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01.11.2013

10:47 Uhr

Strategische Konflikte

BND schlägt Alarm beim Klimawandel

Kaum sinken Öl- und Gaspreise, überlegen Union und SPD wieder verstärkt auf fossile Energien zu setzen. Davor warnt der BND: Seine Prognose – der Kampf um CO2-Emissionen wird wichtiger als die Versorgungssicherheit.

Die Zentrale des Bundesnachrichtendienst. Für den BND rückt der Klimawandel zunehmend ins Zentrum strategischer Konflikte. Reuters

Die Zentrale des Bundesnachrichtendienst. Für den BND rückt der Klimawandel zunehmend ins Zentrum strategischer Konflikte.

BerlinDer Klimawandel wird nach Ansicht des Bundesnachrichtendiensts (BND) immer stärker ins Zentrum strategischer Konflikte rücken. Angesichts einer zunehmenden Förderung von Öl und Gas sei die Versorgungssicherheit dagegen nicht mehr das zentrale Thema, heißt es nach Reuters-Informationen aus Sicherheitskreisen in einer neuen BND-Analyse. „Künftig haben wir kein Problem knapper Reserven mehr.“ Daraus folge aber, dass der Ausstoß des Klimagases CO2 zunehme und die Umwelt weiter belaste. „Der Verteilungskampf wird darum gehen, wer künftig wie viel CO2 emittieren darf“, heißt es in einer neuen Bewertung des BND, der damit seine Analyse über die Folgen der Schiefergas/öl-Funde in den USA von November 2012 und Juni 2013 aktualisiert hat. Die Warnung dürfte auch Auswirkungen auf die Koalitionsverhandlungen haben: Die Grünen warnen Union und SPD bereits davor, wieder verstärkt auf fossile Energien zu setzen.

Grund für den erwarteten dramatischen Wechsel in geostrategischen Debatten ist laut BND nicht nur, dass Schwellenländer immer mehr Energie verbrauchen. Vor allem erschwert die zunehmende Förderung von sogenanntem unkonventionellem Gas und Öl den Wechsel von fossilen auf erneuerbare Energien immer mehr. Die ausgewiesenen und anerkannten weltweiten Reserven als Öl und Gas stiegen durch neuen Fördertechnologien immer weiter. Denn der BND rechnet wegen steigender Produktion etwa in Nordamerika nicht nur mit sinkenden Gas- und Öl-Preisen. „Auch Kohle ist billiger als vor fünf Jahren“, heißt es. Denn in den USA sei Kohle teilweise von billigem Gas verdrängt worden und werde sogar nun exportiert, auch nach Deutschland. Und die frühere Sorge vor einem Versiegen der Öl- und Gasquellen ist verflogen. Stattdessen nehme die Zahl der heute nachgewiesenen anerkannten Reserven fossiler Energieträger weltweit immer mehr zu. Grund sind neue Technologien, die die Förderung aus bisher unzugänglichen Lagerstätten ermögliche.

Paradoxien der Energiewende

Ökostrom-Umlage

Sie wurde vollgepackt mit immer weiteren Industrierabatten - die Bürger müssen dies über ihren Strompreis schultern. Sie steigt 2014 auf bis zu 6,5 Cent je Kilowattstunde, obwohl laut des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien 2,6 Prozent weniger Wind- und Solarstrom produziert wurden. Der Zubau neuer Anlagen macht nur 0,2 bis 0,3 Cent des Anstiegs um bis zu 1,2 Cent aus. Hauptgrund sind die massiv gefallenen Börsenstrompreise – sinkt der Verkaufserlös für Ökostrom, wächst die Differenz zu den festgelegten Vergütungssätzen für den Grünstrom.

Stromversorger

Sie profitieren von niedrigen Einkaufspreisen, während die Versorger durch diverse Energiewende-Umlagen immer mehr bezahlen, auch die Netzentgelte steigen. Das Beratungsunternehmen Energy Brainpool hat für die Grünen-Fraktion errechnet, dass sich für 2014 eine mögliche Senkung der Beschaffungskosten zwischen 0,57 und 1,97 Cent je Kilowattstunde abzeichnet. Damit könnte womöglich der gesamte Anstieg der Ökostrom-Umlage kompensiert werden, wenn die Versorger diese Ersparnisse im Stromeinkauf weitergeben würden.

Klimaschutz ade?

