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22.06.2015

16:41 Uhr

Terrorgruppe

Die sieben Mysterien des NSU-Prozesses

VonStefan Kreitewolf

Zeugen sterben, die Polizei versagt und der Verfassungsschutz steckt mittendrin. Nun will sogar Beate Zschäpe aussagen. Der Prozess gegen die NSU liefert mehr Fragen als Antworten. Die sieben Mysterien der Terrorgruppe.

NSU-Prozess

Warum Beate Zschäpe weiter schweigt

NSU-Prozess: Warum Beate Zschäpe weiter schweigt

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KölnEs wäre die Wende im NSU-Prozess: Will Beate Zschäpe wirklich ihr Schweigen beenden? Sie beschäftigte sich mit dem Gedanken, schreibt sie. Was dahinter steckt ist noch unklar. Florian H. wollte auch aussagen. Er war aus der Neonazi-Szene Baden-Württembergs ausgestiegen, wurde von ehemaligen Neonazi-Genossen bedroht und als „Judas“ beschimpft. Als er den Entschluss fasste, mit der Polizei zu kooperieren, erträumte er sich ein Leben ohne Hitler, Hass und Hakenkreuz. So berichtete es seine Freundin.

Nun sind beide tot: Florian H. stirbt im September 2013 in seinem brennenden Auto. Die Polizei geht von Suizid aus. Das Leben seiner Freundin endet im Ende März 2015. Sie stirbt an einer Lungenembolie in Folge einer nicht behandelten Thrombose.

Dass diese Todesfälle im Spannungsfeld der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) passierten, erscheint fast schon typisch. Das „Zeugensterben“ ist mittlerweile zum geflügelten Wort geworden – und Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zu Phantomen.

Fünf Untersuchungsausschüsse in den Bundesländern, einer im Bundestag und polizeiliche Untersuchungen in Sachsen, Bayern, Thüringen und Baden-Württemberg haben bislang kaum Licht ins Dunkel des NSU bringen können. Was zunächst Anlass zu Hoffnung gab, hat längst enttäuscht: Selbst der seit zwei Jahren andauernde, aufwendige Prozess vor dem Münchener Oberlandesgericht gegen die einzige noch lebende Hauptverdächtige Beate Zschäpe bringt nur wenig Aufklärung. Allerings verschlingt jeder Verhandlungstag 150.000 Euro.

Fünf Verschwörungstheorien zum NSU

Der „Inside-Job“

Der Geheimdienst steckt mit dem NSU unter einer Decke, Akten wurden absichtlich geschreddert und die Flucht der Terroristen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wurde von den Behörden geplant.

Die „Neoschutz-Staffel“

Der NSU konnte nicht ohne Helfer auskommen. Die kürzlich aufgedeckte baden-württembergische „Neoschutz-Staffel“ (NSS), angeführt von dem ehemaligen Soldaten Matthias K. – Spitzname „Matze“ –, hat die Mord- und Anschlagserie mitgeplant und -durchgeführt.

Das große „Zeugensterben“

Florian H. kündigte 2012 an, zum NSU und der NSS auszusagen. Im September 2013 nimmt er sich das Leben. Bevor der V-Mann „Corelli“, der seit 2005 CDs mit dem Kürzel NSU vertrieb, umfangreich aussagen konnte, stirbt er im April 2014 einen natürlichen Tod. Das Gleiche geschieht bei Florian H.’s Freundin im März 2015. Die Theorie hinter dem „Zeugensterben“: Zeugen mussten sterben, weil sie zu viel wussten.

Der „Tag X“

Laut einer Zeugenaussage habe der NSU mit einem Zusammenbruch der Bundesrepublik gerechnet und sich schließlich für den „Tag X“ und die zu erwartenden „bürgerkriegsähnlichen Zustände“ wappnen wollen. „Waffen wurden verherrlicht, jeder wollte sie haben, jeder hat darüber gesprochen. Das gehörte zum guten Ton und galt als Statussymbol“, sagte der ehemalige V-Mann „Piatto“ im NSU-Prozess.

Die Polizei hat Böhnhardt und Mundlos getötet

Ein Obduktionsbericht lässt Zweifel an der offiziellen Selbstmordversion der beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen aufkommen. Nach einem missglückten Banküberfall sollen die beiden Neonazis Selbstmord begangen haben. Dem Bericht zufolge fanden sich weder Rußpartikel in der Lunge Böhnhardts noch in der von Mundlos. Eine Interpretation dieser Ungereimtheit: Die Polizei hat sie exekutiert.

Indes schweigt der Verfassungsschutz ebenso wie Belastungszeugen, die sich an ihre Zeit mit den mutmaßlichen Terroristen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe nicht erinnern wollen. Dabei bleibt die Aufklärung oft auf der Strecke: Nicht einmal die simpelsten Fragen konnten bislang geklärt werden.

Wie konnten die drei Neonazis überhaupt untertauchen? Wie groß war das Helfernetz? Haben die V-Leute dem Verfassungsschutz wirklich so wenig berichtet? Oder sind in der Behörde Informationen verschwunden? Der Thüringer Untersuchungsausschuss zum NSU kommt zu dem Schluss: Die Behörden haben bei der NSU-Mordserie „umfassend versagt“.

Das Umfeld der Terrorgruppe, die Arbeit der deutschen Sicherheitsbehörden und der Justiz liefern statt neuen Erkenntnissen Futter für Verschwörungstheorien jeglicher Couleur. Der NSU ist weiterhin ein Buch mit sieben Siegeln. Die genauen Umstände der Mordserie bleiben rätselhaft. Sieben große Frage bleiben bislang unbeantwortet.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

22.06.2015, 19:05 Uhr

Danke an HB-online, dass diese Vorfälle auch mal außerhalb der bekannten Blogs präsentiert werden! Es ist zum Staunen und Mitraten.
Und was die "Verschwörungstheorien" angeht: Die offizielle Version, die uns von den Medien seit Jahren aufgetischt wird, und die schon zu allerlei Stilblüten geführt hat, dürfte von allen Verschwörungstheorien wohl die unwahrscheinlichste sein.
Beim JFK-Attentat war es auch nicht anders.

Herr David Sohn

23.06.2015, 18:22 Uhr

Wenn des wirklich so ist wie HB schreibt " In München wurden direkt nach einem von Böhnhardt und Mundlos nachweislich begangenem Mord stadtbekannte Neonazis in der Nähe des Tatorts beobachtet.", dann wäre es eine Sensation.
Bis jetzt ist es dem Gericht in München nämlich nicht geglückt auch nur einen einzigen Mord den Uwes nachzuweisen. Es gibt ja an keinem einzigen der 10 Tatorte eine DNA, Fingerabdruck oder sonstigen Beweis für eine Anwesenheit der Uwest. Auch die zahlreichen Augenzeugen beschreiben immer andere Personen als die Uwes. Welche Unterlagen bzw Beweise hat das HB?

Herr Günther Schemutat

23.06.2015, 19:45 Uhr

Die lange Prozessdauer ist ein Zeichen , dass man irgendwann hofft,dass das Interesse an diesen NSU Prozess verloren geht, wie heute schon in der Gesellschaft die kaum noch Kenntnis nimmt. Zum zweiten soll der Verfassungsschutz als Saubermann dastehen ,obwohl ich Glaube dass man in diesem Verein auch vor Mord nicht zurück schreckt. Sollte Beate Zschäpe aussagen ,
kann es sein, dass sie vorher im Gefängnis durch Selbsmord ermordet wird.

Aber da sie ihre Anwälte nicht los wird, wird sie auch weiter schweigen.

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