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16.09.2014

16:26 Uhr

Streit über härtere Strafen

Russland-Sanktionen spalten deutsche Wirtschaft

ExklusivDeutsche Unternehmen leiden schon unter den Folgen der Russland-Sanktionen. Außenhandelspräsident Börner ist trotzdem für härtere Strafen gegen Moskau. Das sorgt für großen Unmut im Mittelstand.

Die Krise in der Ost-Ukraine bereitet der deutschen Wirtschaft Sorgen. Die Sanktionen gegen Russland treffen besonders den Maschinenbau. dpa

Die Krise in der Ost-Ukraine bereitet der deutschen Wirtschaft Sorgen. Die Sanktionen gegen Russland treffen besonders den Maschinenbau.

BerlinDer Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, hat die Forderung des Präsidenten des Handelsverbandes BGA, Anton Börner, nach härteren Russland-Sanktionen scharf zurückgewiesen. „Die Ukrainekrise kann nur am Verhandlungstisch gelöst werden. Jeder neue Dreh an der Sanktionsspirale treibt Russland weiter in die Arme Chinas“, sagte Ohoven dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). Peking springe sofort für ausfallende westliche Exporteure ein. Das gelte für das Erdgasgeschäft ebenso wie für den deutschen Maschinenbau.

„Zugleich werden die Folgen der Sanktionen im deutschen Mittelstand zunehmend spürbar“, warnte Ohoven. „So verzeichnet etwa der stark exportorientierte Maschinen- und Anlagenbau in Sachsen-Anhalt Einbußen von bis zu 50 Prozent.“ Der Kursabsturz des Rubels verteuere zudem die deutschen Exporte insgesamt. „Auch Sanktionen auf dem Kapitalmarkt dürften kaum greifen“, betonte der Mittelstandspräsident. Russlands Auslandsschulden beliefen sich auf rund 80 Milliarden Euro. Dem stünden Fremdwährungs- und Goldreserven von 470 Milliarden Euro gegenüber. Allein in den letzten zehn Monaten, so Ohoven, habe Moskau seine Goldreserven um zehn Prozent auf 1104 Tonnen aufgestockt. Damit besitze Russland die weltweit fünftgrößten Goldreserven.

Ohoven wies zudem auf eine Analyse der US-Ratingagentur Standard & Poor’s hin, wonach mehr als 80 Prozent der russischen Unternehmen über ausreichend Liquidität verfügten. Ein Ausschluss Russlands vom internationalen Zahlungssystem Swift würde daher „die Bestrebungen anderer Schwellenländer beschleunigen, eine Alternative zu Swift zu entwickeln“, warnte der Verbandschef. „Vor diesem Hintergrund ist auch die Ausweitung des chinesischen Kreditkartensystems UnionPay auf den russischen Markt zu sehen.“  

Fragen und Antworten zu Sanktionen gegen Russland

Auf welche Sanktionen müssen sich Unternehmen einstellen?

Die EU diskutiert bislang über eine mögliche Einschränkung für Rüstungsausfuhren sowie für Exporte von Hochtechnologie für den Energiebereich. Offen ist, was damit genau gemeint ist. Außerdem sollen Möglichkeiten geprüft werden, den Zugang Russlands zu den EU-Finanzmärkten zu erschweren.

Was wären die Folgen?

Eingriffe in die Finanzierung würden die russische Wirtschaft querbeet treffen. „Die Abhängigkeit Russlands von externen ausländischen Finanzierungen hat in den letzten Jahres stark zugenommen“, schreiben die Volkswirte der Hypovereinsbank (HVB). Sollte die EU dem Beispiel der USA mit einem Verbot für die Finanzierung erster russischer Unternehmen folgen, werde dies zwangsläufig sehr schnell wirken - denn bislang hätten russische Firmen Finanzierungen in Dollar zumindest teilweise durch Finanzierungen in Euro ersetzen können.

