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18.11.2015

13:48 Uhr

Terror und Satire

Angst essen Witze auf?

Nach den Anschlägen in Paris wollen Comedians und Kabarettisten nicht schweigen. Im Gegenteil. ARD, ZDF und Comedyexperten glauben: Auch Terror kann und soll ein Thema von Satire sein. Wenn auch nicht um jeden Preis.

Der Komiker Tobias Mann plädiert für eine Auseinandersetzung des Humors mit dem Terror – mahnt aber zu Fingerspitzengefühl „je ernster der Hintergrund“ sei. dpa

„Man kann sich grundsätzlich jedes Themas im Kabarett annehmen“

Der Komiker Tobias Mann plädiert für eine Auseinandersetzung des Humors mit dem Terror – mahnt aber zu Fingerspitzengefühl „je ernster der Hintergrund“ sei.

Berlin/MainzDie Satire zeigt Gesicht. Nach den Terroranschlägen in Paris wollen sich Comedians und Kabarettisten nicht geschlagen geben. Die Show soll weitergehen - nach Tagen des Nachdenkens und Sortierens. Komiker Helge Schneider hatte am Dienstagabend eine Lesung in Hannover abgesagt, weil das Länderspiel Deutschland-Niederlande wegen einer Terrorwarnung ausfiel. „Wenn das so weitergeht und ich am Ende morgen auch nochmal absagen muss, komme ich Donnerstag wieder“, sagt Schneider in einem Video auf seiner Facebookseite, während er genüsslich eine Mandarine isst.

„Jetzt erst recht“ scheint das Motto zu sein - auch bei der französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“. Auf dem Titel der neuen Ausgabe schreibt die Redaktion, die am 7. Januar in Paris selbst Schauplatz eines blutigen Anschlags mit zwölf Toten war, provokant auf Französisch: „Sie haben die Waffen. Wir scheißen auf sie, wir haben den Champagner!“ Und auch im deutschen Fernsehen schweigt die Satire nicht.

Das ZDF hatte am vergangenen Freitag - dem Tag der Anschläge - zunächst die „heute-Show“ aus dem Programm genommen und die Otto-Waalkes-Show am Samstag verschoben. Die Satiresendung „Die Anstalt“ lief am Dienstagabend wieder nach Plan. Komiker Alfons ging darin auf den Terror von Paris ein. „Satire möchte Bezug auf die aktuelle politische Entwicklung nehmen“, sagt ein ZDF-Sprecher. „Deshalb versuchen wir in allen Formaten angemessen auf die Situation nach den Anschlägen zu reagieren.“ Selbst wenn es überspitzende Aussagen gebe, dürften auch satirische Inhalte niemals verrohende oder verhetzende Wirkung haben.

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Kein vernünftiger Mensch hätte das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande den Schutzvorkehrungen übergeordnet. Und dennoch: Die Absage des Spiels ist eine Niederlage für unsere freien Gesellschaften.

Auch Comedian Tobias Mann, im nächsten Jahr wieder in der ZDF-Sendung „Mann, Sieber!“ zu sehen, plädiert für Augenmaß. „Man kann sich grundsätzlich jedes Themas im Kabarett annehmen. Je komplexer ein Sachverhalt allerdings, je ernster der Hintergrund ist, je heikler ein Thema wahrgenommen wird, desto genauer und gewissenhafter muss man seine Texte erarbeiten“, meint er.

Bei harten Themen sei die satirische Aufarbeitung nicht einfach. „Aber es ist die Herausforderung, der man sich als Kabarettist stellen muss.“ Der Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“, Tim Wolff, betont: „Satiriker dürfen in Zeiten des Terrors so weit gehen, wie sie es für angemessen halten, aber nicht so weit wie Terroristen.“

Die Namen hinter dem Horror von Paris

Identifizierung der Attentäter

Seit den Anschlägen von Paris arbeiten die französischen und belgischen Sicherheitsbehörden an der Identifizierung der getöteten Attentäter und möglicher Unterstützer. Ein Überblick über die bisher Identifizierten. (Quelle: Reuters)

Getötet: Abdelhamid Abaaoud

Mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge von Paris. Der Belgier aus dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek wurde eigentlich in Syrien vermutet. Am Donnerstag teilte die Staatsanwaltschaft mit, er sei bei der Razzia und anschließenden Schießerei am Mittwoch im Pariser Stadtteil Saint-Denis ums Leben gekommen. Offenbar wurde er erschossen.

