Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.06.2017

16:21 Uhr

Studie zu Wirtschaftsauswirkungen

Brexit? Welcher Brexit?

VonMartin Greive

Eine ifo-Studie im Auftrag des Wirtschaftsministeriums zeigt: Der Brexit wird der deutschen Wirtschaft kaum schaden. Die gute Konjunktur könnte den Effekt abfangen. Die britische Wirtschaft würde umso mehr leiden.

Die deutsche Wirtschaft könnte den Brexit gut verkraften. Reuters

Neuwagen von VW

Die deutsche Wirtschaft könnte den Brexit gut verkraften.

BerlinFast ein Jahr ist das Brexit-Votum Großbritanniens her. Damals war Europa geschockt. Der EU-Austritt Großbritanniens sendete ein verheerendes politisches Signal in alle Welt. Und auch wirtschaftlich, so die Befürchtung, könnte der Brexit zu seinem Desaster werden. Wenn Großbritannien nicht mehr Teil des EU-Binnenmarktes ist, würde darunter die ohnehin schwache Wirtschaft in Europa darunter stark leiden.

Eine Studie des Münchener ifo-Instituts im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums kommt nun zu einem anderen Schluss. Demnach wird der Austritt Großbritanniens aus der EU für die deutsche und europäische Wirtschaft kaum Folgen haben – selbst im Falle eines „harten Brexit“ nicht. Umso mehr leiden wird dafür die britische Wirtschaft.

In der Studie hat das ifo-Institut acht verschiedene Szenarien für die Ausgestaltung der künftigen Beziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich untersucht. Sollten sich die EU und Großbritannien im Rahmen der Austrittsverhandlungen auf ein umfassendes Freihandelsabkommen verständigen, würde die deutsche Wirtschaft die EU-Abtrünnigkeit der drittgrößten europäischen Volkswirtschaft kaum spüren. Um gerade mal 0,06 Prozent würde das Bruttoinlandsprodukt in diesem besten Szenario langfristig niedriger liegen, das wären etwa 1,8 Milliarden Euro im Jahr.

Falls es zu keinem bilateralen Abkommen kommen würde und somit wieder Zölle gelten würden, wären die Auswirkungen etwas stärker: Die Wirtschaftsleistung Deutschlands läge dann um 0,2 Prozent niedriger als ohne Brexit. Das wären rund 6,3 Milliarden Euro jährlich. Während die deutsche Finanzindustrie vom Brexit profitieren könnte, müssten sich vor allem die Autobranche, Pharmahersteller und Maschinenbauer auf Verluste einstellen. Insgesamt hielte sich der Schaden aber in Grenzen.

Wie geht es weiter beim Brexit

EU-Mandat

Sobald Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre EU-Kollegen am Samstag Leitlinien für die Verhandlungen beschlossen haben, wird über ein ausführliches Mandat für den EU-Chefunterhändler Michel Barnier beraten. Am 3. Mai will sich die Kommission zum ersten Entwurf äußern, am 22. Mai sollen die Mitgliedsländer zustimmen. Damit ist die EU-Seite startklar. Richtig losgehen werden die Verhandlungen aber erst nach der Parlamentswahl in Großbritannien am 8. Juni.

Verhandlungen

Die EU will zwei Phasen. Bis Herbst soll für die wichtigsten Probleme des Austritts eine Lösung gefunden sein, vor allem die Rechte der EU-Bürger in Großbritannien und der Briten in der EU sowie die Schlussrechnung zur britischen EU-Mitgliedschaft. Danach soll über die künftigen Beziehungen gesprochen werden. Das Austrittsabkommen soll bis Oktober 2018 stehen.

Ratifizierung

Dann muss der Vertrag auf EU-Seite vom Europaparlament und von den übrigen Mitgliedsländern gebilligt werden - ohne Großbritannien. Premierministerin Theresa May will ihn auch dem britischen Parlament vorlegen.

Fristende

Das ganze Verfahren muss zwei Jahre nach dem offiziellen Austrittsgesuch abgeschlossen sein, also bis Ende März 2019. Gibt es bis dahin keinen Vertrag, endet die britische EU-Mitgliedschaft trotzdem. Eine Verlängerung ist möglich, wenn alle bleibenden EU-Staaten zustimmen.

„Auch unter ungünstigen Bedingungen dürfte der Brexit laut Studie für die Wirtschaft in der EU und insbesondere für die deutsche Wirtschaft verkraftbar bleiben“, sagte Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD). Das gilt auch für die gesamte EU: Ihre Wirtschaftsleistung würde in diesem ungünstigsten Szenario um 0,3 Prozent schwächer wachsen.