Und wie sieht es mit Handelsbeschränkungen aus?

Von Handelsverboten beispielsweise bei Rüstung und Maschinen wären natürlich die Hersteller selbst betroffen. Schon jetzt berichten Maschinenbauer über Einbrüche, obwohl es noch gar keine konkreten Schritte gibt. „Die Russen würden uns die Maschinen ja gern abnehmen, aber es ist nicht sicher, ob sie zum Zeitpunkt der Fertigstellung überhaupt noch nach Russland ausgeführt werden können“, sagt der Präsident Branchenverbandes VDMA, Reinhold Festge. Einzelne Firmen berichten, russische Kunden sähen sich schon jetzt nach Alternativen zum Beispiel in Asien um. Die mittelständische Wirtschaft fürchtet, dass ein Embargo bei uns vor allem auf Klein- und Mittelbetriebe in den Branchen Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektronische Erzeugnisse, Pharma und Nahrungsmittel zurückschlagen würde.

Wie wichtig ist denn Russland insgesamt als Kunde?

Russland hat zuletzt (2013) Waren für rund 36 Milliarden Euro in Deutschland gekauft. Das entspricht rund 3 Prozent aller Exporte. Damit steht das Land aber nur auf Platz 11 der wichtigsten Kunden, hinter Handelspartnern wie zum Beispiel Belgien, Polen, der Schweiz oder Österreich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes führen aber lediglich 10 Prozent aller Exporteure Waren nach Russland aus. „Für etwa 73 Prozent dieser Unternehmen machen die Exporte nach Russland maximal ein Viertel ihrer gesamten Exporte aus.“ Einzelne Firmen oder Branchen könnten also deutlich heftiger getroffen werden als die Gesamtwirtschaft.

Dann droht also kein handfester Konjunktureinbruch?

Eher nicht. Sollte die ohnehin aktuell schwächelnde russische Wirtschaft weiter einbrechen, hätte das zwar auch negative Konsequenzen für Deutschland. Wegen des begrenzten Anteils der Exporte nach Russland wäre das für die deutsche Wirtschaft aber „wohl verschmerzbar“, meinen die HVB-Ökonomen.

Wie könnte Russland auf ein Embargo reagieren?

Auch das ist völlig unklar. Allerdings hätte Moskau genügend Mittel für einen Gegenschlag: Binnen eines Jahrzehnts hat es das Riesenreich von Platz 16 auf Platz 8 der weltweit größten Volkswirtschaften geschafft. Ein Großteil der Wirtschaftsmacht des „Rohstoffgiganten Russland“ beruht auf Erdöl, Erdgas, Kohle sowie Metallen wie Nickel, Aluminium. Und genau hier könnte das Drohpotenzial liegen - theoretisch zumindest: „Nach rationalen Erwägungen würden sich die Russen stärker selbst schaden, wenn sie uns den Gashahn beginnen abzudrehen, weil sie ... von den Einnahmen daraus abhängig sind“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, am Donnerstag im Südwestrundfunk.

Börner hatte am Montag in der Online-Ausgabe der Zeitung „Die Welt“ die EU aufgefordert, ihre Wirtschaftssanktionen deutlich zu verschärfen. Im Bereiche der Finanzmärkte gäbe es „einige Folterinstrumente“, die Russland noch massiver treffen könnten. Börner sieht mit dem Konflikt um die Ukraine „eine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit Russland und weitere Krisen“ heraufziehen. „Das Jahr 2014 hat eine Zeitenwende eingeläutet“, sagte er in Anspielungen auf die Krisen in der Welt. „Wir werden alle Opfer bringen müssen.“

Börners Äußerungen stehen im Widerspruch zur Position des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (OA). Dessen Verbandschef Eckhard Cordes hatte am Wochenende kritisiert, die neuen Sanktionen der EU gegen Russland würden sicher nicht zur Entspannung beitragen. Die Europäer schadeten sich vielmehr letztlich damit selbst. Vermutlich befinde man sich am Beginn einer gefährlichen Sanktionsspirale. Die Äußerungen Börners wollte der Verband auf Anfrage des Handelsblatts nicht kommentieren.

