Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.04.2015

07:21 Uhr

Streit um Bundeswehr-Sturmgewehr G36

Grüne drohen mit Untersuchungsausschuss

Angeblich trifft das G36-Sturmgewehr bei Dauerfeuer nicht richtig. Nun stellt sie sich die Verteidigungsministerin den Fragen der Bundestagsabgeordneten zu dem Thema.

Kurden im Irak finden das umstrittene Sturmgewehr von Heckler & Koch "super", in Deutschland streiten Experten um seine Treffsicherheit. dpa

Kurden im Irak finden das umstrittene Sturmgewehr von Heckler & Koch "super", in Deutschland streiten Experten um seine Treffsicherheit.

BerlinDie Grünen haben von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) umfassende Aufklärung über die Präzisionsprobleme beim Sturmgewehr G36 gefordert. „Wenn von der Leyen an diesem Mittwoch im Verteidigungsausschuss nicht endlich für Klarheit über den desaströsen Umgang des Verteidigungsministeriums mit dem G36 sorgt, muss ein Untersuchungsausschuss die Missstände aufklären“, sagte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter der Deutschen Presse-Agentur.
Von der Leyen nimmt am Mittwoch in den Fachausschüssen des Bundestags zu den Problemen Stellung. In der vergangenen Woche hatten Experten der Standardwaffe der Bundeswehr ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Nach ihren Untersuchungen sinkt die Trefferquote bei extremer Erhitzung von den erforderlichen 90 auf nur noch 7 Prozent.

Die Mängelliste der Bundeswehr

Kampfhubschrauber

Von den 31 TIGER-Kampfhubschraubern stehen dem Heer derzeit nur 10 zur Verfügung

Transporthubschrauber

Nur 8 von 33 NH90-Transporthubschrauber sind aktuell einsatzbereit

Kampfjets

Der sogenannte Buchbestand an EUROFIGHTER-Kampfjets liegt bei 109, davon sind theoretisch 74 verfügbar, aber nur 42 einsatzbereit.

Marine

Bei der Hubschrauberflotte der Marine sieht es besonders düster aus. Nur 3 von 15 Hubschraubern des Typs SEA KING könnten derzeit abheben. Bei den SEA LYNX sind es 4 von 18.

Fahrzeuge

Bei allem, was Räder hat, sieht es besser aus. Von den 180 gepanzerten BOXER-Transportfahrzeugen könnten aktuell nur 70 in einen Einsatz geschickt werden.

Von der Leyen lässt nun prüfen, ob die rund 167.000 G36 in den Beständen der Bundeswehr ausgemustert werden müssen. Die Opposition wirft ihr vor, in der Affäre zu zögerlich zu agieren. Neben den Grünen behalten sich auch die Linken die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses vor.
Der Bundeswehrverband fordert schnellen Ersatz für das umstrittene Sturmgewehr. Zwar vertrauten die Soldaten weiter ihrer Standardwaffe, sagte Verbandschef André Wüstner der Deutschen Presse-Agentur. „Natürlich erwarten sie dennoch, dass als Konsequenz eine neue Waffe beschafft wird - und das wesentlich schneller als in den anvisierten zehn Jahren.“ Das Bundesamt für die Ausrüstung der Bundeswehr hatte geschätzt, dass ein Austausch bis zu zehn Jahre dauern würde.

G 36 - Das Standardgewehr der Bundeswehr

Fast 20 Jahre dabei

Das Sturmgewehr G36 gehört seit 1996 zur Standardausrüstung jedes Bundeswehrsoldaten.

Hersteller

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wurden 176 544 der Waffen bei dem baden-württembergischen Hersteller Heckler & Koch eingekauft, von denen noch 166 619 genutzt werden.

Material

Das Gewehr besteht zum großen Teil aus Kunststoff und ist deswegen mit einem Gewicht von dreieinhalb Kilogramm vergleichsweise leicht.

Kaliber

Es hat ein Kaliber von 5,56 mal 45 Millimetern und kann Einzelschüsse und Dauerfeuer abgegeben.

Geschenk an kurdische Armee

8000 G36-Gewehre hat die Bundeswehr an die kurdische Armee im Nordirak für ihren Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat abgegeben.

Hofreiter kritisierte, das Ministerium habe über Jahre hinweg alles daran gesetzt, die Probleme zu verschleiern. „Das offenbart nicht nur das bereits bekannte Management-Desaster im Verteidigungsministerium, sondern eine unverantwortliche Verletzung der Fürsorgepflicht gegenüber den Soldatinnen und Soldaten.“
Bisher sei die Ministerin an der Aufklärung der Missstände gescheitert, sagte der Grünen-Politiker weiter. Von der Leyen müsse endlich umfassend aufklären, die Verantwortlichen nennen und Konsequenzen ziehen: „Tut sie das nicht, ist ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss unausweichlich.“
Zweifel an der Treffsicherheit des G36 waren dem Verteidigungsministerium mindestens seit November 2011 bekannt. Zunächst waren aber kaum Konsequenzen gezogen worden.

„Spiegel Online“ und „Süddeutsche Zeitung“ (Mittwoch) berichteten, der damalige Verteidigungs- und heutige Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sei bereits im Frühjahr 2012 detailliert über Probleme mit dem G36 unterrichtet worden.
Das neue Gutachten gab seine Nachfolgerin von der Leyen im Juni 2014 in Auftrag, ein halbes Jahr nach ihrem Amtsantritt. Der G36-Hersteller Heckler & Koch aus Oberndorf (Baden-Württemberg) zweifelt die Expertise an und hat schon mehrfach erklärt, aus seiner Sicht funktioniere die Waffe einwandfrei.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×