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02.09.2015

12:52 Uhr

Tagebuch eines syrischen Journalisten

„Ihr habt so schöne Häuser“

VonYahya Alaous

Mein Name ist Yahya Alaous. Ich bin Syrer, bald 42 Jahre alt, habe eine Frau und zwei kleine Mädchen. Heute lesen Sie in meiner Kolumne: Warum wir fliehen konnten, und wie ich meine ersten Tage in Berlin erlebt habe.

Unser Kolumnist ist derzeit Mitarbeiter in der Berliner Handelsblatt-Redaktion.

Yahya Alaous

Unser Kolumnist ist derzeit Mitarbeiter in der Berliner Handelsblatt-Redaktion.

Yahya Alaous ist syrischer Journalist und derzeit Mitarbeiter in der Berliner Handelsblatt-Redaktion. Wieso er sich eine neue Wohnung nur unter der Hand besorgen konnte und warum viele Syrer Kanzlerin Angela Merkel als Volksheldin verehren, lesen Sie ab sofort in einer Kolumne. Heute: Teil 1.

Das Erste, was mir an eurem Land aufgefallen ist, waren die vielen schönen Häuser mit den kleinen Vorgärten und den geraden Dächern. Gerade, akkurate Dächer. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Das war vor vier Monaten. Ich kam damals mit meiner Familie aus dem Libanon mit dem Flugzeug nach Berlin. Eine gute Freundin empfing uns in Tegel. Wir hatten uns in Syrien kennen gelernt, meiner Heimat. Ich war dort Journalist – sie Auslandsreporterin.

Aber von vorne: Mein Name ist Yahya Alaous. Ich bin Syrer, werde in zwei Tagen 42 Jahre alt, habe eine Frau und zwei kleine Mädchen. Gemeinsam lebten wir bis vor ein paar Monaten in Syrien. Ich habe dort als politischer Korrespondent bei einer großen Tageszeitung gearbeitet. Ich war immer schon kritisch mit dem Regime von Baschar al-Assad, schrieb meine Meinung zu Menschenrechten, Korruption, Demokratie.

2002 kam ich dafür zwei Jahre ins Gefängnis. Mein Pass wurde eingezogen, außerdem wurde mir verboten, je wieder bei einer Zeitung zu arbeiten. Nachdem ich aus dem Gefängnis kam, schrieb ich also für eine Untergrund-Website, vor allem über Frauenrechte. Dieses Thema gilt beim Regime nicht als politisch bedeutsam. Es war also weniger gefährlich für mich.

Acht Jahre ging das gut. Dann zwang uns Assads Regierung, die Website zu schließen. Das war für mich der Grund, politische Bewegungen aktiv zu unterstützen. Ich ging auf Demonstrationen, erlebte den arabischen Frühling hautnah mit, ging zu Versammlungen und Treffen. Es wurde gefährlich, also schrieb ich meine Berichte für den „Syrian Observer“ – ein oppositionelles Magazin – unter Pseudonym. Manchmal bekam ich Geld dafür, meistens nicht. Es war hart, meine Familie zu ernähren.

Was Bürger für Flüchtlinge tun können

Wie erfahre ich, wo Hilfe benötigt wird?

Ein paar Telefonanrufe helfen in der Regel weiter: Die örtlichen Kirchengemeinden, das Rote Kreuz, Caritas oder Diakonisches Werk wissen normalerweise, wo es in der Nähe Flüchtlingsunterkünfte gibt und wer gerade Helfer sucht. Ansprechpartner auf der Verwaltungsebene ist meist das Ordnungsamt, da meist hier die Bereiche Asyl und Migration angesiedelt sind. In jedem Bundesland gibt es zudem einen Flüchtlingsrat, der Kontakte vermitteln und weiterhelfen kann.

Wie kann ich mich tatkräftig engagieren?

Neu ankommende Flüchtlinge sind auf zupackende Unterstützung angewiesen: Helfer können Flüchtlinge mit dem neuen Wohnumfeld vertraut machen, sie zu Behörden und zum Arzt begleiten, Deutschunterricht geben, Hausaufgabenbetreuung anbieten und Kontakte zu Sportvereinen und Freizeiteinrichtungen herstellen. Manche Flüchtlingseinrichtungen vermitteln "Patenschaften", um den Flüchtlingen feste Ansprechpartner für Alltagsfragen anzubieten. Sprachliche und berufliche Vorkenntnisse sind bei Helfern oft nicht so wichtig – was zählt, ist die Einsatzbereitschaft.

