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15.12.2011

07:00 Uhr

Talk bei Anne Will

Sprechautomaten deuten den Lindner-Rücktritt

Bei Anne Will wurde aus aktuellen Anlässen über die FDP- und die Bundespräsidenten-Krise gestritten. Journalist Jörges gewann das Duell gegen FDP-Mann Niebel. Die Diskussion begann lebhaft und ließ stark nach.

Anne Will. dpa

Anne Will.

Besondere Tagesaktualität zählte in den letzten Wochen nicht gerade zu Qualitäten, um die sich die ARD-Talkshows und speziell die von Anne Will bemühten. Lieber wurde über „Malochen bis 67 und dann arm - ist das sozial?“ oder „Versichern, verkaufen, verschaukeln - wer traut noch seinem Berater?“ diskutiert. Am gestrigen Mittwoch aber reagierte die Redaktion schnell und kippte das ganz besonders zeitlose Thema „Deutschland, deine Beamten - überversorgt und überflüssig?“ aus dem Programm, um topaktuell die Politikkrisen um Bundespräsident Christian Wulff und den zurückgetretenen FDP-Generalsekretär Christian Lindner zu diskutieren.

Immerhin munter los ging es. Entwicklungsminister Dirk Niebel, als FDP-Generalsekretär der Vorgänger des zurückgetretenen Lindner, wiederholte gleich mehrmals „Ich bin fest davon überzeugt, dass Patrick Döring“, Lindners Nachfolger also, „ein guter Generalsekretär sein wird“ – seine Antwort auf die Frage, ob er den Rücktritt bedaure. So bekam Moderatorin Will Gelegenheit, mal wieder kurz die schon lange nicht mehr (und auch gestern nur vorübergehend) ausgefüllte Rolle einer harten Nachfragerin zu schlüpfen. Und Niebel konnte sein Image als „Sprechautomat“ auffrischen.

Solche Qualitäten brauchte er gestern auch, wie schon die ersten Einlassungen des mutmaßlichen Rekordtalkshowgastes Hans-Ulrich Jörges (gastierte vor zwei Wochen in Wills Guttenberg-Diskussion und am Montag in Frank Plasbergs „Angst um den Wohlstand“-Diskussion) zeigte. Erklärungen wie die Niebels „machen die Politikkrise immer noch größer“, sagte der „Stern“-Journalist. Lindner sei zurückgetreten, um „sich nicht selbst weiter zu beschädigen“, FDP-Parteichef Philipp Rösler sei „vollkommen inkompetent als Parteivorsitzender wie als Wirtschaftsminister“ und werde in ersterer Funktion bald von Rainer Brüderle abgelöst, so lauteten Jörges' atemlose Vorhersagen.

Der tiefe Fall der FDP - eine Chronologie

September 2009

Die FDP mit ihrem Spitzenkandidaten Guido Westerwelle erzielt bei der Bundestagswahl am 27. September mit 14,6 Prozent ihr bislang bestes Ergebnis auf Bundesebene. Vor allem dank des starken Abschneidens der Liberalen kommt es zu einer schwarz-gelben Koalition.

Dezember 2009

Die Koalition bringt mit dem Wachstumsbeschleunigungsgesetz ihr erstes großes Gesetz durch, das die vor allem von der FDP vorangetriebene Senkung der Mehrwertsteuer auf Hotelübernachtungen enthält. Den Liberalen wird fortan Klientelpolitik vorgeworfen.

Februar 2010

In Umfragen sackt die FDP deutlich ab. Westerwelle löst mit Äußerungen in der Hartz-IV-Debatte heftige Kritik aus. In einem Zeitungsbeitrag schrieb der Parteichef: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“

Mai 2010

Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen verliert die schwarz-gelbe Landesregierung ihre Mehrheit. Einen Tag nach der Wahlschlappe rückt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von den Steuersenkungsplänen ab, dem zentralen Wahlversprechen der FDP. Forderungen werden laut, Westerwelle solle sich wegen der Doppelbelastung in Regierung und Partei vom FDP-Vorsitz trennen.

Dezember 2010

Die parteiinterne Kritik an Westerwelle wird zunehmend öffentlich geäußert. Auch die Wikileaks-Enthüllungen schaden Westerwelle: Laut der Enthüllungsplattform wurde er von der US-Botschaft als „inkompetent“ beschrieben.

März 2011

Eine Serie von Landtagswahlen wird für die FDP zum Fiasko: In Sachsen-Anhalt schafft sie es nicht ins Parlament, ebenso ergeht es ihr eine Woche später in Rheinland-Pfalz. In Baden-Württemberg kommt sie auf magere 5,3 Prozent.

April 2011

Während Westerwelle nach den Wahlschlappen als Außenminister in Asien unterwegs ist, mehrt sich die Kritik an seiner Person. Nach seiner Rückkehr kündigt er den Rückzug vom Parteivorsitz an, will aber Außenminister bleiben. Kurz darauf einigen sich die Führungsgremien von Partei und Fraktion auf Gesundheitsminister Philipp Rösler als neuen FDP-Chef.

Mai 2011

Die designierte Spitze um Rösler setzt eine Personalrochade durch: Rösler wechselt vom Gesundheits- ins Wirtschaftsministerium, der bisherige Ressortchef Rainer Brüderle wird Fraktionschef, die bisherige Fraktionschefin Birgit Homburger wird auf einen Vizeposten in der Parteiführung weggelobt. Rösler gelingt es bei seiner Wahl auf dem Parteitag in Rostock, Aufbruchstimmung zu erzeugen.

