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31.12.2015

12:56 Uhr

Terrorgefahr in Europa

Das Spiel mit der Angst

VonRüdiger Scheidges

Erst New York, dann London, nun Paris – und als nächstes womöglich Berlin? Im Westen wächst die Angst vor dem Terror. Dabei werden Europäer nur selten Opfer eines Anschlags. Alles nur Hysterie also? Ein Kommentar.

Auch bei den Deutschen wächst die Terrorangst. dpa

Nach den Attentaten von Paris

Auch bei den Deutschen wächst die Terrorangst.

Ist man paranoid, wenn man auf dem Bahnsteig steht und plötzlich zusammenzuckt: Verflucht, wie will man hier einen Terroranschlag verhindern? Wen will man hier kontrollieren? Wie dieser Bedrohung entfliehen? Die Mehrheit der Deutschen plagen solche Gedanken. Sie befürchten Terroranschläge, hat eine Untersuchung herausgefunden.

Nein, man ist nicht paranoid, wenn man solche Befürchtungen hat. Die Bilder und die Nachrichten, die wir jeden Tag wie ein Schwamm aufsaugen sind voller Gewalt, Terrorismus, Anschläge, Erschießungen, Entführungen. Das Angstkapital ist im vergangenen Jahr gewaltig gestiegen.

Nicht paranoid und schon gar nicht zu verübeln sind solche Gedanken. Wohl aber sind sie übertrieben. Die Bilder von Kriminalität in unseren Köpfen – Kriminologen kennen dieses Phänomen seit langem - entsprechen nicht der Realität der tatsächlichen Bedrohung, da sie eher vom Gefühl denn von der Ratio geleitet sind.

Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.

Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.

Ein simples Beispiel: Alle wissen, dass die Chancen, in einen bösen Unfall verwickelt zu werden, millionenfach höher liegt als Opfer eines Terroranschlags zu werden. Und alle wissen, dass es aus allerlei Gründen bisher in Deutschland keine vergleichbaren Attentate wie in Frankreich, Belgien, Großbritannien, Spanien oder in Skandinavien gegeben hat. Dennoch befürchtet eine Mehrheit der Deutschen einen vergleichbaren Horror in Deutschland weit mehr als Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden. Warum nur? Doch Paranoia?

Viele Nachrichten, die uns ins Wohnzimmer kommen, machen uns kirre, auch wenn sie von weit her kommen und uns eigentlich nicht betreffen Es ist aber gerade das Singuläre und deshalb Spektakuläre der Anschläge, der Bruch mit der Normalität, das uns einschüchtert. Aber es ist auch die oft ebenso spektakuläre mediale Aufbereitung, die solche Ereignisse tagelang und immer wieder tief in unser Unterbewusstsein und dann das Bewusstsein einbrennt. Dessen können wir uns nicht erwehren.

So viel kostet ein Terroranschlag

Die exakten Kosten...

... ... für Anschläge von Terrororganisationen sind schwierig zu bestimmen, wurden jedoch gerade als Folge von 9/11 von den Ermittlungsbehörden taxiert.

500.000 US-Dollar...

... haben demnach die Anschläge vom 11. September gekostet. Es ist die höchste Summe, die soweit bekannt, jemals für einen Terrorangriff ausgegeben wurde. Bereitgestellt wurde das Geld durch Überweisungen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung...

... aus Sicht der Islamisten ist dabei gerade nach 9/11 perfekt aufgegangen. Den 500.000 investierten Dollars stehen direkte Kosten des Sachschadens 15,5 Milliarden US-Dollar gegenüber plus weitere Milliarden Belastungen der Haushalte durch den „Kampf gegen den Terror“ und gesamtwirtschaftliche Kosten, etwa für Fluglinien und Versicherungen.

Die Bombenanschläge auf Bali...

... mit mehr als 200 Todesopfern im Oktober 2002 kosteten die Terroristen deutlich weniger. So wird die Summe, die dafür aufgewendet wurde, mit 50.000 Dollar taxiert.

Die Anschläge von Madrid...

... vom 11. März 2004 auf Nahverkehrszüge, bei denen 192 Menschen starben, werden mit maximal 15.000 Dollar angegeben.

Extrem niedrige Kosten...

... für die Islamisten verursachten die Anschläge auf die U-Bahn in London im Juli 2005 mit mehr als 30 Toten zur Rushhour am 7. Juli 2005. Die vier Bomben, vier Rucksäcke, Handys und Zugtickets kosteten die Terroristen höchstens 2000 Dollar.

Diese Mikrofinanzierung...

... des Terrors macht es so schwierig, die Finanzströme mit den üblichen Kontrollen aufzudecken und zu stoppen. Das zentrale Mittel dieser Organisationen sind die selbstmordbereiten Attentäter, für deren individuellen und kollektiven Deradikalisierung aus Sicht von Experten zu wenig getan wird.

