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02.05.2012

07:48 Uhr

Studie

Erneuerbare machen den Strom deutlich teurer

VonJürgen Flauger

ExklusivDer Umstieg auf erneuerbare Energien könnte mehr finanzielle Opfer erfordern als bislang angenommen. Einer Studie zufolge könnte die Energiewende 2020 im Vergleich zu 2011 die Verbraucher bis zu 60 Prozent mehr kosten.

Der Studie zufolge werden die Stromkosten im Zuge der Energiewende deutlich steigen. ZB

Der Studie zufolge werden die Stromkosten im Zuge der Energiewende deutlich steigen.

DüsseldorfDie Energiewende wird Strom einer aktuellen Studie zufolge deutlich verteuern. Im Jahr 2020 müssen die Stromverbraucher 21,5 Milliarden Euro an Kosten tragen, die durch den Umstieg auf die erneuerbaren Energien verursacht werden. Dies haben die Energieexperten der Unternehmensberatung McKinsey in einer aktuellen Studie errechnet, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Das sind 60 Prozent mehr als die 13,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

McKinsey hat ausgerechnet, wie der Umstieg auf erneuerbare Energien auf die Strompreise durchschlägt. In den Kosten ist zum einen die Differenz zwischen den hohen Preisen, mit denen Strom aus Wind- und Solaranlagen nach dem Erneuebare-Energien-Gesetz (EEG) vergütet wird, und dem Strompreis an der Energiebörse enthalten. Zum anderen sind die höheren Netzentgelte einberechnet, mit denen die zusätzlich benötigten Leitungen finanziert werden. Insgesamt werden sich die Kosten zwischen 2011 und 2020 der Studie zufolge auf 175 Milliarden Euro summieren.

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Kosten

Im Jahr 2013 drohen für einen normalen Haushalt mit einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden Ökoförder-Kosten von bis zu 175 Euro (derzeit 125). Der Hintergrund: Die zuständigen Netzbetreiber rechnen mit einem deutlichen Anstieg der von allen Stromverbrauchern zu zahlenden Umlage zum Ausbau der erneuerbaren Energien. Der Grund liege auch in immer mehr Ausnahmen für Industriebetriebe und in einer neuen, sehr teuren Marktprämie für Wind- oder Solarparkbesitzer, die ihren Strom selbst vermarkten.

Stromnetz

Die 4450 Kilometer an neuen Stromautobahnen, die laut Deutscher Energie-Agentur gebraucht werden, gelten schon wieder als überholt. Das Wachstum der erneuerbaren Energien erfolgt zwar rasant. Dies treibt aber die Förderkosten - und es fehlen schlicht Netze zum Abtransport, gerade vom Norden in den Süden. Zudem bremsen technische Probleme die Anbindung der See-Windparks. Bisher ist unklar, wie der Netzausbau stärker auf den Ausbau der erneuerbaren Energien abgestimmt werden könnte. Im bisher Atomenergie-lastigen Süden gibt es zu wenig Ökoenergie und im Norden und Osten vielerorts zu viel.

Kraftwerksbau

Zwar gibt es nach der vom Branchenverband BDEW erstellten neuen Kraftwerksliste 84 Kraftwerksprojekte (Wind, Gas, Kohle) mit einer Leistung von 42.000 Megawatt. Aber bisher fehlen immer noch Dutzende Gaskraftwerke, um gerade nach 2022 den Ausfall aller Atomkraftwerke aufzufangen. Da jetzt schon an einigen Tagen Wind und Sonne den Bedarf fast decken können, gibt es eine zu große Unsicherheit, ob neue Kraftwerke genug Produktionsstunden bekommen. Sie sind aber notwendig, um zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu allen Wetterlagen die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Gefordert werden daher besondere finanzielle Anreize.

