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19.03.2014

19:13 Uhr

Tarifstreit

Verdi und der 100-Euro-Sockel

Im Tarifstreit des öffentlichen Dienstes wird am Donnerstag weiter verhandelt. Die Arbeitgeber sperren sich gegen die 100-Euro-Sockel-Forderung der Gewerkschaften. Was hat es damit auf sich? Fragen und Antworten.

Beschäftigte des öffentlichen Dienst beim Warnstreik am Mittwoch in München. dpa

Beschäftigte des öffentlichen Dienst beim Warnstreik am Mittwoch in München.

Berlin/PotsdamEin Tarifabschluss von 3,5 Prozent plus für die 2,1 Millionen Angestellten von Bund und Kommunen wäre relativ schnell zu erzielen – und läge auch im Trend aktueller Gehaltsabschlüsse in der Wirtschaft. Doch was die am Donnerstag in Potsdam beginnende zweite Tarifrunde so kompliziert macht, ist vor allem die 100-Euro-Sockel-Forderung von Verdi und Beamtenbund. Denn damit würden die Gehälter in den unteren Einkommensgruppen überproportional steigen.

Wer würde von einem 100-Euro-Sockel besonders profitieren?

Beschäftigte mit einem Bruttoverdienst von unter 2800 Euro monatlich. Ein Angestellter in der untersten Entgeltgruppe 1 (1542 Euro monatlich) würde zum Beispiel bei voller Realisierung der Gewerkschaftsforderung laut Berechnung der Arbeitgeber 10,2 Prozent mehr bekommen. In der obersten Entgeltgruppe 15 (6486 Euro) wäre dies dagegen nur ein Plus von 5,3 Prozent.

Warum machen die Arbeitgeber so massiv Front gegen den Sockel?

Einfache Arbeiten würden zu teuer, sagen sie. Noch mehr Kommunen würden als Folge Müllabfuhr und Straßenreinigung privatisieren. In den oberen Entgeltgruppen für Akademiker, Ingenieure und IT-Fachkräfte dagegen wirke die Erhöhung unterdurchschnittlich. Damit sinke zugleich die Konkurrenzfähigkeit des öffentlichen Dienstes beim Werben um hoch qualifizierte Fachkräfte.

Was halten die Gewerkschaften dagegen?

Immer mehr Bürger lehnten weitere Privatisierungen von öffentlichen Dienstleistungen ab, argumentieren sie. Die Gewerkschaften verweisen unter anderem auf Berlin, wo sich im Superwinter 2010 Privatfirmen plötzlich weigerten, die übergroßen Schnee- und Eismassen zu beseitigen, weil dies zum ausgeschriebenen Preis nicht mehr profitabel war. Auch bei der Reinigung von Schulen unterbieten sich Private häufig mit Billigpreisen, was dazu führt, dass es Massenproteste von Eltern über verdreckte Toiletten gibt.

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Ausgerechnet ein SPD-Bundeswirtschaftsminister fordert die Gewerkschaften in der aktuellen Tarifrunde auf, keine überzogenen Lohnforderungen zu stellen: Laut Gabriel müssten Produktivität und Lohnhöhe „korrespondieren“.

Was hat der Mindestlohn mit der Sockelforderung zu tun?

Langfristig sehen Tarifexperten hier einen Zusammenhang. Bei voller Realisierung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns müssten auch im öffentlichen Dienst die Gehälter für einfache Arbeiten angehoben werden – auch, um den Abstand zu wahren. In der untersten Entgeltgruppe (EG1) beträgt der Stundenlohn heute 9,01 Euro. Aber dabei muss deutlich zwischen Bund und Kommunen unterschieden werden. In der Bundesverwaltung arbeiten gerade mal 40 Beschäftigte in dieser Gruppe. Bei den Kommunen sind es erheblich mehr.

Wir würden sich die Forderungen auf andere Berufe auswirken?

Ein Straßenwärter (heute 2441 Euro brutto) bekäme zum Beispiel 189 Euro mehr, eine Krankenschwester (heute 2747 Euro) würde sich mit 200 Euro verbessern – sollten alle Gewerkschaftsforderungen realisiert werden, was jedoch unrealistisch ist. Weitere Beispiele: Eine Erzieherin (heute 2787 Euro) bekäme 201 Euro mehr, ein Ingenieur (heute 3520 Euro) hätte ein Plus von 227 Euro.

Vor zwei Jahren traten die Gewerkschaften mit einer Forderung von 6,5 Prozent plus, „mindestens“ aber 200 Euro, an. Am Ende gab es 6,3 Prozent mehr, aber keinen Mindestbetrag. Jetzt heißt die Forderung 100 Euro mehr für alle, plus 3,5 Prozent.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

19.03.2014, 19:24 Uhr

Wer muss sich über die Forderungen wundern, wenn sich die Politiker mit Gewalt 10 % Erhöhung genehmigen? Was für ein Irrsinn ohne Leistung!?

Account gelöscht!

19.03.2014, 20:07 Uhr

Nicht (nur) das ist das Problem.
Das große Problem ist die Distanz zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Dienst, gerade in den oberen Bereichen. Führungskräfte können schon fast nicht mehr gehalten werden, weil die Gehälter dermaßen unter dem Durchschnitt liegen, dass sich der größte Idealist dumm verhält, wenn er nicht wechseln würde.
Und dann kommt das nächste Problem: Gute Fachkräfte oder angehende Führungskräfte werden schlecht geleitet, weil die guten Führungskräfte ja schon weg sind, d.h. die nächsten hauen ab.
Willkommen in einer Spirale nach unten.

Im Gegenteil dazu: Eine gute Ausbildung, bereits Weiterbildungen etc. reichen nicht, um ein Leben im Durchschnitt zu erreichen. Und die Gehälter sind in Deutschland nunmal insgesamt (mit wenigen Ausnahmen) nicht übermäßig üippig, betrachtet man diese internationalen Vergleiche. Zumindest gemessen an der Produktivität.

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