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05.09.2012

07:11 Uhr

Streit um Konsequenzen

Flugbegleiter-Streik ein Fall für die Arbeitsgerichte?

VonDietmar Neuerer

ExklusivDass die Lufthansa-Flugbegleiter ganz Deutschland lahmlegen wollen, sorgt für großen Unmut. Handelt die Gewerkschaft verhältnismäßig? Nein, sagt die Politik. Ein Experte widerspricht und weist einen Weg aus dem Dilemma.

Nach Streiks

Einschränkungen im Flugverkehr

Nach Streiks: Einschränkungen im Flugverkehr

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BerlinDer Streik der Lufthansa-Flugbegleiter hat bereits Zehntausende Passagiere getroffen. Aber die Eskalation geht weiter: Für Freitag kündigte die Gewerkschaft Ufo die erste ganztägige bundesweite Aktion an. Die Politik schäumt, hat aber kurzfristig kaum eine Möglichkeit einzugreifen. Ihre Pläne sehen harte gesetzgeberische Konsequenzen vor.

Davon hält der ehemalige Chef der Monopolkommission, Justus Haucap, wenig. Er lehnt Überlegungen der Politik ab, angesichts des Streiks der Flugbegleiter eine gesetzliche Regelung zur Wiederherstellung der Tarifeinheit anzustreben. „Ich halte nichts davon, bei jedem kleineren Streik zu fordern, das Recht von Gewerkschaften zu beschneiden“, sagte der Direktor des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomie Handelsblatt Online. Wichtig sei vielmehr, dass auch bei Streiks die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibe und die Interessen der eigentlich unbeteiligten Verbraucher berücksichtigt würden. „Diese Abwägung sollten gegebenenfalls die Arbeitsgerichte vornehmen.“

Das Wichtigste zum Lufthansa Streik

Wie erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Ob, und welche Flüge konkret betroffen sind, können Kunden auf der Lufthansa Website prüfen. Das Lufthansa Service Center steht bei Flugunregelmäßigkeiten kostenlos auch telefonisch zur Verfügung:

0800 / 8 50 60 70

Worum geht es eigentlich?

Offiziell streiken die Flugbegleiter lediglich für mehr Geld. Sie verlangen nach drei Jahren Nullrunde ein Einkommensplus von fünf Prozent sowie höhere Gewinnbeteiligungen. Im Hintergrund geht es um die Zukunft des Lufthansa-Konzerns. Das Management will eine Billigeinheit für Direktflüge mit zunächst rund 90 Flugzeugen und 2000 Beschäftigten gründen, für die deutlich niedrigere Tarife gelten sollen. Bei allen übrigen sollen Gehaltsstufen abgeflacht werden, neue Kräfte nicht mehr so schnell aufsteigen können. Weil Ufo dabei nicht mitmachen wollte, hat Lufthansa zudem Leiharbeiter eingesetzt.

Die UFO-Taktik

Die Gewerkschaft UFO will eine Nadelstichtaktik führen. Um der Lufthansa möglichst wenig Zeit zur Vorbereitung zu lassen, veröffentlicht sie die bestreikten Flughäfen erst wenige Stunden vor Beginn der Arbeitsniederlegung. Als nächste Stufe des Arbeitskampfes wird ein flächendeckender Streik vorbereitet, sagt Ufo-Chef Nicoley Baublies. Damit erhofft sich die Gewerkschaft ein Einlenken der Lufthansa auf ihre Forderungen.

Wie reagiert die Lufthansa?

Man habe mehrere Szenarien in der Schublade und werde möglichst viele Flüge stattfinden lassen, sagt Sprecher Thomas Jachnow. Vorrang haben die Interkontinentalverbindungen, während innerdeutsche Flüge am einfachsten auf die Bahn verlagert werden können. Auch Umbuchungen auf andere Airlines sind möglich

Wie hoch ist die Kampfbereitschaft der Stewards und Stewardessen?

Das ist die spannende Frage in diesem Tarifkonflikt. Im Gegensatz zu den weit besser verdienenden Piloten oder den Fluglotsen bei der Deutschen Flugsicherung haben die Flugbegleiter bislang noch nie einen richtigen Arbeitskampf durchstehen müssen. Lufthansa-Personalvorstand Stefan Lauer hat sich vor wenigen Tagen noch sicher gezeigt, dass es zu großen, flächendeckenden Streiks nicht kommen werde. Sicher ist aber, dass es in der einstmals geschlossenen und stolzen Lufthansa-Belegschaft wegen der umfassenden Sparpläne gärt.