Speicher

Dieses Thema hängt eng mit den Kraftwerksplänen zusammen. Bisher gibt es erst rund 6400 Megawatt Speicherkapazitäten in Pumpspeicherkraftwerken. Hier kann überschüssiger Strom bei zu viel Wind und Sonne durch das Heraufpumpen von Wasser in ein höher gelegenes Becken gespeichert werden. Bei Flaute und Wolken stürzt das Wasser herunter und treibt stromerzeugende Turbinen an. Das Potenzial ist hier aber begrenzt, daher ruhen Hoffnungen auf neuen Ideen wie der Wind-zu-Gas-Technologie. Aber: Das Ganze braucht Zeit. Gibt es einen Durchbruch bei Speichern, dann dürfte die Ökowende weltweit Nachahmer finden. Aber ohne Speicher bleibt die Stromproduktion aus Wind und Sonne schlicht unkalkulierbar und sehr teuer.

„Die finanziellen Belastungen durch die Energiewende sind enorm“, sagt McKinsey-Experte Thomas Vahlenkamp, „die Hauptlast werden die privaten Haushalte tragen.“ Für sie wird der Strompreis je Kilowattstunde der Prognose zufolge von 25,9 Cent im Jahr 2011 auf 29,0 Cent im Jahr 2020 klettern. Dabei wird der Anteil der Kosten für die Energiewende von 4,2 auf 6,3 Cent steigen. Die Industrie wird 2020 dann 14,7 (12,7) Cent je Kilowattstunde bezahlen müssen. Davon entfallen 4,9 (3,5) Cent auf die Kosten der Energiewende.

Trotz der großen Anstrengungen kann Deutschland der Studie zufolge seine ambitionierten Klimaschutzziele aber faktisch nicht erreichen. Der Regierung zufolge sollen die Emissionen des klimaschädlichen CO2 bis 2020 verglichen mit dem Basisjahr 1990 um 40 Prozent sinken. Die Unternehmensberater halten aber selbst in ihrem optimistischsten Szenario höchstens eine Reduktion um 31 Prozent für realistisch - womit Deutschland aber immer noch weltweiter Vorreiter wäre. Im Gegensatz zur Bundesregierung hält McKinsey einen Rückgang der Stromnachfrage für unrealistisch. Die Berater rechnen sogar damit, dass die Nachfrage um 0,3 bis 0,4 Prozent pro Jahr steigt.

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Kommentare (47)

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Account gelöscht!

01.05.2012, 17:31 Uhr

In Deutschland garantiert, nur was man dem Bürger nicht sagt ist.... dass der dumme Deutsche schon seit Jahrzehnten fast 30-40% mehr für Strom bezahlt als andere EU Bürger. Schön weiter für dumm verkaufen lassen...

Christian

01.05.2012, 17:37 Uhr

Die genannten Daten scheinen mir erklärungsbedürftig:

"Im Jahr 2020 müssen die Stromverbraucher 21,5 Milliarden
Euro an Kosten tragen, die durch den Umstieg auf die
erneuerbaren Energien verursacht werden....
Das sind 60 Prozent mehr als die 13,5 Milliarden Euro im
vergangenen Jahr."

Weiter unten im Text heißt es dann:
"Für sie (priv. Haushalte) wird der Strompreis je
Kilowattstunde der Prognose zufolge von 25,9 Cent im Jahr
2011 auf 29,0 Cent im Jahr 2020 klettern."

Das sind dann aber keine 60% sondern nur 12%.

little_TIGER

01.05.2012, 17:39 Uhr

Umfassbar!!!
Der Strom wird durch die Energiewende teurer. Wer hätte dies gedacht?
Gott sei Dank haben wir McKinsey, die uns sagen, dass neue Windkraftwerke, Solaranlagen u.s.w. Geld kosten. Einfach Bravo.
Jetzt muss uns McKinsey und Trittin nur noch sagen, wie die deutsche Volkswirtschaft diese zusätzliche Kosten tragen sollen. Vielleicht auf den Verzicht des Urlaubstrips nach Marllorca.

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