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09.09.2016

04:00 Uhr

Streit um EU-Richtlinie

Bedrohte Reisebüros können hoffen

VonDietmar Neuerer

Mit ihren Plänen für ein schärferes Reiserecht hat die Bundesregierung großen Unmut in der Branche ausgelöst. Doch der Spielraum für Korrekturen am Gesetz ist gering. Das Justizministerium sucht dennoch nach Lösungen.

Die Arbeit für Reisebüros, die Einzelleistungen für ihre Kundschaft zusammenstellen und verkaufen wollen, dürfte durch die neuen Regelungen aufwändiger werden. dpa

Reisebüro

Die Arbeit für Reisebüros, die Einzelleistungen für ihre Kundschaft zusammenstellen und verkaufen wollen, dürfte durch die neuen Regelungen aufwändiger werden.

BerlinIn den Streit um die Umsetzung der EU-Pauschalreiserichtlinie in nationales Recht kommt Bewegung. Das Bundes-Justizministerium hat nach Informationen des Handelsblatts Vertreter der Reisebranche für diesen Freitag ins Ministerium geladen, um nach „vertretbaren Lösungen“ für diverse kritische Punkte im Gesetzentwurf von Bundesminister Heiko Maas (SPD) zu suchen.

Insgesamt acht Verbände, darunter der Deutsche Reiseverband (DRV), der Deutsche Tourismusverband (DTV), der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) und der ADAC, sollen im Rahmen eines ganztägigen „Praxis-Workshops“ dem Ministerium „einige der wesentlichen Probleme detailgenau erläutern“.

Die Tourismusverbände hatten jüngst schon in einer Anhörung vor Schäden für die Branche gewarnt, sollte die Bundesregierung wie geplant das Recht bei Pauschalreisen im Einklang mit EU-Vorgaben verschärfen. „Wird der Referentenentwurf nicht geändert, würde das die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für kleine und mittelständische Reisebüros massiv verschlechtern und zu einer erheblichen rechtlichen Unsicherheit führen“, erklärte der DRV gegenüber dem Handelsblatt. „Wir sind der Überzeugung, dass sich ein Großteil der Befürchtungen der Branche auflösen lassen, wenn klare, präzise definierte und ausbalancierte Regelungen entwickelt würden.“

Was blumige Formulierungen in Reisekatalogen bedeuten

Idylle in ruhiger Lage

Die Unterkunft liegt fernab der touristischen Infrastruktur.

Touristisch gut erschlossen

Das heißt, es steht Riesenhotel neben Riesenhotel und es sind Massen an Touristen zu erwarten.

Direkt am Meer

Statt am erhofften Badestrand liegt das Hotel womöglich an einer Steilküste oder dem Hafen.

Meerseite

Den Blick aufs Meer garantiert das nicht, vermutlich ist er durch andere Häuser versperrt.

Naturbelassener Strand

Dahinter verbirgt sich wahrscheinlich ein ungepflegter Strand. Mit feinem Sand kann der Urlauber nicht rechnen, eher mit Kieselsteinen, manchmal sogar mit Müll. Eventuell liegt der Strand auch im Abwasserbereich.

Aufstrebende Gegend

Derart angepriesene Urlaubsorte erweisen sich oft als unterentwickelt. Zudem stören meist zahlreiche Baustellen das Urlaubsvergnügen.

Verkehrsgünstige Lage

Das Hotel liegt wahrscheinlich an der Hauptverkehrsstraße. Autolärm rund um die Uhr wird den Gästen kaum Ruhe und Erholung gönnen.

Unmittelbar an der Strandpromenade

Was sich nach gepflegter Flaniermeile anhört, ist oft eine viel befahrene Küstenstraße.

Relativ ruhig im Zentrum der Altstadt

Die Gäste sollten am besten ein Mittagsschläfchen halten, um nachts wieder fit zu sein, wenn Leben in die Gegend kommt.

Internationale Atmosphäre

Alkoholisierte aus aller Welt möchten sich lautstark amüsieren.

Familiäre Atmosphäre

Es ist damit zu rechnen, dass die Tischnachbarn im Bikini oder Jogginganzug zu Abend essen.

Kinderfreundliches Haus

Ruhebedürftige sollten sich hier nicht einquartieren. Kinder sind nun mal etwas lauter.

Neues Hotel

Möglicherweise ist die Hotelanlage noch gar nicht ganz fertig und Garten oder Terrasse sind noch eine Baustelle.

Zweckmäßig eingerichtete Unterkunft

Dies bedeutet Minimalausstattung ohne jeglichen Komfort.

Helle und freundliche Zimmer

Das ist ein bisschen besser als die "zweckmäßig eingerichtete Unterkunft", aber kein besonderer Komfort.

Unaufdringlicher Service

Die Kellner sind hier mitunter so unaufdringlich, dass es mit dem Abendessen länger dauern kann.

Kontinentales Frühstück

Auf den Tisch kommen nur Brot, Marmelade, Butter, Kaffee und Tee. Spricht der Katalog von einem "verstärkten Frühstück", dann gibt es vielleicht auch Wurst oder Käse und ein Ei.

Beheizbarer Swimmingpool

Das garantiert noch lange kein warmes Wasser.

Hintergrund ist die neue EU-Pauschalreiserichtlinie, die bis Ende 2017 in nationales Recht umgesetzt werden muss. Sie soll den Verbraucher unter anderem vor den Auswirkungen einer Insolvenz von Reiseanbietern schützen. Da die neue Richtlinie den Pauschalreisebegriff erweitert und besondere Regeln für so genannte verbundene Reiseleistungen vorsieht, befürchten Reisebüros in die sogenannte Veranstalterhaftung zu geraten. Die Richtlinie strebt eine Vollharmonisierung des Reiserechts an. Die Politik in Deutschland hat daher kaum Spielräume bei der Umsetzung.

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