Werden Sachspenden benötigt?

Oftmals ja – wobei immer gilt: Zunächst direkt bei der Flüchtlingsunterkunft nachfragen, was gerade gebraucht wird. Nachfrage besteht oft nach Spielzeug, Kleidung, Hygiene- und Gesundheitsartikeln, Bustickets, Telefonkarten, Sanitäranlagen oder Möbeln. Auch Handwerkerleistungen sind gefragt.

Machen Geldspenden Sinn?

Viele Flüchtlingshilfe-Organisationen sind auf private Spenden angewiesen. Auf internationaler Ebene gibt es etwa das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, in Deutschland gibt es Vereinigungen wie Pro Asyl und auf kommunaler Ebene gibt es eine Vielzahl von Projekten. Die Spenden können steuerlich als Sonderausgaben abgesetzt werden, wenn die Empfänger als gemeinnützig anerkannt sind. Flüchtlingshelfer regen an, etwa bei Jubiläumsfeiern oder Geburtstagen auf das Beschenktwerden zu verzichten und Gäste um Spenden für Flüchtlinge zu bitten.

Kann ich Flüchtlinge bei mir daheim aufnehmen?

In manchen Bundesländern ist das bereits erlaubt, in anderen nicht. Ansprechpartner vor Ort ist in der Regel das Ordnungsamt, an das entsprechende Angebote für Privatunterkünfte zu richten sind. Hilfe bei der Vermittlung leistet die private Internetseite www.fluechtlinge-willkommen.de. Flüchtlingshelfer berichten, dass die Behörden nicht immer auf solche Angebote reagieren - möglicherweise aus Überlastung oder aus logistischen Gründen, weil es für die Verwaltung einfacher ist, Flüchtlinge zentral an einem Ort unterzubringen. In solchen Fällen raten Flüchtlingshelfer: Nicht aufgeben, immer wieder nachfragen.

Wie kann ich Verständnis für Flüchtlinge wecken?

Der Schulunterricht ist ein guter Ort, auf die gegenwärtige Lage einzugehen. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bietet umfassendes deutschsprachiges Unterrichtsmaterial und vermittelt Schulbesuche von Flüchtlingen. Ganz allgemein raten Flüchtlingshelfer: Treten Sie beherzt ein gegen fremdenfeindliche Sprüche in ihrer Umgebung, suchen Sie Kontakt mit Flüchtlingen.

Irgendwann ging es nicht mehr. Die Lage wurde für uns zu unsicher. Überall im Land ist Chaos, es wird geschossen, Raketen fliegen durch die Luft. Dazu kommen die Leute der Stasi: Nachbarn, die Oppositionelle an das Regime verraten. Einmal gab es einen Anschlag. Eine Autobombe, die vor einem Gebäude explodierte. Ich war nur einige Minuten zuvor an ebendiesem Auto vorbeigegangen. 65 Menschen starben bei dem Anschlag, es war grauenvoll.

Einmal traf ein Bombensplitter den Wagen meiner Familie, auch unser Haus wurde beschädigt. Der Krieg kam immer näher, obwohl wir in einem sogenannten stabilen Viertel wohnten. Immer öfter sagte meine deutsche Freundin zu mir: „Komm raus aus Syrien, es ist zu gefährlich für dich dort.“

Vor vier Monaten, nach zwölf Jahren ohne Dokumente, bekam ich plötzlich meinen Pass zurück. Ich ging mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern, so schnell es ging, in den Libanon. Von dort aus kamen wir mit der Hilfe von „Reporter ohne Grenzen“ nach Berlin. Hier fühle ich mich endlich sicher.

Wir sind privilegiert. Meine acht Brüder und Schwestern sind noch in Syrien, arbeiten als Anwälte und Lehrer. Ich denke die ganze Zeit an sie. Eines Tages, wenn Assad weg ist, werde ich zu ihnen zurückkehren.

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