlen von Starbucks. Zudem fand die Maßnahme, keine Umsatzzahlen mehr zu veröffentlichen, harsche Kritik- Schultz wollte dokumentieren, dass Umsatzwachstum nicht mehr das wesentliche Ziel sei.

Stellschrauben im Hintergrund

Außerdem herrschte bei Starbucks „ein Mangel an umfassendem Fachwissen über Einkauf und Logistik“, wie Schultz schrieb. Der Fehler lag in der Kultur des Unternehmens, talentierte Leute zu befördern, auch wenn sie nicht immer die dafür notwendigen Zeugnisse hatten. Doch aus der Praxis zu lernen reichte 2008 nicht mehr. Schultz nahm die Schuld auf sich und behob die Missstände so schnell wie möglich.

Wie Giegold sagte, sehen seine Parteikollegen im bayerischen Landtag die Staatsregierung in der Pflicht zu handeln. Sie fordern demnach, dass die Steuervermeidungspraktiken bei Starbucks Deutschland auf Unregelmäßigkeiten untersucht werden. Zudem solle die Landesregierung der Konzernführung „deutlich“ zu verstehen geben, dass sie in Deutschland mindestens Steuern entsprechend der Vereinbarung in Großbritannien nachzuzahlen hätten.

Nach Kritik in Großbritannien: Starbucks will auf Steuertricks verzichten

Nach Kritik in Großbritannien

Starbucks will auf Steuertricks verzichten

Starbucks will darauf verzichten, seine Steuerzahlungen auf ein Minimum zu drücken.

Nach einer Untersuchung des britischen Haushaltsausschusses hat das US-Unternehmen in Großbritannien zwar einen Marktanteil von 31 Prozent, erzielt seit seinem Start dort vor 15 Jahren dennoch nur Verluste. "Wir finden es schwer zu glauben, dass ein kommerzielles Unternehmen mit einem Marktanteil von 31 Prozent, das seinen Aktionären und Investoren gegenüber verantwortlich ist, einen angemessenen Gewinn zu machen, offenbar Jahr für Jahr Verluste erwirtschaften soll", heißt es in dem Bericht.  Inzwischen beugte sich die Kaffeehaus-Kette der massiven Kritik der britischen Regierung und will in diesem und im nächsten Jahr mehr Steuern in Großbritannien zahlen.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

21.02.2013, 17:50 Uhr

Wie ist das denn als Privatmann?

Ich mach meine Steuer mit 'nem Programm, wo ich alles eintrage, was ich absetzen will und das mir Tipps gibt, was da dazugehört.
Muss ich jetzt noch 100 Euro als Spende drauflegen, weil ich sonst "Steuertricks" anwende und böse bin? Oder darf ich nur 9 von 10 Fachbüchern absetzen?

Fragen über Fragen.

Kulleraugen

21.02.2013, 18:01 Uhr

Ob ds nicht auch wider nur Heiße Luft ist was da geredet wird. Ich würde es ja mal Begrüßen wenn nur ein Teil davon umgesetzt würde. Das geht aber auch nur wenn die USA da Konkret mit machen denn da haben die Unternehmen Ihre Auslands Gewinne nur mit 2,9 % Versteuert aberwitzig. Porblem werden nur die REPS in den USA werden weil sich dort die meisten Unternehmens Lenker in der Partei befinden. Da diese ja jegliche Steuer ablehnen wird es im Konkress schwer das durch zu Drücken so wie in Irland und England selbst auch. Dies Leute halten nicht sonderlich viel davon sich an den Gesellschaftlichen Kosten zu Beteiligen. Sei finden das Sie Ungerecht behandelt werden und führen sich wie einst Donald Tramp auf wie Rumpelstilzien auf. Ein weiteres Porblem sind die Steuer Gesetze dies wurden durch einige Parteien egal wo mit Lobbyisten durch geführt udn Geschrieben. Es sollt eeien Verbot geben das Lobbyisten überhaupt Partei Politisch oder auch sonst Politische Ämter bekleiden dürfen. Bin mal gespannt wie das alles ausgeht

feedooweb

21.02.2013, 18:22 Uhr

"Der würde zum Ruin des Sozialstaats führen..." ist es nicht genau das, was wir gerade sehen (Eurokrise)? Als ob die paar Millionen daran was ändern würden..

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