Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.07.2013

13:21 Uhr

Streitgespräch Wohnungsnot

„Mieten müssen steigen“ – „Millionen werden abgehängt!“

VonMaike Freund, Jörg Hackhausen

Die Politik will Mieten deckeln. Macht das Sinn? Darüber streiten Michael Voigtländer vom IW und Lukas Siebenkotten vom Mieterbund. Einer findet hohe Mieten gut, dem anderen fällt vor Staunen das Brötchen aus der Hand.

„Die hohen Mieten setzen Anreize“, sagt Michael Voigtländer (links), Experte des IW Köln. „Wir müssen Exzesse verhindern“, kontert Lukas Siebenkotten, Direktor Deutscher Mieterbund. Frank Beer für Handelsblatt

„Die hohen Mieten setzen Anreize“, sagt Michael Voigtländer (links), Experte des IW Köln. „Wir müssen Exzesse verhindern“, kontert Lukas Siebenkotten, Direktor Deutscher Mieterbund.

Gibt es eine Wohnungsnot in Deutschland?
Michael Voigtländer: Wir haben keine Wohnungsnot in Deutschland. Bei uns ist der Wohnungsmarkt noch entspannt, das zeigen die Leerstandsquoten. Aber natürlich hat die Nachfrage in einzelnen Großstädten stark angezogen, dort sind die Preise sind gestiegen.
Lukas Siebenkotten: Der Begriff Wohnungsnot stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute befinden wir uns wieder auf dem Weg dorthin – nicht überall, aber insbesondre in Ballungszentren und Universitätsstädten. Der Druck macht sich durch steigende Mieten bemerkbar.

Funktioniert der Wohnungsmarkt nicht mehr?
Voigtländer: Natürlich funktioniert der Markt! Die hohen Mieten setzen Anreize, mehr zu bauen. Es dauert eine Zeit, bis neue Flächen erschlossen, Baugenehmigungen erteilt sind und gebaut wird. Doch in den Großstädten wird wieder mehr gebaut.

Siebenkotten: Diejenigen, die das entsprechende Geld haben, finden immer eine Wohnung. Das Problem ist, dass dabei Menschen, die nicht in der Lage sind höhere Mieten zu zahlen, abgehängt werden. Das müssen wir verhindern, indem wir den Markt regulieren. Wir müssen Exzesse verhindern.

Wie sehen diese Exzesse aus?
Siebenkotten: Wir haben in den heißen Märkten bei Wiedervermietungen teilweise eine Steigerung von 30, 40 und noch mehr Prozent. Der neue Mieter zahlt sofort einen hohen Aufschlag für ein und dieselbe Wohnung. Diese hohen Wiedervermietungsmieten sind dann die Bestandsmieten von morgen und betreffen alle Mieter.

Voigtländer: …30, 40 Prozent war das absolute Maximum bei den Wiedervermietungen. Aber bei Bestandsmieten, also für diejenigen, die in ihrer Wohnung bleiben, zeigt sich: Sie wachsen sehr moderat, sogar langsamer als die Inflationsrate. Das heißt: Wer nicht umzieht, den betreffen die steigenden Mieten nicht. Rentner, Arbeitslose und Menschen mit Niedrigeinkommen, die umziehen müssen, bekommen Unterstützung durch SGBII oder Wohngeld.

Prognose für Mieten bis 2015

Hamburg

Durchschnittspreis 2012: 10,4 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +10,5 Prozent

Quelle: Feri Eurorating Services AG

München

Durchschnittspreis 2012: 12,6 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +9,5 Prozent

Frankfurt am Main

Durchschnittspreis 2012: 11,5 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +9,3 Prozent

Dresden

Durchschnittspreis 2012: 6,1 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +8,3 Prozent

Berlin

Durchschnittspreis 2012: 7,5 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +8,2 Prozent

Freiburg

Durchschnittspreis 2012: 8,9 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +7,7 Prozent

Augsburg

Durchschnittspreis 2012: 7,2 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +7,5 Prozent

Bonn

Durchschnittspreis 2012: 9,4 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +7,2 Prozent

Bremen

Durchschnittspreis 2012: 7,2 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +7,1 Prozent

Düsseldorf

Durchschnittspreis 2012: 9,6 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +7,1 Prozent

Leipzig

Durchschnittspreis 2012: 5,7 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +7,1 Prozent

