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19.12.2016

12:20 Uhr

Streit um belgische AKW

Deutschland bleibt nur der Appell

Vor allem in Nordrhein-Westfalen gibt es große Sorgen wegen belgischer Atomkraftwerke. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks fordert die Abschaltung der Reaktoren – kann sich beim Nachbarn aber nicht durchsetzen.

Marode Atomkraftwerke in Belgien

Ein Unfall würde die Menschen in Aachen schwer treffen

Marode Atomkraftwerke in Belgien: Ein Unfall würde die Menschen in Aachen schwer treffen

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BrüsselBundesumweltministerin Barbara Hendricks dringt mit ihrer Forderung nach Abschaltung zweier belgischer Atomreaktoren nicht durch. Die Blöcke Doel 3 und Tihange 2 unweit der deutschen Grenze seien besonders problematisch, sagte die SPD-Politikerin am Montag in Brüssel. Der Bitte nach Stilllegung und Überprüfung sei Belgien aber nicht gefolgt. Nun sollen zumindest Informationen ausgetauscht werden.

Dazu will Hendricks am Nachmittag (14.15 Uhr) mit dem belgischen Innenminister Jan Jambon ein deutsch-belgisches Nuklearabkommen unterzeichnen. Damit wird eine gemeinsame Kommission gegründet, um sich gegenseitig zu informieren und Atomkraftwerke im jeweils anderen Land aufzusuchen.

Die deutschen Atomkraftwerke und ihre Restlaufzeiten

Schrittweiser Automausstieg

Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 nahm die Bundesregierung ihre erst ein Jahr zuvor vereinbarte Laufzeitverlängerung für die Kernkraftwerke zurück und beschloss einen schrittweisen Atomausstieg. Statt frühestens 2036 soll nun der letzte Meiler bis 2022 vom Netz gehen. Acht AKW wurden 2011 sofort stillgelegt.

Rückbau

Der Rückbau wird Jahre dauern und Milliarden kosten - hinzu kommen die ungewissen Kosten bei der Endlagerung des Atommülls. Die Restlaufzeiten der noch in Betrieb befindlichen Reaktoren:

Neckarwestheim II (Baden-Württemberg)

Haupteigentümer: EnBW

Nennleistung in Megawatt: 1395

Restlaufzeit: fünf Jahre (1989 - 2022)

Philippsburg II (Baden-Württemberg)

Haupteigentümer: EnBW

Nennleistung in Megawatt: 1458

Restlaufzeit: zwei Jahre (1984 - 2019)

Isar II (Bayern)

Haupteigentümer: Eon

Nennleistung in Megawatt: 1475

Restlaufzeit: fünf Jahre (1988 - 2022)

Gundremmingen B (Bayern)

Haupteigentümer: RWE/Eon

Nennleistung in Megawatt: 1344

Restlaufzeit: bis Ende des Jahres (1984 - 2017)

Gundremmingen C (Bayern)

Haupteigentümer: RWE/Eon

Nennleistung in Megawatt: 1344

Restlaufzeit: vier Jahre (1984 - 2021)

Grohnde (Niedersachsen)

Haupteigentümer: Eon

Nennleistung in Megawatt: 1360

Restlaufzeit: vier Jahre (1984 - 2021)

Emsland (Niedersachsen)

Haupteigentümer: RWE/Eon

Nennleistung in Megawatt: 1400

Restlaufzeit: fünf Jahre (1988 - 2022)

Brokdorf (Schleswig-Holstein)

Haupteigentümer: Eon/Vattenfall

Nennleistung in Megawatt: 1440

Restlaufzeit: vier Jahre (1986 - 2021)

„Wir schaffen durch eine solche Kommission nicht mehr Sicherheit, aber wir kriegen einen regelmäßigen Informationsaustausch“, sagte Hendricks. „Für die Sicherheit bleibt ganz allein die belgische Regierung verantwortlich.“

Vor allem in Nordrhein-Westfalen gibt es große Sorgen wegen Tihange 2 und Doel 3. In den Anlagen wurden vor einigen Jahren Haarrisse in den Reaktorbehältern entdeckt. Hendricks fordert, die Meiler solange vom Netz zu nehmen, bis alle Sicherheitsbedenken ausgeräumt sind.

Deutschland bleibe nicht mehr als ein Appell an die belgische Regierung, die darauf nicht eingegangen sei, sagte die Ministerin. Hendricks wertete aber das Abkommen als Entgegenkommen. Ein erster Anlauf für einen solchen Vertrag sei vor 20 Jahren nicht erfolgreich gewesen. „Jetzt haben wir das, so wie mit anderen Nachbarn auch.“

Belgien hatte sich schon einmal zu einem Atomausstieg ab 2015 entschlossen, die Laufzeiten aber dann doch wieder bis 2025 verlängert. Das Land deckt mehr als die Hälfte seines Stromverbrauchs mit Atomkraft.

Reaktorsicherheitsexperte Hans-Josef Allelein von der RWTH Aachen nannte im Deutschlandradio Kultur die belgische Sicherheitskultur zumindest zweifelhaft. Forderungen nach einem Abschalten der beiden Reaktoren in Doel und Tihange hält Allelein aber offenbar für übertrieben. „Ich bin von den beiden Reaktoren weniger beunruhigt als über das, was ich in der Gesamtheit gesehen habe“, sagte er. „Das genaue Hingucken der deutschen Seite finde ich absolut richtig und hat sich auch gelohnt, und das alles ist alarmierend.“

Von

dpa

Kommentare (4)

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Herr Riesener Jr.

19.12.2016, 13:28 Uhr

Es wird Zeit, dass endlich mal ein (vernünftig konstruierter) Reaktor (also nicht so ein fehlkonstruierter Tschernobyl-Reaktor) im laufenden Betrieb in die Luft fliegt. Ansonsten hätten die Grünen bei den Menschen nur Schaden angerichtet: Angst, Angst, Angst.

Oder ??

Herr Old Harold

19.12.2016, 13:58 Uhr

Deutschland bleibt nicht nur der Appell an Belgien.

Deutschland könnte gegenüber der EU eine verbindliche Erklärung abgeben, dass es für Reaktorkatastrophen innerhalb der EU keine finanziellen Mittel zur Verfügung stellt.

Herr Riesener Jr.

19.12.2016, 14:22 Uhr

@Old Harold: Den Deutschen kann man leicht Angst einjagen, den Belgiern offenbar weniger. Ihr Vorschlag könnte fiktive EUR sparen. Man könnte aber auch reale EUR sparen, wenn man endlich die gigantischen Subventionen für Erneuerbare streichen würde (JEDES Jahr 'zig Milliarden, also zehntausende Millionen...)

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