Quelle

German Institute of Global and Area Studies/Konrad-Adenauer-Stiftung/eigene Recherche

Dennoch wäre gerade die Abwehr übertriebener und soufflierter Ängste das höchste Gebot der Stunde. Denn diese konkrete Angst und diese generelle Furcht sind genau das Ziel dieser Art von asymmetrischer Kriegsführung der Terroristen gegen westliche Gesellschaften. Auf dem Feld des Krieges haben sie bisher keine Chance gesehen, auf dem Terrain der bürgerlichen und zivilen Gesellschaft sehr wohl. Angst macht krank, gebiert Monster. Und davor ist auch die Politik nicht gefeit.

Denn viel zu leichtfertig, bedacht oder unbedacht, schüren Politiker diese Angst. Ihre oft losen Reden über die „abstrakt hohe Bedrohung“, unter der sich keiner etwas vorstellen kann; ihre heiklen Vorsichtsmaßnahmen wie das Räumen ganzer Stadien und Absperren ganzer Stadtviertel, ihr Vermengen von Terroristen mit Flüchtlingen, die prophylaktische Forderung nach dem Einsatz der Bundeswehr im Innern, die Aufrüstung von Polizisten mit Sturmgewehren, alles das suggeriert höchste, akuter Gefahr. Das Horrorszenario der Bedrohung von außen weckt Horrorszenarien der Bedrohung von innen. Jeder vernünftige Mensch muss doch denken: Was, so hoch ist die Bedrohung?

Kommentare (24)

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Lothar dM

30.12.2015, 13:32 Uhr

Wie es um unsere (West-)deutschen Städte in Wirklichkeit steht. Eine mutige Frau, Tochter griechischer Einwanderer, heute im Polizeidienst der Stadt Bochum, mit ihrer mutigen Dokumentation des täglichen Wahnsinns ... Sie zeigt das Versagen, das Wegducken und ja, das Vertuschen durch die herrschenden Politeliten mit einem lobenswerten Mut auf. Und lässt sich auch nicht von realitätsfernen, abgehobenen Links-Dogmatikern wie Jakob Augstein oder NRW-Innenminister Ralf Jäger unter Druck setzen!
Ein Muss für alle, die in der aktuellen Migrations- und Sicherheitskrise mitreden wollen:

Deutschland im Blaulicht
Tania Kambouri
NOTRUF EINER POLIZISTIN
ISBN: 978-3-492-97133-1
€ 11,99

Tania Kambouris Buch wird gekauft und gelesen wie verbotene heiße Ware, hunderttausendfach inzwischen.
Die Botschaften der Polizistin aus dem Ruhrgebiet sind erschreckend: "Beamte im Einsatz erfahren immer häufiger psychische und physische Gewalt und bedauerlicherweise zeigt unsere Erfahrung, dass diese vermehrt von Migranten ausgeht". "Meist haben wir Probleme mit jungen Männern aus muslimisch geprägten Ländern. Da fehlt der grundlegende Respekt gegenüber der deutschen Staatsgewalt. Sie bekommen das schon in ihrem Elternhaus vermittelt. Sie identifizieren sich nicht mit dem deutschen Staat – obwohl sie in Deutschland geboren sind oder schon lange hier leben. Manche sagen offen: "Scheiß auf Deutschland." Sie benehmen sich, als wäre es nicht ihr Staat, als wären sie hier nicht willkommen. Dabei weiß ich als Tochter einer griechischstämmigen Familie, dass jeder in Deutschland eine Chance hat, etwas zu werden – auch wenn man ausländisch aussieht." Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) verneint zwar vehement, dass es "No-go-Areas" gebe, doch Kambouri widerspricht: "Die No-go-Areas breiten sich immer mehr aus. Das sind Bereiche, in die Bürger und Polizisten nicht mehr reingehen können, ohne Angst zu haben, dass etwas passiert.

Account gelöscht!

30.12.2015, 13:36 Uhr

@Herr Scheidges
Ein simples Beispiel: Alle wissen, dass die Chancen, in einen Land wie Deutschland millionenfach Flüchtlinge aufzunehmen niedriger liegt, als Opfer eines Terroranschlags zu werden. Und alle wissen, dass es aus allerlei Gründen bisher in Deutschland Millionen mehr Flüchtlinge wie in Frankreich, Belgien, Großbritannien, Spanien oder in Skandinavien gegeben hat. Dennoch befürchtet eine Mehrheit der Deutschen einen vergleichbaren Flüchtlings-Horror in Deutschland weit weniger als Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden. Warum nur? Doch Paranoia?

Herr Peter Westermann

30.12.2015, 13:40 Uhr

Ich habe mehr Angst davor, nachts mit den ÖTVs zu fahren oder durch unbelebte Straßen zu gehen.

Terroranschlag? C’est la vie! w

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