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08.01.2016

19:06 Uhr

Tagebuch eines syrischen Journalisten

Merkels Kampf gegen IS – Riskant und wenig effektiv

VonYahya Alaous

Mein Name ist Yahya Alaous. Ich bin Syrer, bald 42 Jahre alt, habe eine Frau und zwei kleine Mädchen. Heute lesen Sie in meiner Kolumne: Warum Deutschland im Kampf gegen den IS die schlechteste Option wählt.

Unser Kolumnist ist derzeit Mitarbeiter in der Berliner Handelsblatt-Redaktion.

Yahya Alaous

Unser Kolumnist ist derzeit Mitarbeiter in der Berliner Handelsblatt-Redaktion.

Yahya Alaous ist syrischer Journalist und derzeit Mitarbeiter in der Berliner Handelsblatt-Redaktion. Wieso er sich eine neue Wohnung nur unter der Hand besorgen konnte und warum viele Syrer Kanzlerin Angela Merkel als Volksheldin verehren, lesen Sie ab sofort in einer Kolumne. Heute: Teil 6.

Deutschland verabschiedet sich von seiner moderaten Politik, die es bisher beim Krieg gegen den Terror verfolgt hat. Mit seiner Zurückhaltung blieb Deutschland in den vergangenen Jahren ein weißer Fleck auf der Weltkarte der Terroranschläge. Die nun getroffene Entscheidung, sich der Allianz gegen den so genannten Islamischen Staat (IS) anzuschließen, ist umso gefährlicher, da Deutschland parallel noch mit der Bewältigung des Zuzugs von Flüchtlingen beschäftigt ist. Wie kann man sicherstellen, dass sich unter die Flüchtlinge, die jeden Tag an Deutschlands Grenzen ankommen, nicht auch Terroristen mischen? Hinzu kommt: Deutschland beteiligt sich an einer Koalition, die bisher im Kampf gegen den IS kaum Erfolge erzielen konnte.

Was Bürger für Flüchtlinge tun können

Wie erfahre ich, wo Hilfe benötigt wird?

Ein paar Telefonanrufe helfen in der Regel weiter: Die örtlichen Kirchengemeinden, das Rote Kreuz, Caritas oder Diakonisches Werk wissen normalerweise, wo es in der Nähe Flüchtlingsunterkünfte gibt und wer gerade Helfer sucht. Ansprechpartner auf der Verwaltungsebene ist meist das Ordnungsamt, da meist hier die Bereiche Asyl und Migration angesiedelt sind. In jedem Bundesland gibt es zudem einen Flüchtlingsrat, der Kontakte vermitteln und weiterhelfen kann.

Wie kann ich mich tatkräftig engagieren?

Neu ankommende Flüchtlinge sind auf zupackende Unterstützung angewiesen: Helfer können Flüchtlinge mit dem neuen Wohnumfeld vertraut machen, sie zu Behörden und zum Arzt begleiten, Deutschunterricht geben, Hausaufgabenbetreuung anbieten und Kontakte zu Sportvereinen und Freizeiteinrichtungen herstellen. Manche Flüchtlingseinrichtungen vermitteln "Patenschaften", um den Flüchtlingen feste Ansprechpartner für Alltagsfragen anzubieten. Sprachliche und berufliche Vorkenntnisse sind bei Helfern oft nicht so wichtig – was zählt, ist die Einsatzbereitschaft.

Werden Sachspenden benötigt?

Oftmals ja – wobei immer gilt: Zunächst direkt bei der Flüchtlingsunterkunft nachfragen, was gerade gebraucht wird. Nachfrage besteht oft nach Spielzeug, Kleidung, Hygiene- und Gesundheitsartikeln, Bustickets, Telefonkarten, Sanitäranlagen oder Möbeln. Auch Handwerkerleistungen sind gefragt.

Machen Geldspenden Sinn?

Viele Flüchtlingshilfe-Organisationen sind auf private Spenden angewiesen. Auf internationaler Ebene gibt es etwa das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, in Deutschland gibt es Vereinigungen wie Pro Asyl und auf kommunaler Ebene gibt es eine Vielzahl von Projekten. Die Spenden können steuerlich als Sonderausgaben abgesetzt werden, wenn die Empfänger als gemeinnützig anerkannt sind. Flüchtlingshelfer regen an, etwa bei Jubiläumsfeiern oder Geburtstagen auf das Beschenktwerden zu verzichten und Gäste um Spenden für Flüchtlinge zu bitten.

Kann ich Flüchtlinge bei mir daheim aufnehmen?

In manchen Bundesländern ist das bereits erlaubt, in anderen nicht. Ansprechpartner vor Ort ist in der Regel das Ordnungsamt, an das entsprechende Angebote für Privatunterkünfte zu richten sind. Hilfe bei der Vermittlung leistet die private Internetseite www.fluechtlinge-willkommen.de. Flüchtlingshelfer berichten, dass die Behörden nicht immer auf solche Angebote reagieren - möglicherweise aus Überlastung oder aus logistischen Gründen, weil es für die Verwaltung einfacher ist, Flüchtlinge zentral an einem Ort unterzubringen. In solchen Fällen raten Flüchtlingshelfer: Nicht aufgeben, immer wieder nachfragen.

Wie kann ich Verständnis für Flüchtlinge wecken?

Der Schulunterricht ist ein guter Ort, auf die gegenwärtige Lage einzugehen. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bietet umfassendes deutschsprachiges Unterrichtsmaterial und vermittelt Schulbesuche von Flüchtlingen. Ganz allgemein raten Flüchtlingshelfer: Treten Sie beherzt ein gegen fremdenfeindliche Sprüche in ihrer Umgebung, suchen Sie Kontakt mit Flüchtlingen.

Deutschland ist nicht das erste Land, das sich spät und nach Zögern der Anti-IS-Allianz anschließt. Auch die Türkei hat sich lange herausgehalten. In dieser Zeit blieb sie nicht nur von Anschlägen verschont, sie konnte sogar entführte türkische Staatsbürger austauschen. Seit dem Beitritt zur Koalition wurde die Türkei hingegen Opfer einer Serie von grausamen Anschlägen.

Deutschland hatte nach den Anschlägen von Paris drei Optionen: Es hätte an seiner Politik der Zurückhaltung festhalten können und so eine direkte Konfrontation mit dem IS vermieden. Es hätte zweitens eine enge Kooperation mit Verbündeten vor Ort eingehen können, also eine breit angelegte Unterstützung der gemäßigten Rebellen in Syrien und der Armee in Irak. Das wäre der effektivste Weg den IS zu bekämpfen. Er ist nur am Boden zu schlagen.
Deutschland entschied sich für Option drei: den Eintritt in die Anti-IS-Koalition, die auf Luftschläge setzt. Dieser Mittelweg ist die schlechteste Wahl. Die Luftangriffen waren schon bisher wenig effektiv und haben auch in Zukunft kaum Aussicht auf Erfolg. So steigt die terroristische Bedrohung für Deutschland, aber leider nicht die Chance, den IS zu zerstören.

Yahya Alaous, 42, ist syrischer Journalist und derzeit Mitarbeiter in der Berliner Handelsblatt-Redaktion. Im gedruckten Handelsblatt und auf Handelsblatt.com berichtet er in den kommenden Wochen vom Krieg in seiner Heimat, seinem neuen Leben in Deutschland, der Zukunft seiner Verwandten, Kollegen und Freunde – und über seine Träume.

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