Kommentare (9)

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Herr peterchen Mondfahrt

16.09.2014, 17:52 Uhr

Herr Billy Jo, Sie haben Recht dass die größten Scharfmacher die sind, die nicht darunter leiden. Wer weiß, wie viel Zeit, Geld und Nerven es kostet, gegen große Konkurrenz in einem fremden Markt Fuß zu fassen, nur der kann sich vorstellen, was da vielen Betrieben jetzt wegbricht. Diese Sanktionen sind eine Steilvorlage für Koreaner, Chinesen und Japaner und das für lange Zeit. Denn wer glaubt, das Vertrauen, das jetzt verspielt wird, einfach per ordre de mufti wieder zurückzuholn ist, der täuscht sich. Wir sind dabei uns unseren eigenen Markt für lange Zeit zu versauen. Und das nur für die Interessen einiger US-Ölbarone. Ich kann nicht glauben, dass Gabriel, Merkel und Ko das nicht wissen. Es scheint ihnen nur Sch... egal zu sein, denn es geht ihnen wie dem Stiefel-leckenden Börner: die nächste Gehaltserhöhung kommt bestimmt, so sicher wie die Erhöhung der Kraftfahrzeugsteuer nach Einführung der Maut.

Account gelöscht!

16.09.2014, 18:19 Uhr

Es ist zu spät, der Mittelstand hätte früher aufwachen und der Politik mit aller Gewalt in den Arm fallen müssen! Russland wendet sich definitiv ab von Europa und erst recht von Deutschland. So ist das eben, wenn man kleinmütig zuschaut wie korrupte nationale Politiker sich von den USA manipulieren und benutzen lassen.
Diese Lektion wird für ganz Deutschland nachhaltig teuer und am Ende wird es wie immer auf die unbekannte breite Masse abgedrückt. Wahrscheinlich müssen die Renten, die Sozialstandards im Allgemeinen und die Einnahmen bis zur kurz vor der Oberschicht noch viel weiter sinken bis einige Menschen endlich mal aufwachen.
Republikweit liest und hört man in allen Medien, aber Russland hat doch den viel größeren Schaden! Und selbst wenn dem zwei bis drei Jahre lang so wäre bis sich die russische Wirtschaft angepasst und mit anderen Partnern Lösungen geschaffen haben, so wird der deutsche Schaden nicht mehr reparabel, ja er wird nachhaltig sein. Die Massenmedien stehen immer öfters in ihren eigenen Medien, weil sie in höchster Not Massenentlassungen vornehmen müssen. Ginge es nach mir würden mindestens 90 % Prozent der willfährigen, rückgratlosen und angepassten Mitarbeiter zum Jobcenter geschickt werden. Niemand braucht und will dieses unnütze Volk, weg mit diesen Opportunisten!!! Wer will teure Abonnements bezahlen, um sich dafür auch noch ständig anlügen und verarschen zu lassen?!! In ihrer reichlichen Freizeit könnten sie dann mit Frust im Bauch in ihren Blogs mal Tacheles schreiben, diese Verlierer.

Herr Christoph Weise

16.09.2014, 18:26 Uhr

Anton Börner ist kein Wirtschaftsvertreter, sondern der Apostel einer falsch verstandenen Auffassung des Völkerrechts: ohne massive Einmischung der EU und der Ermutigungen eines Ex-Boxers durch die Bundeskanzlerin hätte es keinen Putsch in Kiew gegeben und der Krieg in der Ostukraine wäre allen Parteien erspart geblieben. Die EU und die Regierung der BRD haben diesen Konflikt mit zu verantworten. Sie sind der Aggressor, da sie ihren Einflussbereich ausweiten wollen, Russland will diesen lediglich erhalten.

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