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10.07.2017

17:02 Uhr

Studie

Radikal und unwissend

Warum radikalisieren sich junge Menschen? Eine Analyse von Chat-Protokollen zeigt: Mit dem Islam haben die Vorstellungen der Jugendlichen wenig zu tun. Die radikale Ideologie gibt aber Antworten auf Jugendfragen.

Radikalisierte Jugendliche wissen oft nur sehr wenig über die tatsächlichen Glaubensinhalte. dpa

Studie

Radikalisierte Jugendliche wissen oft nur sehr wenig über die tatsächlichen Glaubensinhalte.

Osnabrück/BielefeldJunge Menschen, die sich gewaltbereiten radikal-islamischen Gruppen anschließen, wissen oft sehr wenig vom Islam. „Man kann sagen, sie bauen sich ihren eigenen 'Lego-Islam'“, sagte am Montag Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. Er untersuchte in einer Studie zusammen mit dem Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld eine gewalttätige salafistische Jugendgruppe.

Ausgewertet wurden 5757 Postings einer WhatsApp-Gruppe, der 12 Männer im Alter von 15 bis 35 Jahren angehörten. Ihr Chat zeigt die Gruppendynamik unmittelbar vor einem geplanten Anschlag. Zur konkreten Tat wollten die Forscher keine Angaben machen, aus Anspielungen in der Studie wird aber deutlich, dass es sich um den Anschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen im Frühjahr 2016 handelt, bei dem drei Menschen verletzt wurden. Wegen der Tat waren drei 17-Jährige zu Jugendstrafen zwischen sechs und sieben Jahren verurteilt worden.

Die Mitglieder der Gruppe hätten so gut wie keine Bindung an Moscheegemeinden oder traditionelle Formen des Glaubens gehabt, fanden die Forscher heraus. Die Gruppe betrachte die Mehrheit der Muslime, die nicht ihren radikalen Ansichten folge, als Feinde. Die Anfälligkeit für Angebote im Netz sei bei den Jugendlichen hoch.

Die Fussilet-Moschee in Berlin

Islamisten-Treffpunkt

Der Verfassungsschutz führt die Fussilet-Moschee im Berliner Stadtteil Moabit als Islamisten-Treffpunkt. Über ein Verbot wurde schon seit 2015 diskutiert. Nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche trieb die Innenverwaltung die Pläne voran. Denn der Attentäter Anis Amri besuchte die Moschee regelmäßig.

Radikalisierung

Doch das ist nicht der einzige Grund: Beim Islamunterricht der Moschee sollen Muslime - meist Türken und Kaukasier - für den bewaffneten Kampf der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien radikalisiert worden sein. Auch soll Geld für Terroranschläge in Syrien gesammelt worden sein. Ein Imam saß zeitweise in Untersuchungshaft. Gegen fünf Mitglieder wurden Strafverfahren eröffnet.

Namensgebung

Betrieben wurde die Moschee vom Verein Fussilet 33. Sie ist benannt nach einer Koransure, deren 33. Vers lautet: „Und wer spricht schönere Worte, als der ruft zu Gott und verrichtet gute Werke und sagt: „Ich bin einer der Ergebenen“?“

In dem WhatsApp-Protokoll werde eine „ganz normale Suchbewegung im Netz“ deutlich, diskutiert werde über ganz normale Dinge, die für Heranwachsende wichtig seien, etwa über Beziehungen, Freundschaften oder Sex, sagte der Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld, Andreas Zick. Die Vorstellungen der Gruppe seien „naiv und romantisierend“: Die Jugendlichen träumten davon, auf den Schlachtfeldern des Dschihad zu stehen und dabei zum Mann zu werden.

Zick sagte, der „digitale Dschihad“ sei jugendnah, weil er normale Fragen radikal beantworte. Anziehend sei eine radikale Jugendkultur „mit Vollausstattung“, die Lösungen für Entwicklungsfragen gebe. „Dschihad ist zur Leitkultur geworden, Dschihad gibt es schon im Kinderzimmer“, sagte Zick. Es gebe schon erste Angebote, die sich an jüngere Kinder richteten.

Keine Antworten haben die Forscher, wie Prävention aussehen könnte: Da die Jugendlichen nicht mit den Moscheegemeinden verbunden seien, könnten Präventionsangebote über die Gemeinden sie auch nicht erreichen. Lehrer sollten aufmerksam sein und auch auf Mitschüler hören, die ein sehr feines Gespür dafür hätten, wenn sich ein Jugendlicher zurückziehe. Eine „Checkliste“ gebe es leider nicht.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Herr Alessandro Grande

10.07.2017, 16:18 Uhr

Na klar, nix hat mit nix zu tun und alles ist reiner Zufall und am Ende wahrscheinlich sogar wir Deutschen schuld.

Die Frage ist nur, wo bitte diese Masse an Radikalen unter christlichen Völkern ist, wenn alles nichts mit dem Islam zu tun hat.

Hört endlich auf, uns auf dümmlichste Weise verbrämen zu wollen.

Fakt ist: Gründe sind für uns alles Zahlenden scheiss egal. Solches pack gehört hier nicht her und schon gar nicht via Sozialsysteme durchgefüttert. Selbst Tiere sind schlauer als wir DummDeutschen!!!

Herr Peter Spiegel

10.07.2017, 17:34 Uhr

Die radikale Ideologie gibt aber Antworten auf Jugendfragen. Das ist aber gut und man kann davon ausgehen, daß die islamischen Jugendlichen gefördert werden
um den Wert ihrer Religion zu erkennen. Es ist eine Frage der Demokratie auch den Andersdenkenden steuerlich zu unterstützen und damit zu einem wertvollen Islamischen zu erziehen. Denn der Islam ist friedlich und er gehört zu Deutschland.

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