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07.04.2012

09:52 Uhr

Streit um Förderung

Was darf Kultur kosten?

VonSven Prange, Claudia Schumacher

Vier Kultur-Experten fordern, die Hälfte aller kulturellen Einrichtungen zu schließen. Das wäre gar nicht nötig, wenn die sich selbst finanzieren könnten. Ein Plädoyer für eine Koalition von Kultur und Ökonomie.

Bei den letzten Bayreuther Festspielen machten die Sozialkassen 260.00 Euro Verlust ap

Bei den letzten Bayreuther Festspielen machten die Sozialkassen 260.00 Euro Verlust

DüsseldorfWenn Katharina Wagner auf dem Grünen Hügel zu Bayreuth über das Erbe ihrer Familie und den Zustand der Bayreuther Festspiele spricht, klingt das lyrischer als alle Nibelungengesänge. Die Chefin der Bayreuther Festspiele schwärmt dann über die Vorbereitung für den „Fliegenden Holländer“ in diesem Jahr, die „sehr viel Spaß“ mache, und über das junge Regieteam, das „hochmotiviert und enthusiastisch“ sei.

Allerdings lässt sich Wagners Erbe auch mit einem anderen Blick betrachten. Dann sieht es auf dem Hügel aus wie die Welt am Ende des Nibelungenrings: chaotisch.

Beim letzten Festspiel blieben Plätze unbesetzt, der Bundesrechnungshof bemängelte Rechnungslegung und Ticketverkauf. Die Sozialkassen vermissten 260000 Euro. Deswegen müssen die Wagner-Erbinnen Katharina und Eva die Macht über das Familien-Walhall künftig mit einem Geschäftsführer teilen. Das haben die Finanziers aus Freistaat, Kommune und Bund diese Woche beschlossen – und damit einem Drama ein Ende bereitet, das für die deutsche Bühnenwelt typisch ist: Es gehört zum guten Ruf all jener, die am Schönen arbeiten, sich um Kosten und Strukturen nicht allzu sehr zu kümmern.

Die Intendantinnen Katharina Wagner (r.) und Eva Wagner-Pasquier bei der Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele 2011. dpa

Die Intendantinnen Katharina Wagner (r.) und Eva Wagner-Pasquier bei der Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele 2011.

Das resultiert aus einem einmaligen Einnahmemodell: Kaum irgendwo hat sich die Subventionitis so ausgebreitet wie im deutschen Kulturbetrieb. Es gibt etwa 400 Bühnen im Land – Opern, Ballette, Theater, Nationaltheater, Staatsbühnen, Kommunaltheater, Landestheater, Stadtopern, Landesopern, Staatsopern. Es gibt 5000 Museen, es gibt Volkshochschulen, Kunstakademien, Musikschulen, Bibliotheken. Neun Milliarden Euro geben Städte, Kreise, Länder und Bund jährlich dafür aus. Es gibt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der fast genauso viel Geld bekommt und damit ebenfalls ein gutes Dutzend eigener Orchester unterhält; es gibt die Goethe-Institute, die die ganze Welt mit deutschem Kulturgut beglücken.

Brauchen wir das alles? Und wenn ja: Können wir uns das auch leisten?

Dieter Haselbach, Armin Klein, Stephan Opitz und Pius Knüsel geben darauf eine klare Antwort: „Deutschlands Kulturbetrieb steht vor dem Infarkt. Von allem gibt es zu viel und nahezu überall das Gleiche.“ Sie haben ein Buch veröffentlicht: „Der Kulturinfarkt“. Ihr Vorschlag: Deutschland solle die Hälfte seiner Kulturbetriebe schließen. Das Geld, das frei werde, solle die verbleibenden Einrichtungen zukunftstauglich machen. Seitdem das Quartett – Kulturmanager, Professoren, Behördenleiter – dieses Buch veröffentlicht hat, tobt eine Debatte.

Dieter Haselbach kritisiert die hohen Subventionen für Kultur in Deutschland. dpa

Dieter Haselbach kritisiert die hohen Subventionen für Kultur in Deutschland.

Als „vier lebenslang durchsubventionierte Herren des Kulturfunktionärtums“ beschimpft die ehemalige Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler die Autoren. Dem „FAZ“-Kunstredakteur Niklas Maak gelten sie als „Club ergrauter Kulturfunktionäre, die noch einmal die rhetorische Harley rausholen und mit mattem Thesenknattern um den eigenen Block fahren“. Berlins Kultursenator André Schmitz schimpft: Die Autoren seien „schlechte Patrioten“. Und Thomas Steinfeld schreibt in der „Süddeutschen Zeitung“: „Jetzt ist die Debatte dort angelangt, wo in Deutschland all diese Auseinandersetzungen enden: bei den inneren Kämpfen des Kulturbetriebs.“

Dabei haben die Autoren eine recht einfache Forderung: Sie wollen nicht weniger Geld für Kultur, sie wollen es nur nicht mehr auf so viele Angebote verteilen. Ihr Argument: Masse tötet Klasse.

Doch die Lage im deutschen Kulturbetrieb ist nicht nur schlecht. Sie ist geprägt von einer einmaligen Vielfalt, rührigen Intendanten, pflichtbewussten Volksunterhaltern. Von einem System, das nicht einfach mit dem Rasenmäher zu sanieren ist. Einem System aber, das ein paar  Fragen aufwirft: Woran liegt es, wenn etwa das Theater Oberhausen eine Auslastung von nur gut 60 Prozent hat: daran, dass es zu viele Schauspielhäuser im Ruhrgebiet gibt? Oder daran, dass Künstler dort Schauspiele inszenieren, die niemand sehen will?

