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21.12.2016

13:38 Uhr

Terror in Berlin

Die Stille nach dem Anschlag

Kerzen, Blumen, Fahnen auf Halbmast. Wie fühlt sich das Leben in der Hauptstadt an, zwei Tage nach dem verheerenden Anschlag am Breitscheidplatz? Eindrücke zwischen Gedächtniskirche und Gendarmenmarkt.

Trauernde legen auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin Blumen nieder und zünden Kerzen an. dpa

Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt

Trauernde legen auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin Blumen nieder und zünden Kerzen an.

BerlinMamdouh Alakra legt eine weiße Rose an der Gedächtniskirche nieder und betet. In Berlin lernt der Syrer gerade Deutsch. Vor zwei Jahren ist der Ingenieur nach Deutschland geflohen, seine Heimat ist zerstört. „Ich bin hier glücklich, weil ich sicher bin“, sagt er. „Die Leute respektieren uns, weil sie menschlich sind.“

Alakra ist mit Mitschülern aus seinem Sprachkurs zum Breitscheidplatz gekommen. Zwei Tage ist der schwerste Anschlag her, den Nachkriegs-Berlin je erlebt hat – als ein Mann mit einem Lastwagen auf dem Weihnachtsmarkt an der berühmten Kirche ein Blutbad anrichtete.

„Angst!“, titelt die „Bild“-Zeitung in großen Buchstaben am Mittwoch. Wie fühlt sich das Leben in der Stadt an? Es ist einer der eisigen Wintertage mit blauem Himmel, an denen Berlin nach Postkarte aussieht: Die Siegessäule funkelt besonders golden. Am Zoo haben sich die Übertragungswagen der Fernsehteams aufgebaut. Auf der gesperrten Straße nahe dem Tatort ist es still, als habe jemand den Lautstärkeregler runter gedreht.

Sicherheit in Deutschland – Was bedeutet der Anschlag?

Hat sich die Sicherheitslage in Deutschland nach dem Anschlag verändert?

Sicherheitsexperten glauben: Nein. Der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, sagt, die Gefährdungseinschätzung habe sich nicht verändert. „Wir haben schon vor der Tat gesagt, dass wir in Deutschland eine ernst zu nehmende Bedrohungslage haben. Dass der islamistische Terrorismus ganz maßgeblich die Sicherheitslage in Deutschland prägt“, betont er. Mit dem Attentat von Berlin habe sich die Gefährdungseinschätzung quasi realisiert. Deswegen geht Münch nun nicht von einer anderen Gefährdungslage aus.

Was sind die Anhaltspunkte für ein terroristischen Anschlag?

Generalbundesanwalt Frank sagt, man müsse von einem terroristischen Hintergrund ausgehen. Dafür spricht nach seinen Angaben, dass ein Lkw benutzt wurde und der Anschlag in der deutschen Hauptstadt damit an das Attentat von Nizza vom 14. Juli erinnert. Am französischen Nationalfeiertag war ein islamistischer Attentäter mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge gerast und hatte 86 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt.

Gibt es dazu schon abschließende Erkenntnisse?

Nein. Aber das prominente und symbolträchtige Anschlagsziel Weihnachtsmarkt gebe weitere Hinweise, sagt Frank. Außerdem führt er die Vorgehensweise des Attentäters an, den „Modus operandi“. Der ist schon länger in Aufrufen dschihadistischer Terrororganisationen zu finden. Aber es gebe kein Bekennervideo – und deswegen seien endgültige und abschließende Aussagen zum Hintergrund des Anschlags nicht möglich, sagt Frank. Die Polizei ermittele nach wie vor in alle Richtungen.

Ist Deutschland im Visier der islamistischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS)?

Grundsätzlich ja und seit längerem. Aber: Noch gibt es keinen Beleg, das der Islamische Staat (IS) tatsächlich hinter der Attacke steckt. Den Sicherheitsbehörden lagen zunächst kein Bekennerschreiben und kein Bekennervideo vor. Grundsätzlich sind Deutschland genau wie Frankreich, Großbritannien, Spanien oder andere europäische Staaten quasi seit Jahren im Visier islamistischer Terroristen.

Muss ich Angst haben, wenn ich auf einen Weihnachtsmarkt gehe?

Auch hier gilt, was Experten seit langem sagen: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Zwar haben die Behörden in vielen Bundesländern die Sicherheitsmaßnahmen für Weihnachtsmärkte erhöht, zusätzliche Polizisten abgestellt und auch mehr Videoüberwachung installiert. Doch auch Betonpoller oder andere Schutzmaßnahmen dürften einen zu allem entschlossenen Attentäter kaum aufhalten.

Sind die Sicherheitsbehörden machtlos gegen die Bedrohung?

Ja und Nein. Bis Montagabend war Deutschland von einem größeren Anschlag mit zahlreichen Toten und islamistischem Hintergrund verschont geblieben. Das hatte oft mit Glück, aber auch mit der Ermittlungsarbeit der deutschen Sicherheitsbehörden zu tun. Viele islamistische Heimkehrer aus den IS-Kriegsgebieten in Syrien und dem Irak sind als Gefährder bekannt und werden überwacht. Geholfen haben öfters auch die Kontakte zu befreundeten Geheimdiensten etwa wie dem umstrittenen US-Dienst National Security Agency (NSA). Die deutschen Geheimdienste haben in der Vergangenheit häufiger Tipps von ihren internationalen Kollegen erhalten.

