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07.12.2017

09:54 Uhr

Tarifrunde

Überraschendes Angebot der Metall-Arbeitgeber

VonFrank Specht

In der Tarifrunde für 3,9 Millionen Beschäftigte haben die Arbeitgeber in Bayern ein frühes Angebot vorgelegt. Bei der Arbeitszeit wird es aber keine Bewegung geben, warnt Verhandlungsführerin Angelique Renkhoff-Mücke.

Verhärtete Fronten bei der Arbeitszeit. dpa

IG-Metall-Kundgebung am Nikolaustag

Verhärtete Fronten bei der Arbeitszeit.

BerlinLange sah es nach verhärteten Fronten aus, noch bevor die Tarifverhandlungen für die 3,9 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie überhaupt richtig begonnen hatten. Provoziert fühlten sich die Arbeitgeber dabei gar nicht so sehr durch die Lohnforderung der  IG Metall von sechs Prozent. Als viel größere Kröte erwies sich die 28-Stunden-Woche, die die Gewerkschaft den Beschäftigten ermöglichen will – mit teilweisem Lohnausgleich.

Doch nun haben die bayerischen Metall-Arbeitgeber überraschend schon in der zweiten Runde der Verhandlungen, die traditionell regional geführt werden, ein Angebot vorgelegt. Sie bieten den Beschäftigten für die Monate Januar bis März 2018 eine Einmalzahlung in Höhe von 200 Euro an. Ab April soll es dann eine Tariferhöhung um zwei Prozent bei einer Gesamtlaufzeit von 15 Monaten geben. „Wir wollen schon vor Ende der Friedenspflicht ein klares Signal an unsere Mitarbeiter und die IG Metall senden, dass wir die gute wirtschaftliche Lage der Branche anerkennen und die Beschäftigten auch angemessen daran teilhaben lassen wollen“, sagte die Verhandlungsführerin des Verbands der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie (VBM), Angelique Renkhoff-Mücke, dem Handelsblatt (siehe Interview auf der folgenden Seite).

Das klare Signal ist aber bei der Gewerkschaft nicht angekommen – im Gegenteil: „Dieses Angebot der Arbeitgeber ist eine Provokation und nicht verhandlungsfähig“, schimpfte der Verhandlungsführer und Bezirksleiter der IG Metall Bayern, Jürgen Wechsler. Tatsächlich hatten die Arbeitgeber auch 2013 und 2015 schon Lohnerhöhungen von sogar etwas mehr als zwei Prozent angeboten. 2016 hatten sich beide Seiten auf eine Entgelterhöhung von insgesamt 4,8 Prozent in zwei Stufen und 150 Euro Pauschale bei 21 Monaten Laufzeit geeinigt.

Die wirtschaftliche Lage habe sich seither aber nicht verschlechtert, ganz im Gegenteil, argumentiert die IG Metall. Die Auftragsbücher sind voll, für das laufende Jahr können die Unternehmen der Branche im Schnitt mit vier Prozent Gewinnmarge rechnen. Die Gewerkschaft orientiert ihre Tarifforderung deshalb nicht nur an der erwarteten Produktivitätssteigerung und der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank, sondern kalkuliert auch eine „Umverteilungskomponente“ von bis zu drei Prozent ein. Angesichts der guten Wirtschaftslage sei das Entgeltangebot der Arbeitgeber völlig inakzeptabel, sagte Wechsler.

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Das Thema Arbeitszeit habe die andere Seite dabei schlicht ignoriert, kritisiert der Gewerkschafter. Die IG Metall will erreichen, dass alle Beschäftigten ihre Arbeitszeit auf Wunsch bis zu zwei Jahre lang auf bis zu 28 Stunden absenken können. Derzeit gilt in Westdeutschland tariflich die 35-Stunden-Woche, im Osten sind es 38 Stunden. Reduzieren Beschäftigte ihre Arbeitszeit, weil sie sich um Kinder unter 14 Jahren oder pflegebedürftige Angehörige kümmern wollen, soll ihnen ein Teil des entgangenen Lohns nach Gewerkschaftsvorstellungen pauschal mit 200 Euro im Monat ersetzt werden. Schichtarbeiter, die kürzer treten, sollen 750 Euro im Jahr erhalten.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann hatte die Arbeitszeitforderung vor Beginn der zweiten Verhandlungsrunde noch einmal bekräftigt: Die Arbeitgeber seien gesellschaftlich verpflichtet, es Arbeitnehmern zu ermöglichen, Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Neue Arbeitszeitmodelle seien im Interesse der Industrie selbst. „Die Branche leistet sich bis heute, dass wir nur 20 Prozent Frauen beschäftigen. Wenn sie Fachkräfte in Zukunft will, braucht sie Arbeitszeitmodelle, die es attraktiv machen, in der Metall- und Elektroindustrie zu arbeiten.“

Auch Bayerns Bezirksleiter Wechsler bekräftigte, dass über die Themen Entgelt und Arbeitszeit nur im Paket verhandelt werde. Am 31. Dezember endet die Friedenspflicht, ab 1. Januar sind Warnstreiks möglich. Thorsten Gröger, IG-Metall-Verhandlungsführer für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, kündigte bereits Warnstreiks an. In seinem Tarifbezirk hatten die Arbeitgeber am Mittwoch ein inhaltsgleiches Angebot vorgelegt. Angesichts des auf beiden Seiten emotional aufgeladenen Themas Arbeitszeit halten Beobachter es nicht für ausgeschlossen, dass es in der Metall- und Elektroindustrie erstmals seit 2003 sogar wieder zu einem Erzwingungsstreik nach Urabstimmung kommen könnte.

Verhandlungsführerin Renkhoff-Mücke machte dagegen ganz klar, dass sich die Arbeitgeber beim Thema Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich nicht bewegen würden. Sollten sie der Gewerkschaftsforderung nachgeben, entstünde eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in den Betrieben, wo für gleiche Tätigkeiten unterschiedliche Stundenentgelte gezahlt würden. „Wir setzen jetzt auf die Einsicht der IG Metall, dass ihre Forderung nach Arbeitszeitverkürzung mit Teillohnausgleich ungerecht und rechtswidrig ist“, betonte Renkhoff-Mücke.

Außerdem dürfe die von der Gewerkschaft eingeforderte Flexibilisierung keine Einbahnstraße sein. Bisher ist vertraglich geregelt, dass maximal 18 Prozent der Beschäftigten eines Betriebes bis zu 40 Stunden in der Woche arbeiten dürfen. Die Arbeitgeber fordern, diese Begrenzung ganz aufzuheben. Zum einen müsse ja jemand die Arbeit der Kollegen machen, die ihre Arbeitszeit reduzierten. Zum anderen steige aber auch das tarifliche Monatsentgelt eines Beschäftigten, der 40 Stunden arbeite, um mehr als 14 Prozent, rechnet Renkhoff-Mücke vor.

Die dritte Verhandlungsrunde in Bayern findet am 15. Januar 2018 statt. Bis dahin kann es schon erste Warnstreiks gegeben haben. Am Donnerstag kommender Woche wird in den anderen wichtigen Tarifbezirken Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen in zweiter Runde verhandelt. Seit 1999 hat immer einer der drei Bezirke einen Pilotabschluss erzielt, der dann von den übrigen Regionen übernommen wurde.

Kommentare (1)

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Herr F. Gessw.

07.12.2017, 10:53 Uhr

Ich bin ja froh, dass wenigstens die IG Metall noch Eier in der Hose hat und nicht wie Verdi 3,5 % Lohnerhöhung, gestreckt auf 3 Jahre, als Mega-Erfolg feiert. Und es ist klug, dass endlich mal jemand anfängt, das wichtige Thema Arbeitszeitverkürzung auf die Agenda zu setzen. Es ist doch lächerlich, dass wir in Deutschland trotz der im europäischen Vergleich ach so tollen (und frisierten) Arbeitslosenquote nominal gut 3 Millionen Arbeitslose haben und trotzdem über Fachkräftemangel jammern, dessen Ausmaß selbst in den apokalyptischsten Prognosen glaube ich niemals 10 % dieser Arbeitslosenzahl überschritten hat.

Es ist schon jetzt nicht genug Arbeit da und es wird in Zukunft immer weniger. Auf der einen Seite häufen sich Burn-Out & Missbrauch leistungssteigernder Medikamente und auf der anderen Seite werden immer mehr Leute abgehängt und verlieren - völlig zu Recht - den glauben an eine Gesellschaft, an der man mit wirklich teilhaben kann. Arbeit = Lohn = (teilweise) Lebensaufgabe, Teilhabe, etc. Das ist wichtig für eine funktionierende Gesellschaft, und da denke ich nicht mal als erstes an die Sozialsysteme.

Und mit einer gesetzlichen Arbeitszeitverkürzung nimmt man auch den ganzen Workaholic-Heuchlern den Wind aus den Segeln, die was von Leistungsgesellschaft faseln und damit vor sich selbst rechtfertigen, dass in Deutschland 2 Millionen Kinder im Dreck sitzen.

Das Land driftet seit Jahren an praktisch allen Fronten in die falsche Richtung - und da schließe ich ausdrücklich die jedes Jahr propagierten Rekord-Exporte und -Dividenden ein. Wird Zeit, dass wir das wenigstens stoppen und nochmal drüber nachdenken, was für eine Gesellschaft wir eigentlich wollen.

Die Metaller-Forderungen sind ein erster, wichtiger Schritt. In diesem Sinne: "GO IGM !" ;-)

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