Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.02.2014

16:53 Uhr

Studie zur Schwarzarbeit

Sind wir nicht alle ein bisschen Alice Schwarzer?

VonMaike Freund, Stefan Kaufmann

Was Alice Schwarzer, Uli Hoeneß & Co. im großen Stil getrieben haben, machen die meisten Deutschen im Kleinen: Steuern am Finanzamt vorbeischleusen – und zwar mittels Schwarzarbeit. Schlechtes Gewissen? Fehlanzeige.

Schwarzer & Co.

Deutschland, deine Steuersünder

Schwarzer & Co.: Deutschland, deine Steuersünder

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

DüsseldorfDie Empörung in Deutschland über Alice Schwarzer und ihre Steuerhinterziehung ist groß. Doch das, was Schwarzer, Hoeneß & Co. im großen Stil getan haben, ist den Deutschen im Alltag gar nicht so fremd. Wenn sie Menschen schwarz beschäftigen oder selbst schwarz arbeiten, bringen sie den Staat ebenfalls um Steuereinnahmen – wenn auch nur im Kleinen. „Schwarzarbeit ist die Steuerhinterziehung des kleinen Mannes“, bringt es Professor Dominik Enste, Experte für Verhaltensökonomie und Wirtschaftsethik am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), im Gespräch mit Handelsblatt Online auf den Punkt.

Und die Schattenwirtschaft könnte künftig wieder so richtig aufblühen. Grund sind die Pläne der Großen Koalition. Denn die Autoren einer am Dienstag veröffentlichten Studie zu Schattenwirtschaft der Universität Linz und des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) sind der Überzeugung, dass die Rente mit 63 und der geplante Mindestlohn dafür sorgen werden, dass wieder mehr Geld am Finanzamt vorbeigeschleust wird. Lediglich die stabile Konjunktur sorge in diesem Jahr noch dafür, dass viele Menschen einen regulären Arbeitsplatz finden und deshalb weniger schwarzgearbeitet werde, heißt es.

Schwarzarbeit

Wo ist die Grenze zwischen einer Gefälligkeit und Schwarzarbeit?

Sobald nennenswerte Beträge fließen, spricht der Zoll von Schwarzarbeit. Doch eine genaue Grenze gibt es nicht. Entscheidend ist nach Angaben einer Zoll-Sprecherin, ob die Hilfsbereitschaft im Vordergrund steht oder das Geld. Wenn der Nachbarsjunge einmalig den Rasen mäht und dafür etwas Geld zugesteckt bekommt, sei das völlig in Ordnung. Wenn er aber alle paar Wochen zum Babysitten komme, sei das schon mehr als reine Nachbarschaftshilfe.

Geht Schwarzarbeit zulasten von regulären Arbeitsplätzen?

Die Baubranche und viele Dienstleister wie die Friseure schimpfen, dass den ehrlichen Firmen durch Schwarzarbeit viele Aufträge verloren gingen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) spricht von mindestens 500 000 vernichteten Arbeitsplätze durch Schwarzarbeit. Der Schwarzarbeit-Experte Friedrich Schneider von der Universität Linz schränkt das aber ein: Viele Bauherren könnten sich ihr Eigenheim gar nicht leisten, wenn sie alles auf Rechnung laufen lassen müssten. Der Professor schätzt, dass rund 60 Prozent der schwarz erledigten Bauaufträge gar nicht erteilt würden, wenn es keine Schwarzarbeit gäbe. Und von diesen zusätzlichen Baustellen profitierten wiederum die legal arbeitenden Handwerksbetriebe, denn kaum ein Haus werde komplett schwarz hochgezogen.

Wo findet Schwarzarbeit statt?

Mit Abstand am weitesten verbreitet ist Schwarzarbeit auf dem Bau und in der Gastronomie, wie Studien des Schwarzarbeit-Experten Schneider ergeben. Doch Großbaustellen, auf denen der Zoll Hunderte Schwarzarbeiter auffliegen lässt, sind das eine. Ein großer Teil der Schwarzarbeit findet im Privaten statt - etwa wenn die Putzfrau ihr Geld in bar bekommt oder das Nachbarsmädchen abends als Babysitterin arbeitet.

Wer arbeitet schwarz?

Von den insgesamt neun Millionen Schwarzarbeitern in Deutschland haben nach Schneiders Studien rund acht Millionen einen regulären Job und bessern sich nach Feierabend schwarz das Einkommen auf. Vollzeit-Schwarzarbeiter gebe es hingegen nur knapp eine Million - vor allem Arbeitslose und Frührentner. Immer beliebter werden nach Angaben von Experten Modelle, bei denen etwa eine Kellnerin für 20 Stunden pro Woche legal angestellt wird und den Lohn für die übrige Arbeitszeit bar auf die Hand bekommt.

