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27.03.2012

15:41 Uhr

Tarifkonflikt

Was Verdi wirklich will

Bei den Warnstreiks an den Flughäfen geht es für Verdi-Chef Bsirske um mehr als nur einen guten Tarifabschluss. Mit einem Erfolg kann er im Kampf mit Kleinstgewerkschaften Punkte machen - auf dem Rücken der Reisenden.

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Verdi lässt die Muskeln spielen

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Verdi lässt die Muskeln spielen. Im Tarifkonflikt des öffentlichen Dienstes hat die Gewerkschaft mit Warnstreiks den Betrieb an den großen deutschen Flughäfen durcheinander gewirbelt. In Frankfurt legte bereits in aller Frühe ein Teil des Bodenpersonals die Arbeit nieder - ein Drittel der täglich 1300 Starts und Landungen werden deshalb wohl ausfallen.

Und neben Frankfurt werden auch noch viele andere Flughäfen wie München, Düsseldorf oder Köln-Bonn bestreikt. „Dass heute die Flughäfen lahmgelegt sind, ist ein klares Signal, welches Eskalationspotenzial besteht“, sagte Verdi-Chef Frank Bsirske  bei einer Kundgebung vor mehreren hundert Teilnehmern am Frankfurter Flughafen. „Ich hoffe, dass die Arbeitgeber dieses klare Zeichen verstehen. Und nicht nur die - sondern vor allem auch die Beschäftigten selbst.

Dass Verdi nach den Warnstreiks bei den öffentlichen Verkehrsmitteln oder an Kindertagesstätten nun auch das Bodenpersonal der Flughäfen einbezieht, ist alles andere als ein Zufall. Die Streiks unterm weiß-roten Verdi-Banner sollen vor allem ein Signal an die betreffenden Mitarbeiter sein: dass sich nämlich nicht nur neue Berufsgewerkschaften kämpferisch für die Interessen von Beschäftigten im Luftverkehr einsetzen, sondern auch der gewerkschaftliche Vollanbieter Verdi.

Öffentlicher Dienst - Forderungen und Tarifabschlüsse

2012

Die Gewerkschaften fordern für etwa zwei Millionen Beschäftigte von Bund und Kommunen 6,5 Prozent mehr Lohn, mindestens aber 200 Euro monatlich mehr für Bezieher kleinerer Einkommen. Das bisherige Angebot der Arbeitgeber ist ein Stufenmodell, das nach ihrer Rechnung im zweiten Jahr 3,3 Prozent Lohnplus bedeutet. Nach Rechnung der Gewerkschaften beträgt die Steigerung über die gesamte Zeit aber nur 1,77 Prozent.

2011

Ein Plus von 50 Euro und eine lineare Erhöhung von drei Prozent fordern die Gewerkschaften für die rund 600.000 Angestellten der Länder (ohne Berlin und Hessen). Das entspricht Verbesserungen von durchschnittlich fünf Prozent. Die Arbeitgeber legen zunächst kein Angebot vor. Im März einigen sich beide Seiten auf eine Einmalzahlung von 360 Euro (Auszubildende 120 Euro) und eine lineare Erhöhung der Gehälter von 1,5 Prozent zum 1. April. Für 2012 werden eine lineare Erhöhung von weiteren 1,9 Prozent sowie ein monatlicher Sockelbetrag von 17 Euro (Auszubildende sechs Euro) beschlossen. Verdi beziffert die Tariferhöhung für 2011 mit 2,3 und für 2012 mit 2,55 Prozent.

2010

Die Gewerkschaften fordern für rund zwei Millionen Angestellte von Bund und Kommunen zu Beginn der Verhandlungen Einkommensverbesserungen mit einem Gesamtumfang von fünf Prozent. Später bieten sie für 2010 ein Plus im Gesamtvolumen von 3,5 Prozent an. Die Arbeitgeber schlagen ein Gesamtvolumen von 1,5 Prozent für eine Laufzeit von zwei Jahren vor. Im Februar erklären beide Seiten die Tarifverhandlungen für gescheitert. Ende des Monats akzeptieren sie den Schlichterspruch. Er sieht vor, dass die Gehälter bis Sommer 2011 stufenweise um 2,3 Prozent angehoben werden. Im Januar 2011 gibt es eine Einmalzahlung von 240 Euro (Auszubildende 50 Euro).

Seit der Grundsatz der Tarifeinheit nicht mehr gilt, muss Verdi stets befürchten, dass entweder die GdF oder auch eine weitere neue Gewerkschaft in den Bereich des bisher im kommunalen öffentlichen Dienst angesiedelten Bodenpersonals eindringt. Das demonstrative Bad in der Menge der streikenden Beschäftigten vor laufenden Kameras ist für Verdi-Chef Bsirske heute also wichtiger denn je: Nähe zählt im Konkurrenzkampf mit den Spartengewerkschaften doppelt.

Wobei Verdi offiziell einen Zusammenhang zwischen den Flughafen-Warnstreiks und dem Engagement der Spartengesellschaften bestreitet. „Die Konkurrenzgewerkschaften spielen  keine Rolle”, sagt ein Sprecher. „Die Tarifvielfalt hat mit der aktuellen Tarifauseinandersetzung nichts zu tun.” Allerdings hätten die Warnstreiks durchaus den Nebeneffekt den Beschäftigten zu zeigen, „dass auch eine Großgewerkschaft eine interessante Alternative sein kann”.

Kommentare (18)

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Sventek

27.03.2012, 17:14 Uhr

Leider wiederholt auch das Handelsblatt unreflektiert das Angebot der öffentlichen Arbeitgeber mit 3,3%.
Wenn man einfach die Inflation der letzten 5 Jahre zusammenaddiert, käme man selbst mit einer tariflichen Erhöhung von 10% auf einen Reallohnverlust.
So kann man nicht rechnen...das ist Mathematik für BILD-Zeitungsleser!

Bleiben Sie kompetent! Das Angebot der Arbeitgeber beträgt weniger als 1,8%. Das ist abermals weit unter als die Teuerungsrate, auch noch festgelegt für 2 Jahre.
Für Verdi zu Recht unannehmbar.

Thatcher

27.03.2012, 17:41 Uhr

Verdi hat keine anderen Interessen als Machtausweitung und Populismus. Alles andere ist Schönfärberei. Idealismus liegt diesen Leuten fern, die Wahl der Mittel gerät mehr und mehr in Schieflage.

Die Diskussion um den Reallohnverlust ist angesichts tatsächlicher Lohnsenkungen in europäischen Krisenländern eine Anmassung.
Wieder so ein Neid-Schmierfink dem es so gut geht, dass er sich wahlweise über zu niedrige Besteuerung der Besserverdiener, oder Verschwendung seiner Steuermillionen in Griechenland aufhalten kann. Einer dem jedes Vermögen fällt sich in tatsächlich unannehmbare Situationen hineinzudenken. Einfach erbärmlich.

Micha

27.03.2012, 18:14 Uhr

"Der Kampf gegen Kleingewerkschaften." Wer also nicht bei den Großen mitmischt, wird bekämpft. Das nenn ich echte Freiheit. Pfui Verdi.

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