„Der Kulturinfarkt“ heißt das Buch, das eine Debatte über die Finanzierung von Kulturangeboten ausgelöst hat. dpa

„Der Kulturinfarkt“ heißt das Buch, das eine Debatte über die Finanzierung von Kulturangeboten ausgelöst hat.

Diese Fragen zeigen: Wenn wir in Zukunft die Kulturlandschaft nur von Controllern bestellen lassen, führt das nicht weiter. Dennoch: So wie bisher kann es auch nicht weitergehen. Wenn Berlin mit einer Milliarde Euro im Jahr doppelt so viel Geld für Kultur ausgibt wie das viermal so große New York, dann läuft etwas schief. Wenn im Rhein-Main-Gebiet in einem Umkreis von 100 Kilometern drei Opern die gleichen Stücke aufführen, darf sich niemand über mangelndes Publikum wundern. Wenn eine Pleite-Stadt wie Wuppertal ein Schauspielhaus und eine Oper unterhalten will, zeugt das von falschen Anreizen im System.

Um mit dem Ökonomen Wilhelm Röpke zu sprechen: „Marktwirtschaft ist nicht genug.“ Aber ohne Marktwirtschaft geht es auch nicht. 

Es gilt darum, eine Balance zwischen kultureller Notwendigkeit und ökonomischem Kalkül zu finden. Die Basis dafür bietet der deutsche Kulturbetrieb: Da, wo schlaue Kulturmanager grundlegende Gesetze betriebswirtschaftlichen Handelns beachten – etwa im subventionsfreien Festspielhaus Baden-Baden oder im stiftungsgetragenen Städel-Museum Frankfurt –, da funktioniert Kultur. Wer transparent wirtschaftet, wer berücksichtigt, dass Angebot und Nachfrage ein Gleichgewicht bilden sollen, wer Preise sinnvoll gestaltet und auf sein Publikum eingeht, hat Erfolg. Mal mit, mal ohne Staatsgeld. Dass es diese Beispiele gibt, zeigt, dass sich eine Debatte lohnt, die mehr als Sparmaßnahmen erörtert.   

Kommentare (15)

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Domenq

07.04.2012, 10:33 Uhr

Bei jedem der gewaltigen Rettungspakete habe ich mich gefragt: Wann kommt die Rechnung?

Jetzt ist sie also da!

Charly

07.04.2012, 11:03 Uhr

Hat sich nicht das Handelsblatt vor einigen Tagen an einer Propagandaaktion gegen die "Umsonstgesellschaft" beteiligt?

Wer z.B. besucht die Bayreuther Festspiele?
Die "Umsonstgesellschaft" wird es wohl kaum sein.
Warum sollen also die über Steuergelder dafür bezahlen, damit der reichere Teil der Bevölkerung sich vergnügen kann.

Warum zahlen die welche dorthin wollen nicht höhere Ticketpreise?
Die Teile der Bevölkerung die z.B. Bayreuther Festspiele besuchen sind doch gerade die gleichen welche die "Umsonstgesellschaft" bemängeln.

puk

07.04.2012, 11:35 Uhr

Der Kulturinfarkt findet in den Köpfen einiger Apparatschiks statt, die Kultur als Handelsware verstehen, die ebenso markttauglich gemacht werden soll, wie ein Pfund Kartoffel. Es soll nur noch das angeboten werden, was der Kultur-Kunde will. Dass man dadurch Spielplangestaltung und das Kulturangebot allgemein einer absurden Demoskopie unterwerfen würde, die jede kulturelle Vielfalt verhindert, kommt diesen marktliberalen Dilettanten nicht in den Sinn. Der Hinweis, das Festspielhaus Baden-Baden würde sich ohne Subventionen selbst finanzieren, ist wohl ein Witz, wenn man betrachtet, was Stadt und Land jährlich zuschießen. Der Hinweis auf eine Unterscheidung zwischen kultureller Notwendigkeit und ökonomischem Kalkül klingt zwar gut, bedeutet aber realiter gar nichts. Es ist eine wirtschaftstheoretische Leerformel, die nur vorgibt etwas zu kennen. Angesichts der Marginalie, wie vor Jahren Richard von Weizsäcker die Kultursubvention genannt, die sich Deutschland allemal leisten sollte und kann, ist die Diskussion zwar nicht neu, aber wohlfeiles Instrument einzelner, sich wichtig zu tun. Das Buch "Kulturinfarkt" ist ein Konglomerat von Plattitüden und Falschdarstellungen. Man stellt Parameter auf, die bereits vor Jahren durch die Unternehmensberatung Kienbaum Consultans als ungeeignet und fehlerhaft erkannt wurden. Kulturelle Einrichtungen einer marktwirtschaftlichen Analyse zu unterziehen macht neben der reinen betriebswirtschaftlichen Betrachtungsweise eine makroökonomische Bewertung notwendig, um nachzuweisen, inwieweit sich Kultur rechnet. Und da sieht die Sache völlig anders aus. Der volkswirtschaftliche Ertrag (VGR) übersteigt nämlich bei weitem die jährlichen Subventionen. Das will natürlich keiner der Kritiker hören, weil die betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen Analyse besser in ihr marktideologisches Konzept passt. An den Fakten ändert das nichts. Kultur muss von der Allgemeinheit getragen werden, um die kulturelle Freiheit zu gewährleisten, die notwendig ist.

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