September 2011

Die Schwäche der FDP hält an. Zum fünften Mal in diesem Jahr verpasst die FDP den Wiedereinzug in ein Landesparlament: Bei der Wahl in Berlin stürzt sie auf 1,8 Prozent ab. Die Aufbruchstimmung nach der Wahl der neuen Parteispitze verfliegt zusehends.

Oktober 2011

Eine Gruppe um den FDP-Abgeordneten Frank Schäffler sammelt mehr als 3500 Unterschriften von Parteimitgliedern und erzwingt damit einen Mitgliederentscheid zur Europapolitik. Schäffler will die FDP in dem Entscheid gegen den Willen der FDP-Führung um Rösler auf ein Nein zum geplanten Euro-Rettungsfonds ESM festlegen.

November 2011

Erfolg für die FDP: Auf ihr Drängen einigt sich die Koalition auf Steuererleichterungen ab 2013. Rösler kündigt an, die Liberalen weg vom Image der reinen Steuersenkungspartei führen zu wollen. Der Mitgliederentscheid läuft an.

Dezember 2011

Der Entscheid stiftet Unruhe in der Partei. Die Initiatoren werfen der Parteispitze Behinderung vor. Rösler und Lindner ziehen heftige Kritik auf sich, als sie vor Ablauf des Entscheids öffentlich die Erwartung äußern, dass die nötige Mindestbeteiligung von einem Drittel der Mitglieder verfehlt werde. Am Tag nach Einsendeschluss für die Stimmunterlagen erklärt Lindner seinen Rücktritt. Rösler gerät zunehmend in die Kritik.

Die einzige Frau unter den Gästen, die Schriftstellerin Thea Dorn, verlagerte die Debatte mit ein paar Sätzen über den Liberalismus an sich und das Charisma aktueller Politiker auf eine noch allgemeinere Ebene. „Wir erleben das Ende der FDP – zurecht“, rief im Brustton der Überzeugung der frühere NDR-Chefreporter Christoph Lütgert aus – der selbst vor allem durch seine Reportagen über Carsten Maschmeyer als ebenso unbeirrbarer Fernsehjournalist wie Selbstdarsteller bekannt ist.

So entwickelte sich die erste Hälfte der Sendung als Gesichtershow: Gerne rückte die Regie Dirk Niebels Miene als die des stoisch alle Vorwürfe ertragenden Prügelknaben ins Bild und ließ dabei seine Brillenränder im Scheinwerferlicht funkeln. Daneben boten Lütgerts massiges Gesicht, das sardonische Lächeln des zunächst zurückhaltenden Jürgen Trittin und der ebenfalls massige, ebenfalls beim Zu-Ende-Bringen noch so langer Sätze kaum beirrbare CDU-Parlamentarier Peter Altmaier Unterhaltungswert. Ein Sprechautomaten-Duell zwischen Jörges und Niebel, das der Journalist souverän gewann, entlockte auch Will entzücktes Lächeln. Es war zumindest aufschlussreicher als die Was-wäre-wenn-Spekulationen über den Ausgang des FDP-Mitgliederentscheids zum Euro-Rettungsschirm.

Kommentare (12)

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FDP_hat_fertig_wie_Flasche_leer

15.12.2011, 08:42 Uhr

Widerliche Type, dieser Afrika-Kolonial-General-mit-Bundeswehrmüzchen-und-Sonnenbrille-Niebel, siehe hier:

http://www.photothek.de/LT0/de/datenbank.html?sesiwo=Muetze%20|%20Developing%20country&clearSearch=1

Aber was will man von einem ehemaligen Ex-Arbeitsvermittler, der das Entwicklungsministerium komplett abschaffen wollte, jetzt aber dort selbst Chef ist, anderes erwarten?
Schlimm genug, das solche Leute politische Verantwortung tragen. Ich frage mich, wer hat solche Leute wie Niebel, Rösler, Pofalla, Kauder, Öttinger, Nahles und Konsorten eigentlich gewählt?
Ich jedenfalls nicht!
Gott sei Dank siegt am Ende immer die Vernunft und radieren Sprechautomatik Niebel und seine liberalen Steuersenkerphantasten endgültig aus der politischen Landschaft.

Account gelöscht!

15.12.2011, 08:42 Uhr

Der Handelsblattartikel lobt, dass das Thema aktuell ist. da meine ich: na und! Aktuallität ist doch kein Qualitätsmerkmal. Seit Westerwelle die FDP auf Wirtschaftsliberalität und Lobbyismus reduziert hat - stirbt sie. Dass Rösler und seine Jungs scheitern überrascht auch keinen wirklich.

Trots fehlender Aktuallität wäre eine Diskussion über das deutsche Beamtentum wichtiger, konstruktiv nötiger.

Früher waren die unteren Beamtengehälter die Lohnuntergrenze der Wirtschaft. Ist deren Bezahlung für die gebotene Arbeitsplatzsicherheit heut zu hoch im Vergleich? Ist es noch richtig, dass Beamte nicht an den Sozial und Rentenversicherungen teilnehmen? Warum sinkt die Bürgernähe und die gefühlte Sicherheit trotz teurer Beamtenschaft. Gesamtdeutschland hat heute fast 400.000 Soldaten weniger als in den 80er Jahren. Wo bleiben die Einsparunge? Usw. Dagegen ist doch das Werkeln der FDP absolut uninteressant - trotz aller Aktuallität.

Motzer

15.12.2011, 09:13 Uhr

Diese ewige Phrasendrescherei der Politiker. Siehe Herr Altmeier. Immer das gleiche. Ohne Politiker wäre eine solche Diskussion wesentlich interessanter. Aber wir sind hier nun mal im Öffentlich Rechtlichen, der Selbsdarstellungsplattform der Politik!

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