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30.01.2013

17:16 Uhr

Studie

Unterschicht bei Bürgerprotesten kaum vertreten

Wenn in Deutschland gegen Verkehrsprojekte oder die Banken demonstriert wird, dann ist es vor allem das Bildungsbürgertum, das seine Stimme erhebt. Die Unterschicht hingegen ist bei den Protesten kaum vertreten.

Vor allem Bildungsbürger protestieren gegen Großprojekte wie Stuttgart 21. dapd

Vor allem Bildungsbürger protestieren gegen Großprojekte wie Stuttgart 21.

BerlinDie aktuellen Bürgerproteste beispielsweise gegen regionale Verkehrsprojekte oder die Bankenmacht werden vor allem von Menschen mit guter Bildung und ordentlichem Einkommen getragen. Dies geht aus der BP-Gesellschaftsstudie „Die neue Macht der Bürger - Was motiviert die Protestbewegung?" hervor, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Angehörige der neuen Unterschichten oder die sogenannten „kleinen Leute" seien dagegen bei den Protesten kaum vertreten, fanden Forscher des Göttinger Instituts für Demokratieforschung unter Leitung von Franz Walter heraus.

Die Sozialwissenschaftler waren im Jahr 2012 bundesweit unterwegs, beobachteten Demonstrationen, Mahnwachen und Versammlungen, interviewten einzelne Aktivisten vor Ort und organisierten Gruppendiskussionen. Auf der Suche nach den Beweggründen und Einstellungen der Aktiven forschten die Autoren der Studie unter anderem in Camps der kapitalismuskritischen Occupy-Bewegung, bei Gegnern von Infrastruktur-Vorhaben wie dem Bahnprojekt „Stuttgart 21", Gegnern oder Befürwortern bestimmter Schulformen sowie bei Initiativen gegen den Bau neuer Stromtrassen oder Windräder im Zuge der Energiewende.

Zu den zentralen Ergebnissen der Studie zählt, dass die deutsche Protestlandschaft von Männern dominiert wird: Gut 70 Prozent der befragten Aktiven waren männlich. Einzig die Initiativen im Bildungs- und Schulsektor sind demnach von Frauen geprägt - etwa drei von vier der Aktiven in diesen Bereichen waren weiblich.

Als „zentralen Typus" der aktuellen Bürgerproteste bezeichnen die Wissenschaftler die Ingenieure. Während in den Oppositionsbewegungen der 1970er typischerweise die angehenden Sozialwissenschaftler den Ton angeben hätten, seien es heute die eher technisch geprägten Berufe, heißt es in der Untersuchung. Besonders bei Protesten im Zusammenhang mit der Energiepolitik, Infrastruktur und Stadtentwicklung sind demnach zu großen Teilen Ingenieure, Techniker, Informatiker und Biologen anzutreffen.

Die Untersuchung ergab zudem, dass mehr als die Hälfte der Befragten keiner Kirche angehörte. Vor allem Katholiken seien bei den aktuellen Protestbewegungen auf Abstand geblieben. Evangelisch war ein gutes Drittel der Befragten, darunter viele Pastoren. Dennoch nehmen der Untersuchung zufolge etliche Protestgruppen die Organisationskraft der Kirchen in Anspruch - so tagten beispielsweise Occupy-Initiativen in kirchlichen Räumen.

Laut der Studie hielt kaum jemand der Befragten das politische System in Deutschland für eine "echte Demokratie". Vielmehr sei in den Protestbewegungen der Vorwurf verbreitet, hierzulande gebe es lediglich eine "Scheindemokratie". Komme die Sprache auf Parteien und Politik, löse dies einen Schwall von Hohn und Verachtung aus.

Allerdings gab es unter den befragten Aktiven auch keine genaue Vorstellung von der häufig genannten „richtigen" Demokratie, wie aus der Untersuchung weiter hervorgeht. Zwar würden oft Volksentscheide, Basisdemokratie oder Direktwahlen „stichwortartig genannt, aber leidenschaftslos vorgetragen". Auch der Wunsch nach einem charismatischen Politiker sei deutlich zu vernehmen. Früher habe es solche Leute „mit Rückgrat" ja noch gegeben, hieß es demnach bei einem Teil der Befragten. Genannt wurden in diesem Zusammenhang die früheren SPD-Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt, aber auch der Ex-CSU-Chef Franz Josef Strauß.

Von

afp

Kommentare (11)

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Numismatiker

30.01.2013, 17:38 Uhr

Natürlich beteiligt die Unterschicht nicht an den Protesten. Die schauen alle Soaps und Casting-Shows im Prekariats- pardon- Privatfernsehen. Wie sollen die Leute sich dort informieren?

Numismatiker

30.01.2013, 17:41 Uhr

Nachtrag: Das war doch der Grund, warum Kanzler Kohl das Privatfernsehen so gepusht hat.

Account gelöscht!

30.01.2013, 18:12 Uhr


Und die oben erwähnte Protestbildungssschicht sucht verzweifelt im Handelsblatt nach einer kritischen eigenen Wirtschaftsanalyse, die nicht nur durch politische Fingerzeige ihre gewolle Ausprägung findet.

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