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15.11.2015

10:38 Uhr

Terrorprävention

Islamismus-Beratungsstellen kommen an ihre Grenzen

Die Berliner Beratungsstelle „Hayat“ hilft Eltern, deren Kinder sich in gewaltbereite Islamisten wandeln. Doch die Arbeit ist mühselig und die Mittel gering – die Politik hilft allerdings nur zögerlich.

„Hayat - Beratungsstelle“ und „Glaube oder Extremismus?“ steht auf Broschüren des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. dpa

Beratungsstelle gegen Radikalisierung

„Hayat - Beratungsstelle“ und „Glaube oder Extremismus?“ steht auf Broschüren des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge.

BerlinEs sind meist die Mütter, die irgendwann zum Telefon greifen, weil sie weder ein noch aus wissen. Wenn Jugendliche sich radikalisieren, hat das unmittelbare Auswirkungen auf ihre Umgebung. „Die meisten Eltern sind am Ende ihrer Kräfte“, sagt Ahmad Mansour. Der 39-jährige Psychologe arbeitet bei der Berliner Beratungsstelle „Hayat“ (zu Deutsch: Leben) und kennt die Nöte von Vätern und Müttern, deren Kinder auf einmal ihr Heil in salafistischen oder anderen islamistischen Ideologien suchen. Die „Generation Allah“, wie Mansour sie in seinem jüngst erschienen Buch nennt, stammt nicht selten aus schwierigen Verhältnissen.

„Die Jugendlichen sind auf der Suche nach einer starken Vaterfigur“, hat Mansour festgestellt. Die scheinbar klaren Regeln, die ihnen religiöse Ideologien böten, wirkten da auf viele sehr attraktiv.

Zu Beginn der – meist telefonischen – Beratungsarbeit fragen die „Hayat“-Mitarbeiter eine Art Checkliste ab. So wollen sie von den Eltern wissen, in welche Moscheen die Kinder gehen, welchen Gruppen sie sich angeschlossen haben, welche Internetseiten sie besuchen, wie sie sich verhalten und ob sie andere Kleidung tragen. Allein dass ein junger Mensch zum Islam konvertiert, ist kein Anzeichen für eine Radikalisierung. „Es ist nicht meine Aufgabe, einer Mutter zu helfen, dass ihr Kind wieder Christ wird“, sagt Mansour.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

Die menschlichen Widersprüche haben den in Israel geborenen und aufgewachsenen Palästinenser Ahmad Mansour bereits früh fasziniert. Mit 18 Jahren nahm er ein Psychologie-Studium an der Universität von Tel Aviv auf – „weil ich die Menschen verstehen wollte“. Im Grunde gilt das bis heute, denn die Klientel mit der die „Hayat“-Mitarbeiter es zu tun haben, handelt für Außenstehende zumeist nur schwer nachvollziehbar, nicht zuletzt für die eigenen Eltern. Wenn die ihren Weg zu einer Beratungsstelle finden, ist bereits ein Prozess der Entfremdung im Gange, den es zu durchbrechen gilt. Eine langwierige Arbeit, die nicht selten über Monate dauert.

Bevor ratsuchende Angehörige bei „Hayat“ landen, haben sie sich oftmals zuvor an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg gewandt. Das BAMF verfügt über eine Beratungsstelle Radikalisierung und kooperiert darüber hinaus mit weiteren verschiedenen Einrichtungen bundesweit, an die es Ratsuchende weitervermittelt. Allein das BAMF berichtet von mehr als 750 Beratungsfällen seit der Schaltung einer Hotline 2012. Derzeit gingen zwischen drei und fünf neue Fälle pro Woche beim BAMF ein, teilt eine Sprecherin auf dpa-Anfrage mit. Erfahrungsgemäß kämen die meisten Anrufe aus Nordrhein-Westfalen, Hessen, Berlin, Bremen und Hamburg.

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