Wie lange hält die Gewerkschaft einen Arbeitskampf durch?

An mangelnden Mitteln aus der Streikkasse werde der Arbeitskampf nicht scheitern, sagt Baublies. Die langsame Eskalation schont zumindest am Anfang auch das Ufo-Vermögen. Eine Strategie könnte es sein, nur wenige Streikende pro Flug zu organisieren, weil die Flieger mit Mindestbesatzungen starten müssen. Vor allem bei den eng besetzten Europaflügen ist eigentlich kein Puffer drin, so dass bereits der Ausfall eines Flugbegleiters den Start verhindern kann. Das sehen gesetzliche Vorschriften vor.

Kann die Lufthansa nicht einfach Ersatzleute anheuern?

Das wird schwierig, wenngleich der zuständige Personalchef Peter Gerber sich das durchaus vorbehalten hat. Doch der Arbeitsmarkt ist nicht gerade üppig besetzt. Die Grundausbildung ist zwar mit zwölf Wochen relativ kurz, aber es kann nicht jeder Flugbegleiter auf jedem Jet eingesetzt werden. Aus Sicherheitsgründen sind die Leute jeweils nur auf bestimmte Flugzeugtypen zugelassen. Zudem sind Leiharbeiter nicht verpflichtet, sich als Streikbrecher zu betätigen.

Wann erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Sechs Stunden vor Beginn der Streikmaßnahmen will die UFO bekannt geben, an welchen Flughäfen sie streikt. Gewerkschaftschef Nicoley Baublies verspricht, bereits am Vorabend zu warnen, wenn ein Streik früh am nächsten Morgen beginnt.

Die gerichtliche Kontrollmöglichkeit von Streiks sei daher wichtig, habe aber gerade in jüngerer Vergangenheit auch „ganz gut“ funktioniert.  Aktuell sehe er „keinen gesetzgeberischen Handlungsbedarf“, zumal auch die Streikaktivitäten in Deutschland im internationalen Vergleich „nicht besonders ausgeprägt“ seien.

Eine gesetzliche Regelung müsse zudem verfassungskonform sein und auch die negative Koalitionsfreiheit wahren, sagte Haucap weiter. Dies bedeute, Interessengruppen müssten das Recht haben einer Gewerkschaft fern zu bleiben oder auch eine neue zu gründen. Haucap warnte vor den Nachteilen einer gesetzlichen Regelung: „Der Zwang zur Tarifeinheit würde faktisch ein Zwang für Minderheiten sein, sich Mehrheiten unterzuordnen.“ Dies mache es dann „sehr schwer“ für Minderheiten, ihre Interessen überhaupt durchzusetzen. „Eine effektive gerichtliche Kontrolle von Streikaktivitäten, welche auch die Belange der Verbraucher berücksichtigt, halte ich da für besser“, betonte der Ökonom.

Am kommenden Freitag streiken die Flugbegleiter der Lufthansa bundesweit von 0 bis 24 Uhr. Das teilte ihre Gewerkschaft Ufo mit. Grund sei, dass die Fluggesellschaft sich in dem Tarifkonflikt bislang nicht bewegt habe. Die Lufthansa muss sich damit auf einen der größten Arbeitskämpfe ihrer Geschichte gefasst machen. Am Dienstag waren etwa 43.000 Fluggäste der Lufthansa von den Streiks in Frankfurt am Main, München und Berlin betroffen. Insgesamt fielen knapp 350 Flüge aus. Ufo hatte die Stewardessen und Stewards in Berlin und Frankfurt zur Arbeitsniederlegung vom frühen Morgen an aufgerufen.

Kommentare (23)

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SlingShot

05.09.2012, 07:56 Uhr

die Kleinstgewerkschaften waren der Untergang der britischen Industrie. Fuer Deutschland sind die Weichen jetzt aehnlich gestellt.

tenedorDELdiablo

05.09.2012, 08:26 Uhr

LH personal es arrogante .

Account gelöscht!

05.09.2012, 08:57 Uhr

Gewerkschaften und Betriebsräte neigen immer mehr zum kollektiven Vertragsbruch. Das sind kriminelle Tendenzen. Die Antwort müsste eine sofortige Einstellung aller Gehaltszahlungen sein.

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