Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.11.2013

17:11 Uhr

Studie

Tarifbindung in Unternehmen deutlich gesunken

In Deutschland wird immer weniger nach Tarif gezahlt. Insgesamt nahm die Tarifbindung in West und Ost im Vergleich zum Vorjahr drastisch ab. Grund dafür ist nicht nur die Finanzstärke eines Unternehmens.

Beschäftigte des Warenhauskonzerns Karstadt protestieren. Laut einer aktuellen Untersuchung ist die Tarifbindung in deutschen Unternehmen rückläufig. dpa

Beschäftigte des Warenhauskonzerns Karstadt protestieren. Laut einer aktuellen Untersuchung ist die Tarifbindung in deutschen Unternehmen rückläufig.

DüsseldorfDas System der Tarifverträge ist in den vergangenen 20 Jahren löchriger geworden. Zu diesem Schluss kommt eine am Montag in Düsseldorf veröffentlichte Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Während 1998 noch Tarifverträge für 76 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland und 63 Prozent in Ostdeutschland galten, lag die Tarifbindung im Jahr 2012 nur noch bei 60 Prozent im Westen und 48 Prozent im Osten.

Das liegt laut WSI nicht nur an einem geringeren Organisationsgrad der Arbeitnehmer, sondern auch an „Erosionserscheinungen auf der Arbeitgeberseite“. So verlören die Arbeitsgeberverbände deutlich an Mitgliedern. Beispielsweise habe Gesamtmetall allein zwischen 1993 und 1996 über 20 Prozent seiner Mitgliedsunternehmen eingebüßt. Den Arbeitnehmerorganisationen fehle damit oft ein Ansprechpartner, betonte das WSI. Es seien aber nicht nur wirtschaftlich schwache Unternehmen, die den Verbänden den Rücken kehrten und sich Tariflöhne nicht leisten könnten.

Die unterschiedlichen Mindestlöhne in Deutschland

Pflegebranche

Knapp 800.000 Pflegekräfte erhalten seit dem 1. August 2011 einen gesetzlichen Mindestlohn. Pflegehilfskräfte in der Alten- und ambulanten Krankenpflege bekommen im Osten 7,75 Euro und im Westen 8,75 Euro.

Wach- und Sicherheitsgewerbe

Für die 170.000 Beschäftigten der Branche beträgt der Mindestlohn in allen Regionen Deutschlands seit Anfang 2013 mindestens 7,50 Euro. Für einzelne Regionen im Osten bedeutete dies eine Lohnerhöhung um bis zu 60 Prozent. Die Verordnung ist bis 31. Dezember 2013 befristet.

Abfallwirtschaft

Ob Straßenreiniger, Sortierkraft, oder Müllwerker: Für 160.000 Beschäftigte der Abfallwirtschaft gilt seit Februar ein Mindestlohn von bundeseinheitlich 8,68 Euro.

Bergbau- und Spezialdienste

Für die etwa 2500 Beschäftigten gilt seit Oktober 2009 ein Mindeststundenlohn. Seit 1. November 2011 werden 11,53 Euro für einfache Tätigkeiten gezahlt, Facharbeiter erhalten 12,81 Euro.

Maler- und Lackierer

Für ungelernte Arbeitnehmer der Branche mit etwa 100.000 Beschäftigten gilt eine Lohnuntergrenze von 9,75 Euro, Gesellen verdienen 12,00 Euro pro Stunde.

Industrielle Großwäschereien

Die etwa 35.000 Beschäftigten erhalten seit April 2012 mindestens 8,00 Euro im Westen und 7,00 Euro im Osten.

Gebäudereiniger

Der Mindestlohn für die rund 700.000 Beschäftigten wurde angehoben. In der Innenreinigung werden seit 2012 nun mindestens 8,82 Euro im Westen (7,00 Euro im Osten) gezahlt, während Fassadenreiniger 11,33 Euro (8,88 Euro) erhalten.