Wer sind die Auftraggeber von Schwarzarbeit?

Statistisch gesehen kommen sie überwiegend aus Westdeutschland, haben Abitur und verfügen über ein Haushaltseinkommen von mehr als 2000 Euro netto. Das ist das Ergebnis einer 2013 veröffentlichten Forsa-Umfrage für die Minijob-Zentrale. Menschen mit höherem Einkommen und Bildungsstand haben demnach nur selten ein schlechtes Gewissen, jemanden schwarz zu beschäftigen.

Was ist, wenn der Schwarzarbeiter pfuscht?

Dann hat der Auftraggeber Pech gehabt. So hat es der Bundesgerichtshof vor einem halben Jahr klargestellt. Denn weil Schwarzarbeit illegal ist, kommt kein gültiger Vertrag zustande - und aus einem nichtigen Vertrag kann man auch keine Ansprüche auf die Beseitigung von Mängeln ableiten. (Az. VII ZR 6/13)

Welche Strafen drohen?

Einem Handwerker, der zum Beispiel schwarz das Badezimmer einer Wohnung fliest, droht nach Angaben des Zolls ein Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung und Vorenthaltung von Sozialabgaben. Ein Hartz-IV-Empfänger, der neben dem Geld von der Arbeitsagentur noch Lohn aus Schwarzarbeit kassiert, begeht Sozialbetrug. Der Zoll kommt solchen Fällen nach eigenen Angaben oft auf die Spur, weil etwa Nachbarn die Behörden informieren. Auch den Auftraggebern droht dann ein Bußgeld von mehreren tausend Euro.

So soll die Schwarzarbeit laut Studie auch in 2014 wie bereits in den vergangenen zehn Jahren weiter sinken – voraussichtlich um zwei Milliarden Euro auf 338,5 Milliarden Euro, so die Berechnung der Experten. Die Schattenwirtschaft – also Schwarzarbeit, verkaufte Waren auf dem Schwarzmarkt, Nachbarschaftshilfe und Selbstversorgung – entspreche somit voraussichtlich 12,2 Prozent der offiziellen Wirtschaftsleistung. Doch eben nur so lange, bis die Pläne von Union und SPD umgesetzt werden. Experte Enste glaubt auch, dass beispielsweise der Mindestlohn den Anreiz bei den Bürgern erhöhe, „Arbeiten nicht zu erledigen, aufzuschieben oder eben schwarz erledigen zu lassen.“

Es gibt aber noch einen weiteren Grund dafür, warum der Rückgang der Schwarzarbeit stagnieren könnte – und hier kommen wieder Alice Schwarzer & Co. ins Spiel: „Die Steuersünden von Prominenten führen dazu, dass auch das Unrechtsbewusstsein des normalen Steuerzahlers abnimmt“, sagt Dominik Enste vom IW. „Die Eliten stehen zurecht unter Beobachtung.“ Denn das sei der Preis dafür, dass sie an der Spitze der Gesellschaft stehen und gut bezahlt würden. „Wenn sie sich moralisch aber nicht einwandfrei verhalten, prägt das die Steuermoral der ganzen Gesellschaft.“

Kommentare (46)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

StevenHi

04.02.2014, 17:05 Uhr

Wie kann man bitte diese Kleindelikte (auch wenn sie in Summe groß sind) gegenüber den Großverdienern auf der selben Ebene diskutieren? Ich denke die Motive, die ein "einfacher Arbeiter" hat, Schwarzarbeit zu leisten, sind nun wirklich andere als das Geld im großen Stil am Fiskus vorbeizuschieben, weil man "immer noch nicht genug hat". Wer immer von Gleichberechtigung, Loyalität und Solidarität spricht und dann bei solch einem Einkommen noch Steuern hinterzieht, hat bei mir auf ganzer Ebene menschlich versagt.
Danke

RolandR

04.02.2014, 17:14 Uhr

Komisch! es klingt ja wirklich so als würde jeder bei Steuerhinterziehung und Förderung der Schwarzarbeit mitwirken! Ich zähle mich aber irgendwie nicht dazu!! ich zahle brav meine Steuer und beschäftige auch lieber einen Handwerker auf Rechnung damit dieser auch später noch für eventuelle Fehler oder gar Schlamperei herangezogen werden kann! die 19% (wenn es überhaupt so viel "Ersparnis" ist) sind es mir wert!

pro-d

04.02.2014, 17:15 Uhr

Nachdem wir hier ständig lesen, wer alles Steuern hinterzieht würde ich gerne auch mal eine Liste mit den Steuer-Verschwendern bekommen.

Wowereit, BER

Platzeck, BER

die Landrichter zu hannover, die Unsummer verschleudern, nur weil Herr Wulff angeblich 700 Euro in Vorteilnahme bekommen hat

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×