Deutlich teurer wird der Ausstieg aus der EU für Großbritannien selbst. „Der Brexit wird auf jeden Fall deutlich teurer für das Vereinigte Königreich als für Deutschland“, schreiben die Studienautoren. Mehr als 1,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung könnten die Briten im schlechtesten Szenario verlieren – das sind fast 50 Milliarden Euro. Selbst wenn es Großbritannien gelingen sollte, ein Freihandelsabkommen mit der EU auszuhandeln, würde die Wirtschaftskraft Großbritanniens immer noch um 0,6 Prozent niedriger liegen. Damit wären die Wachstumseinbußen Großbritanniens um ein Vielfaches höher als die der EU.

Großbritannien ist für Deutschland zwar der fünfwichtigste Handelspartner. 2016 exportierte die deutsche Wirtschaft 121,6 Milliarden Euro auf die Insel, nur China, Frankeich, die USA und die Niederlande nahmen noch mehr Waren ab. „Die aktuell guten wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und die günstigen konjunkturellen Aussichten“ würden den Brexit abfedern, sagte Wirtschaftsministerin Zypries. Deutschland profitiert zudem davon, dass die deutsche Exportwirtschaft sehr breit aufgestellt ist. Schon zuletzt gelang es den deutschen Unternehmen immer wieder, Schwächephasen einzelner Abnehmerländer durch höhere Ausfuhren in andere Länder auszugleichen.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Frau Edelgard Kah

02.06.2017, 17:37 Uhr

Sehr geehrter Herr Greive,

die Studie des Ifo-Instituts zum Thema Brexit ist unheimlich schön. Endlich müssen wir uns nicht länger Sorgen um einen Einbruch der deutschen Konjunktur und Massenentlassungen machen. Endlich können wir wieder ruhig schlafen.

Vielleicht können Sie die Wissenschaftler des Ifo-Instituts bitten, auch andere Sorgen zu zerstören. Ich würde gerne hören, dass selbst die höchsten amerikanischen Einfuhrzölle überhaupt nicht zu spüren wären. Und einen tiefen Konkunktureinbruch in China würden wir wahrscheinlich auch nicht merken.

Es lebe das Ifo-Institut.

Frau Annette Bollmohr

02.06.2017, 18:23 Uhr

Wenn man daran denkt, dass das ganze Schlamassel entscheidend der Tatsache zu „verdanken“ ist, dass 1. die Bevölkerung sich von politischem Getöse in zwei Lager hat spalten lassen, 2., dass sie dabei bewussten Fehlinformationen und perfider Manipulation aufgesessen ist (siehe http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-06/abstimmung-brexit-grossbritannien-emotionen) und dann auch noch - zu allem Überfluss - ausgerechnet unter der jüngeren Bevölkerung so viele Abstimmungsberechtigte so erschreckend wenig Interesse an politischen Fragen – und damit der Gestaltung ihrer eigenen Zukunft - gezeigt haben, dass nicht wenige unter den jüngeren Brexit-Gegnern* (*siehe Text ganz unten) der Abstimmung u.a. aus dem Grund ferngeblieben sind, weil sie lieber auf ein (a u s g e r e c h n e t zum gleichen Termin wie eine politische Abstimmung von so weitreichender Bedeutung und mit so drastischen Konsequenzen für die gesamte nähere Zukunft stattfindendes!) großes Musikfestival gegangen sind, könnte man heulen.

*„Etwa 75 Prozent der 18-24-Jährigen stimmten gegen den Brexit, eine satte Mehrheit also. Bei den Briten über 65 Jahren ist es anders. Von ihnen stimmten nur etwa 39 Prozent für den Verbleib in der EU. Die Jungen wollten den Brexit also nicht und müssen jetzt damit leben.“ (aus: http://www.bento.de/politik/brexit-die-alten-versauen-der-generation-erasmus-die-zukunft-661165/)

Frau Annette Bollmohr

02.06.2017, 18:41 Uhr

Last, but not least:

Hier der 4. Punkt zu den Tatsachen, denen wir das Schlamassel mit dem Brexit zu verdanken haben:

Dass die EU-Bürokratie derart sklerotisch und bürgerfremd ist, dass zuviele Bürger die entscheidenden Vorteile der Europäischen Union nicht (mehr) erkennen können.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×