Gaskraftwerke stehen still und sollen vom Netz genommen werden. Alte, klimaschädliche Braunkohlekraftwerke laufen hingegen oft durch, da der Preis für CO2-Verschmutzungsrechte extrem niedrig ist. Trotz immer mehr Ökostrom sind daher im vergangenen Jahr die CO2-Emissionen in Deutschland um 2,2 Prozent gestiegen. Ohne Reformen – etwa einer Verteuerung der CO2-Ausstoßrechte – könnte der Kohleanteil weiter steigen und diese Kraftwerke den Atomausstieg kompensieren. Eigentlich sollen dies CO2-ärmere Gaskraftwerke tun.

Kraftwerks-Probleme

Insgesamt funktioniert der Strommarkt bei 25 Prozent massiv gefördertem Ökostrom nicht mehr richtig. Soll es Sonderprämien dafür geben, dass Kraftwerke, die sich nicht mehr rechnen, am Netz gehalten werden? Denn gerade im Winter wird deren Leistung gebraucht. Doch ein solches System – für das hochmoderne Gaskraftwerk Irsching in Bayern wurde das bereits eingeführt – würde die Strompreise noch weiter steigen lassen. Daher muss eine Reform der Ökoenergie-Förderung zusammen mit einer Strommarktreform angegangen werden. Einzige Gewissheit: Es wird nicht billig.

Verheddert im Interessendickicht

Jeder will etwas anderes. Die Länder im Norden und Osten wollen die Windkraft massiv ausbauen, Bayern träumt von einer weitgehenden Energieautarkie. Auch die Parteien haben unterschiedliche Ansätze, zudem kämpfen die großen Versorger gegen immer mehr dezentrale Akteure. Ein gemeinsamer Konsens ist bisher nicht in Sicht. Das macht Reformen so schwer. Gerade das Kostenproblem droht die Akzeptanz der Energiewende zu gefährden – über die mittelfristigen Vorteile redet kaum noch jemand.

Brisant ist die Analyse und die Warnung vor einem „Deponie-Problem“ für Klimagase, weil sie nicht von Umweltschützern stammt sondern einem Auslandsgeheimdienst. Bereits heute sei absehbar, dass noch vor 2040 die Grenze eines CO2-Anteils in der Luft von 0,045 Volumen-Prozent (450 ppm) überschritten werde. Dies bedeutet, dass in einer Million Luft-Moleküle 450 Kohlendioxid-Moleküle enthalten sind. Dieser Wert gilt bei Klimaforschern und im „World Energy Outlook“ als kritische Grenze dafür, dass die Erderwärmung nicht über zwei Grad im Durchschnitt steigt. Internationale Klimaforscher hatten errechnet, dass bis 2050 dafür höchstens weitere 1110 Milliarden Tonnen C02 emittiert werden dürften. Als Folge der Erderwärmung wird etwa ein Anstieg der Meeresspiegel, die Zunahme extremer Wetterbedingungen in weiten Teilen der Welt und von Ökonomen wie dem britischen Ökonomen Nicholas Stern riesige volkswirtschaftliche Kosten erwartet.

„Schon die Verbrennung der heute nachgewiesenen Reserven von Kohle ergäbe aber Emissionen von 1700 Milliarden Tonnen CO2, bei Öl über 600 Milliarden Tonnen, bei Gas über 400 Milliarden Tonnen CO2“, wird beim BND gewarnt. Würden alle Ressourcen an fossilen Energieträgern - das sind die bekannten, aber noch nicht offiziell als nutzbar anerkannten Lagerstätten - verbrannt, ergäbe dies sogar CO2-Emissionen im gigantischen Umfang von über 40.000 Milliarden Tonnen.

Nimmt sich die neue Bundesregierung die Warnung zu Herzen, dürfte dies ein erhebliches Umdenken erfordern. Zwar hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer ersten Legislaturperiode in internationalen Klimakonferenzen selbst den Vorschlag gemacht, der Pro-Kopf-Ausstoß an Klimagasen müsse sich weltweit immer mehr annähern. Der in Industrieländern müsse also drastisch sinken, jener in Schwellenländer wie Indien dürfe indes noch steigen, weil eine wachsende Mittelschicht einen höheren Lebensstandards anstrebe. Allerdings steht zur Zeit beim Thema Energiewende in den Koalitionsverhandlungen von Union und SPD vor allem die Frage des Preises im Vordergrund. Daher werden Stimmen immer lauter, parallel zu erneuerbaren Energien auch weiter auf Kohle zu setzen. Vor allem Nordrhein-Westfalen und die ostdeutschen Länder dringt zudem darauf, um ihre Industrien zu schützen.

Von

rtr

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