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04.06.2014

12:55 Uhr

Studie zu rechtsextremen Einstellungen

Die Wut der Deutschen auf Asylbewerber und Muslime

Dank besserer Wirtschaftslage gehen rechtsextreme Meinungen in Deutschland zurück, haben Wissenschaftler herausgefunden. Doch immer noch ist jeder Fünfte ausländerfeindlich.

Keine Moschee: Bürger demonstrieren gegen den Bau des Gotteshauses. dpa

Keine Moschee: Bürger demonstrieren gegen den Bau des Gotteshauses.

BerlinDie Zahl der Deutschen mit einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild hat sich einer Studie zufolge fast halbiert – aber noch immer sind 20 Prozent ausländerfeindlich und fünf Prozent antisemitisch eingestellt. Im Vergleich zu früheren Untersuchungen sank der Anteil der Menschen mit rechtsextremem Weltbild von 9,7 Prozent im Jahr 2002 auf aktuell 5,6 Prozent, wie die am Mittwoch in Berlin vorgestellte Studie der Universität Leipzig ergab. Allerdings werden demnach bestimmte Migranten-Gruppen wie Asylsuchende, Sinti und Roma sowie Muslime umso deutlicher diskriminiert.

Seit 2002 untersucht eine Arbeitsgruppe um Elmar Brähler und Oliver Decker an der Leipziger Uni rechtsextreme Einstellungen in Deutschland, von 2006 bis 2012 in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung. Für die sogenannten „Mitte-Studien“ nehmen die Forscher im Zwei-Jahres-Rhythmus repräsentative Erhebungen vor. In der aktuellen Studie „Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014“ verzeichneten die Wissenschaftler nun eine sinkende Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen – und zwar in allen Bereichen, von der Befürwortung einer Diktatur bis zur Verharmlosung des Nationalsozialismus.

Der Diplompsychologe Decker wies angesichts dieses Rückgangs darauf hin, dass sich Deutschland „bildlich gesprochen in einer Insellage“ befinde. „Die wirtschaftliche Gesamtentwicklung ist mit Wirtschaftswachstum und Exportsteigerung so gut wie seit Jahren nicht mehr.“ Nun sei „auch der Kontrast zu allen anderen Ländern in Europa sehr groß: Das stabilisiert die Mitte der Gesellschaft“, erklärte Decker.

Dabei bleibe die Bildung der wichtigste Schutz vor rechtsextremen Einstellungen, unterstrichen die Forscher. Befragte mit Abitur stimmen demnach rechtsextremen Positionen deutlich seltener zu als Menschen mit einem niedrigeren formalen Bildungsabschluss. So seien beispielsweise 6,8 Prozent der Menschen mit Abitur ausländerfeindlich eingestellt – bei den Befragten ohne Abitur betrage der Anteil der Ausländerfeindlichen 20,8 Prozent.

Der Studie zufolge sind rechtsextreme Positionen bei Anhängern aller politischer Parteien nachweisbar - auch die Wählerschaft der großen Parteien Union und SPD sei davon nicht ausgenommen. „Es fällt allerdings auf, dass die stärkste Anziehungskraft bei den Wählern mit einer ausländerfeindlichen, antisemitischen und chauvinistischen Einstellung neben den rechtsextremen Parteien die AfD hat“, erklärte der Sozialwissenschaftler Johannes Kiess, der seit 2008 an der Studie mitarbeitet.

Übersteigerten Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit trafen die Wissenschaftler weiterhin häufiger in Ostdeutschland an als im Westen. So waren 28,7 Prozent der Ostdeutschen der Meinung, Deutschland solle sich endlich wieder Macht und Geltung verschaffen. Im Westen stimmten dem 19,5 Prozent zu. Wo - wie im Osten - weniger Migranten lebten, sei die Diskriminierung von Ausländern stärker verbreitet, erklärte Brähler.

Migrantengruppen wie Asylbewerber, Muslime sowie Sinti und Roma werden der Studie zufolge in Deutschland überdurchschnittlich stark diskriminiert. „Nicht Migrantinnen und Migranten im Allgemeinen werden abgelehnt, viele Deutsche denken nun: Die bringen uns was“, erläuterte Decker. „Aber jene, die die Phantasie auslösen, sie seien grundlegend anders oder hätten ein gutes Leben ohne Arbeit, die ziehen die Wut auf sich.“

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