Getötet: Ismail Omar Mostefai

Der Franzose mit algerischen Wurzeln war am Angriff auf die Konzerthalle Bataclan mit 89 Toten beteiligt. Mostefai lebte zeitweise in der Region von Chartres, südwestlich von Paris. Geboren wurde er in Courcouronnes im Süden der französischen Hauptstadt. Sein Name wurde von den Sicherheitsbehörden bereits 2010 auf eine Liste möglicher radikaler Islamisten gesetzt. Die türkische Regierung hat nach eigenen Angaben Frankreich im Dezember 2014 und im Juni 2015 wegen Mostefai kontaktiert, aber erst nach den Anschlägen eine offizielle Anfrage aus Frankreich erhalten.

Getötet: Samy Amimour

Der Franzose war ebenfalls am Angriff auf das Bataclan beteiligt. Er lebte in Drancy in der Nähe des nördlichen Pariser Stadtteils Saint-Denis, wo es am Mittwoch zu einer Schießerei mit einer mutmaßlichen zweiten Islamisten-Zelle kam. Amimour wurde seit Ende 2013 international gesucht. Seit Oktober 2012 wurde er von den Behörden beobachtet, weil der Verdacht bestand, er könnte sich in den Jemen absetzen.

Getötet: Fouad Mohamed Aggad

Er ist einer der drei Männer, die das Blutbad in der Konzerthalle Bataclan anrichteten. Der 23-Jährige kam aus dem französischen Straßburg und hatte vor den Anschlägen in Syrien gekämpft. Gemeinsam mit Amimour und Mostefaï hatte Aggad 89 Menschen in der Konzerthalle getötet. Als die Polizei das Gebäude stürmte, sprengte er sich in die Luft.

Getötet: Brahim Abdeslam

Der Franzose lebte in Belgien. Er sprengte sich vor dem Café Comptoir Voltaire in die Luft. Bruder des noch immer gesuchten Verdächtigen Salah Abdeslam.

Getötet: Bilal Hafdi

Einer der drei Angreifer auf das Pariser Fußballstadion Stade de France. 20 Jahre jung.

Unklar: Ahmad Al Mohammad

Bei einem weiteren Selbstmordattentäter beim Stade de France wurde ein Pass auf den Namen Ahmad Al Mohammad, 25 Jahre alt, aus dem syrischen Idlib gefunden. Die Fingerabdrücke des Mannes passen zusammen mit denen eines Flüchtlings, der unter dem Namen im Pass im Oktober 2015 in Griechenland registriert worden war. Über den dritten Selbstmordattentäter am Stade de France ist bisher nichts bekannt.

Gesucht: Salah Abdeslam

Der in Brüssel geborene Franzose wird verdächtigt, einen schwarzen VW Polo gemietet zu haben, der bei den Attacken in Paris eingesetzt wurde. Der Anwalt Xavier Carette sagte dem belgischen Sender RTBF, er sei am Sonntagmorgen von Paris nach Brüssel zurückgekehrt, nachdem er von der französischen Polizei auf dem Weg drei Mal gestoppt worden sei. Abdeslam wird auch Wochen nach dem Anschlag in Mitteleuropa vermutet.

Die ARD will ihre Satiresendung mit Dieter Nuhr ebenfalls planmäßig zeigen: „Der Inhalt der nächsten Ausgabe von „Nuhr im Ersten“ am 3. Dezember entsteht gerade unter dem Eindruck der Ereignisse“, erklärt der Unterhaltungschef des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), Heiner Heller. Im Januar machte Nuhr das Attentat auf „Charlie Hebdo“ zum einzigen Thema der Sendung. „Aktuelles Zeitgeschehen leitet uns grundsätzlich bei der Themenauswahl für Satiresendungen“, betont Heller. „In diesem Sinne begibt sich Dieter Nuhr ständig auf Gratwanderung, wofür wir ihn ganz besonders schätzen.“

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