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10.01.2017

06:00 Uhr

Teure Privatversicherung für Beamte

Wie Deutschland 60 Milliarden Euro sparen könnte

VonPeter Thelen

Die private Krankenversicherung für Beamte kommt Deutschland teuer zu stehen. Laut einer Studie könnten Bund und Länder über 60 Milliarden Euro sparen, wenn Beamte wie normale Arbeitnehmer gesetzlich versichert würden.

Die private Krankenversicherung für Beamte droht zum Kostenrisiko für den Staat zu werden. dpa

Teure Sonderbehandlung

Die private Krankenversicherung für Beamte droht zum Kostenrisiko für den Staat zu werden.

BerlinFür die privaten Krankenversicherungen sind Deutschlands Beamten so etwas wie die sichere Bank. Sie sind im Durchschnitt gesünder als andere Arbeitnehmer und meckern auch selten über zu hohe Prämien. Der Grund: Der Staat zahlt ihnen im Krankheitsfall eine Beihilfe. Sie beträgt in der Regel 50 Prozent der Behandlungskosten. Im Pensionsalter steigt der Zuschuss sogar auf 70 Prozent. Sie müssen mithin über den Krankenversicherungsbeitrag nur einen Teil ihres Krankheitsrisikos abdecken.

Entsprechend gering sind für sie die Prämien. Im Durchschnitt kostet sie die Behandlung als Privatpatient nur 6,7 Prozent ihres Einkommens. Kein Wunder, dass rund 85 Prozent der Beamten von ihrem Recht Gebrauch machen, unabhängig von der Höhe des Einkommens sich privat zu versichern. Normale Arbeitnehmer dürfen das nur, wenn ihr Einkommen über der Pflichtgrenze von aktuell 57.600 Euro liegt. Kein Wunder ist es deshalb auch, dass nahezu die Hälfte der rund neun Millionen privat Versicherten Beamte oder Pensionäre und deren Familienangehörige sind. Würden die Beamten die PKV verlassen, wäre das Geschäftsmodell der privaten Krankenversicherung ernsthaft gefährdet.

Zusatzbeiträge Krankenversicherer 2016

Knappschaft

1,42 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,8 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,4 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,3 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,9 Prozent

AOK Niedersachsen

1,79 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,8 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,4 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 0,8 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,4 Prozent

AOK Nordwest

1,96 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,9 Prozent
Gesamtbeitrag 2015:15,5 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,1 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,7 Prozent

AOK Rheinland/Hamburg

2,04 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,9 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,5 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,4 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 16,0 Prozent

AOK Plus

2,29 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,3 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 14,9 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 0,3 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 14,9 Prozent

IKK Classic

2,6 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,8 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,4 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,4 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 16,0 Prozent

AOK Baden-Württemberg

3,046 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,9 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,5 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,0 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,6 Prozent

AOK Bayern

3,33 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,9 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,5 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,1 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,7 Prozent

DAK

4,89 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,9 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,5 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,5 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 16,1 Prozent

Barmer GEK

6,7 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,9 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,5 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,1 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,7 Prozent

Techniker Krankenkasse

6,87 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,8 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,4 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,0 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,6 Prozent

Quelle

Unternehmen

Trotzdem plädiert die einseitiger Parteinahme für linke oder grüne Bürgerversicherungsmodelle unverdächtige Bertelsmann-Stiftung genau dafür. Sie will die Beamten, die weniger als 57.600 Euro verdienen, genauso wie Otto-Normal-Arbeitnehmer zu Pflichtversicherten in der gesetzlichen Krankenversicherung machen. Wer mehr verdient, soll die freie Wahl haben, ob er sich gesetzlich oder privat versichert. Bisher hat der Beamte nur theoretisch eine Wahl. Er darf sich zwar auch freiwillig gesetzlich versichern. Doch muss er dann den vollen Beitragssatz, also Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeitrag, selbst tragen. Dazu haben die wenigsten Beamten Lust.


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Die Stiftung hat für ihre Forderung keine ideologischen, sondern rein fiskalische Argumente. Einfacher ausgedrückt: Es geht um Steuergelder: Die gigantischen Ausgaben des Staates für die Beihilfe sind das eine Argument. Sie werden, auch weil in Zukunft immer mehr Beamte ins Pensionsalter kommen, in den kommenden Jahren massiv zunehmen. Nach einer Modellrechnung, die das IGES-Institut für die Bertelsmann-Stiftung angestellt hat, steigen sie von 11,9 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf 20,2 Milliarden Euro pro Jahr bis zum Jahr 2030. Die Lasten wären damit doppelt so hoch wie derzeit.

Im Bund steigen sie bis 2030 um 46 Prozent auf 6,6 Milliarden Euro und in den Ländern um 83 Prozent auf 13,6 Milliarden Euro. Es droht eine finanzielle Überforderung des Staates, über dem bereits die künftigen Pensionslasten schon wie ein Damoklesschwert hängen. Während Deutschland diese Pensionslasten jedoch nicht abschütteln kann, weil er nach der Verfassung verpflichtet ist, seine Beamten lebenslang zu „alimentieren“, könnte er die Beihilfe abschaffen.

Denn sie gehört nicht zu den durch die Verfassung geschützten Grundsätzen des Berufsbeamtentums, so Thorsten Kingreen, Spezialist für öffentliches Recht an der Universität Regensburg. Allerdings müssten Bund, Länder und Kommunen bei einer Überführung der Beamten in die gesetzliche Versicherung den normalen Arbeitgeberbeitrag zahlen. