Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.10.2014

07:18 Uhr

Tarifstreit

Lokführer wollen „durchstreiken bis zum Ende“

Die Bahn macht den Lokomotivführern im Tarifstreit ein neues Angebot. Doch die Gewerkschaft gibt noch nicht nach, stellt sich auf einen langen Streik ein. Das Ergebnis einer Urabstimmung wird heute bekanntgegeben.

Die Mitglieder der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) sind entschlossen, ihre Forderungen umzusetzen. Am Donnerstag teilt die Gewerkschaft das Ergebnis einer Urabstimmung über neue Streiks mit. dpa

Die Mitglieder der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) sind entschlossen, ihre Forderungen umzusetzen. Am Donnerstag teilt die Gewerkschaft das Ergebnis einer Urabstimmung über neue Streiks mit.

MünchenIm festgefahrenen Tarifstreit mit der Deutschen Bahn richtet sich die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) auf einen langen Arbeitskampf ein. Seine Organisation werde „durchstreiken bis zum Ende“, sagte der Vorsitzende Claus Weselsky der „Süddeutschen Zeitung“. Er warf der Deutschen Bahn vor, das Zugpersonal „absichtlich“ in den Streik zu treiben. Die Lokführer, aber auch die Piloten sollten „die Begründung liefern“ für ein Gesetz zur Tarifeinheit, mit dem die Regierung die Macht von Berufsgewerkschaften beschneiden wolle, sagte Weselsky.

Die Deutsche Bahn versucht allerdings, mit einem neuen Angebot weitere Streiks der Lokführer noch abwenden. Unmittelbar vor der Entscheidung über neue Arbeitskämpfe am Donnerstag legte der Konzern der Lokführergewerkschaft eine neue Offerte vor, wie die „Passauer Neue Presse“ erfuhr. Demnach schlägt das Bundesunternehmen vor, die Verhandlungen auszusetzen, bis die Bundesregierung das geplante Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg gebracht habe. Bis dahin sollten die Lokführer zwei Prozent mehr Geld erhalten, hieß es.

Weder die Bahn noch die Gewerkschaft der Lokomotivführer wollten sich bislang zu dem Bericht äußern. Ein Bahnsprecher kündigte jedoch eine Pressemitteilung für Donnerstagvormittag an. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hatte die Verhandlungen in der vergangenen Woche für gescheitert erklärt.

Worüber Lokführer und Bahn streiten

Worin besteht der Kern des Tarifkonfliktes?

Wie immer geht es zwischen Arbeitgeber und den Gewerkschaften um Einkommen, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen. Das Besondere an diesem Tarifkonflikt ist jedoch, dass zusätzlich die GDL (34.000 Mitglieder) mit der viel größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (210.000 Mitglieder) um die Vertretungsmacht bei einem Teil der Belegschaft konkurriert. Die Deutsche Bahn wiederum will Tarifkonkurrenz vermeiden. Für eine Berufsgruppe soll ihrer Meinung nach nur ein Tarifvertrag gelten.

Wie viel Geld wollen die Lokführer?

Derzeit verdient ein Lokführer bei der Bahn je nach Qualifikation und Erfahrung rund 36.000 bis 46.000 Euro im Jahr – einschließlich aller Zulagen für Arbeit an Wochenenden, Feiertagen und in der Nacht. Die GDL fordert nun fünf Prozent mehr Lohn. Ein Lokführer in der Stufe 1 würde das Gehalt von 2488 auf 2612 Euro brutto steigern. Wer nach 25 Berufsjahren Stufe 6 erreicht hat, bekäme statt 3010 künftig 3161 Euro. In einer neu geforderten Stufe 8 wären es dann 3287 Euro als Endstufe nach 35 Berufsjahren.

Wen will die GDL vertreten?

Die GDL will nicht nur die Lokführer vertreten, sondern fordert auch die Verhandlungsmacht für rund 8800 Zubegleiter, 2500 Gastronomen in den Speisewagen, 3100 Lokrangierführer sowie 2700 Instruktoren, Trainer und Zugdisponenten. Das macht zusammen 17.100 Mitarbeiter.

Welche Gewerkschaft verhandelt für wen?

Das ist der heikle Punkt, weil die Gewerkschaften aus dem Organisationsgrad ihr Verhandlungsmandat für die jeweiligen Berufsgruppen ableiten. Wer stärker ist, soll in Tarifverhandlungen das Sagen haben. Die Frage ist jedoch, welche Organisationseinheit man dabei betrachtet: einen Betrieb, ein Unternehmen im Konzern, eine Berufsgruppe? Je nach dem kann die Mehrheit mal bei der einen, mal bei der anderen Gewerkschaft liegen.

Wie stark sind EVG und GDL?

Bei den Lokführern ist die Sache klar: 20.000 sind bei der Bahn angestellt. Die GDL reklamiert 78 Prozent von ihnen als ihre Mitglieder, das wären etwa 15.500. Die EVG gibt ihre Mitgliederzahl unter den Lokführern mit 5000 an. Das geht nicht ganz auf, selbst wenn alle Lokführer gewerkschaftlich organisiert wären. Aber: Das Kräfteverhältnis ist eindeutig, drei zu eins für die GDL.

Schwieriger und umstritten es bei den übrigen rund 17.000 Mitarbeitern, die nach GDL-Definition zum Zugpersonal zählen. Die EVG sagt, 65 Prozent der Zugbegleiter und 75 Prozent der Lokrangierführer seien bei ihr organisiert. Das wären zusammen allein bei diesen beiden Berufsgruppen 9860 Beschäftigte.

Die GDL macht eine andere Rechnung auf: 37.000 Beschäftigte (inklusive Lokführer) gehören zum Zugpersonal, rund 10.000 von ihnen sind bei keiner Gewerkschaft – bleiben 27.000. Zieht man davon die 15.500 GDL-Lokführer ab, kommt man auf 11.500. Davon beansprucht die GDL 30 Prozent für sich, also 3450 Eisenbahner. So kommt sie zusammen auf 19.000 GDL-Mitglieder beim Zugpersonal, das wäre eine Mehrheit von 51 Prozent.

Welche Rolle spielt die Diskussion um Tarifeinheit?

Die Bundesregierung beabsichtigt, ein Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg zu bringen. Für die GDL ist das sehr bedeutsam: Ein solches Gesetz könnte ihre Handlungsmöglichkeit einschränken. Möglicherweise verlöre sie in bestimmten Ausgangslagen das Streikrecht. Damit wäre die GDL wie andere Berufsgewerkschaften (Cockpit, Marburger Bund) in ihrer Existenz bedroht. Die GDL hat bereits angekündigt, dass sie ein solches Gesetz vom Bundesverfassungsgericht überprüfen lassen würde.

Warum will die Koalition das Gesetz?

Streiks in rascher Folge, Lähmung des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft sollen erschwert werden. Die Diskussion hatte durch ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes schon vor vier Jahren an Fahrt gewonnen. Die Richter stärkten die Tarifvertragsvielfalt und die Konkurrenz unter großen und kleinen Gewerkschaften. Der Grundsatz „Ein Betrieb – ein Tarifvertrag“ wurde damals hinfällig.


Sie will am heutigen Donnerstag das Ergebnis ihrer Urabstimmung bekanntgeben. Die Auszählung in Frankfurt beginnt am Morgen, wie die GDL mitteilte. Mit dem Resultat sei am Nachmittag zu rechnen. Die erforderliche Zustimmung ist bei 75 Prozent Ja-Stimmen erreicht. Dann wären nach GDL-Angaben auch unbefristete Streiks möglich.

Weselsky rechnet mit einer breiten Zustimmung. Die Gewerkschaft fordert fünf Prozent mehr Lohn und eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Sie will aber auch für andere Berufsgruppen bei der Bahn verhandeln, was der Konzern ablehnt. Anfang September hatten die Lokführer bereits zweimal für mehrere Stunden ihre Arbeit niedergelegt.

Von

afp

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×