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17.10.2014

08:35 Uhr

Talk bei Maybritt Illner

Vom „Fetisch“ der Schwarzen Null

VonChristian Bartels

Es war eine seltsame Sendung, die Maybrit Illners Diskussion über eine mögliche Wirtschaftskrise bot. Die streitbaren Gäste überraschten dabei auf eine andere Art als Moderatorin und Zuschauern lieb gewesen sein kann.

Streithähne zahm: Moderatorin Maybritt Illner (links) mühte sich vergebens, Feuer in die Diskussion ihrer Gäste – hier Volker Kauder und Susanne Schmidt – zu bringen. Screenshot

Streithähne zahm: Moderatorin Maybritt Illner (links) mühte sich vergebens, Feuer in die Diskussion ihrer Gäste – hier Volker Kauder und Susanne Schmidt – zu bringen.

BerlinFalls es ein rein schriftliches Gesprächsprotokoll von Maybrit Illners Talkshow mit dem Titel „Der Traum vom Wirtschaftswunder – bitteres Erwachen für Deutschland?“ gibt, müssten Leser den Eindruck haben, dass es ganz schön hoch hergegangen ist.

Es fielen Äußerungen wie: Der einzelne könne angesichts der zurückgenommenen Wachstumsprognose nicht viel mehr tun, „als schon mal zwei neue Löcher in den Gürtel bohren“. Ja, die Bürger hätten „das Gefühl, sie sind auf der Geisterbahn“. Allein durch die minimalen Zinsen verlören deutsche Sparer „40 Milliarden Euro an Kaufkraft pro Jahr“, und die Europäische Zentralbank (EZB) sowie „jener Italiener mit dem schönen Namen Draghi“ betrieben „Politik für die Länder des Südens“, „für marode Staaten und marode Banken“.

Hierzulande sei die der schuldenfreie Haushalt, die Schwarze Null, für die vor allem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble – manchmal mit euphorisiertem Lächeln überlebensgroß im Studiohintergrund eingeblendet – kämpft, „zu einem Fetisch geworden“. So isoliert, wie wir daher zurzeit „in der ganzen Welt“ dastehen, ist „Deutschland gerade als Geisterfahrer unterwegs“?

Wer die Show gesehen hat, weiß, dass es nicht hoch hergegangen ist. Alle zitierten Äußerungen kamen von der munter zupackenden Moderatorin Illner selbst, die ihre Gästerunde zum Streit anstacheln wollte. Das gelang jedoch nicht. Vielmehr trat eine ganz große Koalition sämtlichen Geisterbahn-Geisterfahrer-Ängsten entgegen.

Die Kontrollgremien des ZDF

Die Aufgaben des Fernsehrats

Der ZDF-Fernsehrat überwacht das Programm und die Richtlinien für die Sendungen, befasst sich mit Beschwerden, genehmigt den vom Verwaltungsrat beschlossenen Haushaltsplan und wählt den Intendanten.

Die Mitglieder des Fernsehrats

Der ZDF-Fernsehrat hat 77 Vertreter gesellschaftlich relevanter Gruppen. Dazu zählen zum Beispiel die großen Kirchen, der Zentralrat der Juden in Deutschland, Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände, Umweltverbände und der Deutsche Sportbund. Die 16 Länder schicken je einen Vertreter, der Bund entsendet drei und die politischen Parteien schicken zwölf Vertreter. Die Mitglieder sollen in ihrer Zusammensetzung die Vielfalt der Gesellschaftsordnung repräsentieren. Es gibt grob eingeteilt zwei Freundeskreise: CDU-nah und SPD-nah. Der Fernsehrat tagt meist viermal im Jahr. Vorsitzender ist der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz.

Aufgaben des Verwaltungsrats

Der ZDF-Verwaltungsrat überwacht die Tätigkeit des Intendanten, beschließt über dessen Dienstvertrag und über den Haushaltsplan, den der Intendant entwirft.

Die Mitglieder des Verwaltungsrats

Der ZDF-Verwaltungsrat hat 14 Mitglieder: Neben fünf Vertretern der Länder und einem des Bundes werden acht Mitglieder vom Fernsehrat gewählt. Sie dürfen weder einer Regierung noch einer gesetzgebenden Institution wie etwa Bundes- oder Landtag angehören. Der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) leitet den Verwaltungsrat. Weitere Ländervertreter sind die Ministerpräsidenten von Bayern und Sachsen, Horst Seehofer (CSU) und Stanislaw Tillich (CDU), Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und Brandenburgs Ex-Regierungschef Matthias Platzeck (SPD).

Der Intendant

Thomas Bellut vertritt das ZDF nach außen und ist für alle Geschäfte und die Programmgestaltung verantwortlich.

Die allgemeine Besonnenheit konnte durchaus überraschen. Schließlich hat Illner gestählte Talkshow-Streiter eingeladen, die es souverän beherrschen, mindestens eine Minute mit stahlhartem Blick in konstanter Lautstärke weiterzureden, während andere Gäste und die Moderatorin ebenfalls reden.

Diese Qualität demonstrierten Hans Werner Sinn vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, die Linken-Parteivorsitzende Katja Kipping und Industrieverbands-Präsident Ulrich Grillo auch am Donnerstagabend. Bloß richtig streiten mochten sie nicht miteinander.

Es sei eben wie beim Fußball, sagte Grillo: „Gestern Weltmeister, heute kämpfen wir um die Qualifikation für die Europameisterschaft". Daran, dass Deutschland sich nicht qualifizieren könnte, glaubte im Studio offenkundig niemand.

Kommentare (22)

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Herr W. H.

17.10.2014, 08:40 Uhr

Es wurde mir schon etwas klar. Unsere Politik hat keine Visionen für eine Zukunft sondern entwickelt sich rückwärts. Und ganz typisch dafür ist ein Beamter wie Kauder, der ohne eigene Meinung nur nach Koalitionsvertrag lebt. Visionen hatte die CDU aber noch nie, die mussten immer die Koalitionspartner einbringen. Pech nur, das der derzeitige Partner SPD nur daran arbeitet, die eigenen Erfolge der letzten Jahrzehnte zu demontieren.

Herr Woifi Fischer

17.10.2014, 08:40 Uhr

Susanne Schmidt, lebt vom Namen ihres Vaters, zur Sache konnte sie nicht viel beitragen, und Herr Dampfplauderer Kauder, brachte bekanntes zum Besten.

Eine Sendung die an Attraktivität stark verloren hat.

Herr wulff baer

17.10.2014, 09:10 Uhr

Mainstream in Hochform.
Ich schaue mir den Quatsch schon lange nicht mehr jedesmal an.
Interessant aber, dass der streitbare Sinn wohl ganz schön sediert wurde - von wem kann man sich vorstellen.
Ich habe alle wichtigen Bücher von Sinn gelesen und habe ihn nicht wiedererkannt.
Dass Politiker, wie Kauder sich trauen, an einer solchen Sitzung teilzunehmen, beweist, wie harmlos das Gespräch in der Konzeption geplant wurde.
Eigentlich wieder mal die Verdummung hoch 3 mit inkompetenten Teilnehmern und Berufs-Abwieglern.

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