Dachdecker

Die etwa 84.000 Arbeitnehmer bekommen seit Jahresanfang bundeseinheitlich einen Mindestlohn von 11,20 Euro.

Bauhauptgewerbe

Für die etwa 414.500 Beschäftigten im Westen gilt seit dem 01. Juli ein Mindestlohn von 11,05 Euro für Werker und 13,40 Euro für Fachwerker. Die 127.600 Beschäftigten im Osten verdienen einheitlich mindestens 10,00 Euro.

Elektrohandwerk

Betroffen sind etwa 280.000 Arbeitnehmer, die ein Mindestentgelt von 9,90 Euro (8,85 Euro Ost) erhalten.

Gerüstbau

Für die rund 30.000 Gerüstbauer in Deutschland gibt es seit dem 01. August einen bundesweiten Mindestlohn. Erstmals wurde eine untere Lohngrenze von 9,50 Euro in Ost und West vereinbart.

Berufliche Weiterbildung

Auch rund 23.000 Angestellte, die als Lehrer, Sozialpädagogen oder Handwerksmeister Jugendliche aus- und Arbeitslose weiterbilden, bekommen einen Mindestlohn. Er liegt je nach Tätigkeit bei mindestens 12,60 Euro im Westen und bei 11,25 im Osten.

Briefdienstleistungen

In weiteren Branchen ist ein Mindestlohn rechtlich möglich, aber nicht in Kraft. Betroffen ist zum Beispiel die Branche Briefdienstleistungen: Für Briefzusteller war 2009 ein Mindestlohn von 9,80 Euro festgelegt worden. Das Bundesverwaltungsgericht hat den Mindestlohn aber im Januar 2010 gekippt, da er rechtswidrig zustandegekommen sei.

Forstliche Dienstleister

Für diese Branche liegen Mindestlohntarifverträge vor, die noch nicht für allgemeinverbindlich erklärt wurden. Vereinbart sind 10,52 pro Stunde.

Steinmetze und Steinmaurer

Auch im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk gibt es Mindestlohntarifverträge. Vereinbart wurde ein Mindestlohn von 9,75 bis 11,00 Euro pro Stunde.

Abbruch- und Abwrackgewerbe

Hier galt bis Ende 2008 ein Mindestlohn von 9,10 Euro bis 11,96 Euro. Ausführliche Informationen zur Allgemeinverbindlichkeit und geltenden Mindestlöhnen bietet das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Im anderen Fall bleiben Unternehmen zwar Verbandsmitglieder, scheiden aber aus der Tarifbindung aus. Dies betrifft vor allem kleinere Unternehmen. Laut WSI bietet gut die Hälfte der rund 700 Arbeitgeberverbände in Deutschland eine solche Mitgliedschaft ohne Tarifbindung an. Im Jahr 2010 hatten demnach 42 Prozent der Mitgliedsunternehmen von Gesamtmetall diesen Status.

Den WSI-Experten zufolge haben die Arbeitgeberverbände damit ihre tarifpolitische Funktion teilweise eingebüßt. Auch bei der politischen Lobbyarbeit setzten zumindest größere Unternehmen heute eher auf eigene Zugänge, statt sich auf die Arbeit des national organisierten Verbands zu verlassen.

Von

afp

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

anonym

18.11.2013, 18:24 Uhr

Wo sind denn unsere Gewerkschaften?Diese Damen und Herren sind doch auch nur auf Ihren Wohlstand aus,wie unsere sogenannten Volks(ver)treter.Beispiele(wie Nokia Siemens Networks München) gibt es ja genug.Bananenrepublik!!

Nachwuchs

18.11.2013, 18:44 Uhr

Tarif war doch zum Wohl der menschen gedacht! Was machen die Politiker und Manager? Sie wollen die Menschen durch ihr verachtendes Handeln vernichten! Hauptsache sie erhalten Boni auf Befehl der Politik!!

syliviaKT

18.11.2013, 20:13 Uhr

Es ist allerhöchste Zeit für massiven Streik aller Fachkräfte! Mal sehen, was dann passiert?!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×