Köln

Durchschnittspreis 2012: 9,2 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +6,9 Prozent

Münster

Durchschnittspreis 2012: 8,7 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +6,7 Prozent

Chemnitz

Durchschnittspreis 2012: 4,9 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +5,4 Prozent

Bochum

Durchschnittspreis 2012: 6,3 Euro/qm
Preisentwicklung bis 2015: +4,5 Prozent

Aber wenn ein Normalverdiener eine Wohnung sucht…
Siebenkotten: München ist die Mietenhauptstadt der Republik. Es ist inzwischen so weit, dass ein Polizeibeamter oder eine Krankenschwester echte Schwierigkeiten hat, in ihrer eigenen Stadt eine Wohnung zu bezahlen. Das können wir so nicht hinnehmen. Wir müssen uns gerade um diese Normalverdiener genauso wie um die Bevölkerungsgruppen kümmern, die als Geringverdiener gelten, aber gleichzeitig noch keinen Anspruch auf Wohnungeld oder andere staatliche Unterstützung haben. Das sind Millionen von Menschen in Deutschland.

Voigtländer: Natürlich ist das hart für jeden, der eine Wohnung in München, Berlin oder Hamburg sucht. Da muss man überlegen, ob man weiter aus der Stadt rauszieht oder ob man eine kleinere Wohnung wählt. Der Ansatz von der Politik, keine steigenden Mieten mehr erlauben zu wollen, ist zwar schön, aber an der Wohnungsknappheit löst das nichts. Wir brauchen die hohen Mieten als Anreiz für Investoren. Was wir nicht brauchen sind weitere Regularien.

Siebenkotten: Warum eine Begrenzung von Wiedervermietungsmieten die Investitionen hemmen soll, habe ich bis heute nicht begriffen.

Erklären Sie es uns, Herr Voigtländer?
Voigtländer: Die Wiedervertragsmieten zu regulieren ist zwar deutlich besser als die Neubauvertragsmieten. Aber auch das hat einen direkten negativen Effekt auf den Neubau. Ein Investor kalkuliert gewisse Mietsteigerungen mit ein. Wenn die Miete gedenket ist, wird der Investor von vornherein mit einer höheren Miete in den Markt gehen, damit sich der Neubau lohnt. Wenn sich das nicht realisieren lässt, wird er gar nicht bauen.

Siebenkotten: Die Großinvestoren haben doch sowieso kein Interesse daran, Wohnungen zu errichten. Die wollen aus den Wohnungen, die sie besitzen, möglichst viel Geld herauszuziehen, die wollen gar nichts bauen. Die einzigen, die bezahlbaren Wohnraum schaffen, sind kommunale Gesellschaften. Deswegen sehe ich auch nicht das Problem, dass bei einer Begrenzung der Mieten weniger investiert wird.

Kommentare (57)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Saubande

05.07.2013, 13:41 Uhr

Mieten müssen steigen ! Jawohl !
Strompreise und Energiepreise müssen steigen ! Zum Leben brauchen wir nichts mehr.

Und Löhne und Renten ?

Verdammte CDU/FDP !

Account gelöscht!

05.07.2013, 13:41 Uhr

Fazit: Die "Großinvestoren" und Kommunen wollen nicht und die Privaten bauen zuerstmal für sich selber. Während
Und mit der Mietpreisbremse wird der Mietwohnungsbau unattraktiver.

Worüber Politiker jammern, weil, das kost' ja nix.

Leute, eine Mietwohnung ist ein Investment, nichts anderes. Also, wenn ihr wollt, dass dieses Investment stattfindet, dann macht es halt attraktiv. Schreibt euch doch mal ein Gesetz, dass Mieteinnahmen steuerfrei sind, wenn ein Hartz IV'ler drinwohnt und die Miete vom Sozialamt kommt. Oder wenn die Stadt der Mieter ist.

Schon kann man bei gleicher Investitionshöhe mit 30% weniger Miete auskommen.

Smitheros

05.07.2013, 13:52 Uhr

Tja, allein in meinem Umfeld haben fünf Krankenschwester München in letzten Monaten den Rücken gekehrt, sowohl der Wohn- als auch der Arbeitsstelle. Von drei weiteren weiß ich bereits und das bei dem Personalmangel in den Kliniken. Herr Voigtländer irrt sich. Das wird er spätestens dann merken, wenn er in der Notaufnahme liegt und keiner da ist, der ihn versorgt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×