Die Buden des Weihnachtsmarkts sind geschlossen. Bewaffnete Polizisten haben sich vor einer Currywurstbude aufgebaut. Eine Mitarbeiterin aus dem Kaufhaus KaDeWe, das um die Ecke liegt, bringt mit Tränen in den Augen eine Rose vorbei. Sie kann kaum sprechen. Es gibt Mahnmale aus Kerzen, Blumen und Transparenten, die immer weiter wachsen. Auf einer Karte steht: „Letztlich siegt die Liebe über alles“.

In der Stadt ist sonst viel davon die Rede, es sei eh nur eine Frage der Zeit gewesen, dass so ein Anschlag passiere. Der Alltag sei bei aller Trauer zurückgekehrt. An der Gedächtniskirche fühlt sich das nicht so an. Auf den Bauzaun vor der Neuen Nationalgalerie ein paar Kilometer weiter hat jemand das Wort „Zusammen“ geschrieben. Das klingt auf einmal ganz anders.

Am Park Tiergarten stehen Zäune bereit, wohl für die große Silvesterparty. Traditionell ist diese ein Riesenspektakel. Vor dem Brandenburger Tor wehen die deutsche und die Berliner Fahne auf halbmast. Es ist ähnlich viel los wie sonst. Touristen flanieren über den Pariser Platz und posieren für Fotos. „Wir fühlen uns sicher“, sagt Janis Ellis aus Südafrika. Große Menschenmengen meidet er bei seiner Europa-Reise. Aber das sei schon vor dem Anschlag in Berlin so gewesen.

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Die Pariserin Sophie Annonay schaut sich wie viele Besucher die Reste der Berliner Mauer an. „In Frankreich gibt es viele Polizisten, hier nicht“, sagt sie. Ob das besser sei, wisse sie aber nicht. Auch dass anders als in Frankreich in Deutschland keine schwer bewaffneten Soldaten zu sehen sind, fällt ihr auf.

Am Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt, der als einer der schönsten Berlins gilt, kontrollieren Sicherheitsleute die Rucksäcke. „Ich habe keine Angst, ich hoffe, dass viele Leute kommen“, sagt eine Verkäuferin an einem Stand mit gebrannten Mandeln. Ein Verkäufer am Glühweinstand sagt, es sei schon komisch, aber nicht so, dass er sich unsicher fühle. Pressesprecherin Gabriele Liebe erwartet, dass Gäste wegbleiben, aber dafür andere erst recht kommen. Nach dem Motto: „Eigentlich gehe ich nicht auf Weihnachtsmärkte, aber jetzt werde ich das tun.“

Von

dpa

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

21.12.2016, 15:11 Uhr

"Herr Fritz Porters - 18.11.2016, 11:43 Uhr

@ Herr Hoffmann

ich habe nicht diesen enormen politischen Sachverstand wie Sie, aber die von Ihnen beschriebene "Grünen-Sozialistischen Vernichtungspolitik".... ist das sowas wie ein "Gemüseauflauf"? :-D
Herrlich, die Kommentare sind echt Comedy... einige Artikel im HB sind echt besorgniserregend, aber die Kommentare können einem das Lachen zurückzaubern. Danke ...muss weiter arbeiten...aber nachher schaue ich noch mal in die Kommentare...will doch auch später noch was zu schmunzeln haben..."

@Porters

VIELEN DANK Herr Porters,
es ist wirklich ein immenser Zeitaufwand, von morgens bis abends zu jedem Artikel so witzige Kommentare zu schreiben.
Bei manchen Artikeln sogar mehrere.
Schön das Sie das zu schätzen wissen.

Aber die Ehre gebührt nicht mir alleine. An den Comedy-Kommentaren sind noch weitere Leute beteiligt die auch gewürdigt sein wollen:
Paff, von Horn, Vinci Queri, Delli, Bollmohr, Caruso, Mücke, Ebsel, Dirnberger....

ohne sie wäre ich hier sehr einsam !

Aber besonders erwähnen möchte einen, der wirklich den ganzen Tag, und damit meine ich von morgens bis abends, aber auch wirklich jeden Artikel kommentiert (er ist fleisiger als ich), und auch die meisten Artikel mehrmals kommentiert.....

das ist unser geliebter

TRAUTMANN

Danke

Account gelöscht!

21.12.2016, 15:53 Uhr

"Herr Josemin Hawel"
"Und immer nur geht alles gegen Merkel. Ich finde, dass Handelsblatt sollte etwas gegen krude Propaganda und auch Textmüll wie den von Hoffmann unternehmen."

Das ist ja wohl unerhört.
Da gibt man sich täglich von morgens bis abends die Mühe jeden Artikel,aber auch wirklich jeden zu kommentieren, und zu vielen Themen der Artikel habe ich wirklich keine Ahnung, dann wird man auch noch beschimpft.
Dabei kläre ich die Leute doch nur über Putin und Trump auf, zwei echte Kerle.
Wo wir mit unserem sprechenden Hosenanzug hingekommen sind sieht man ja wohl aktuell.
Danke

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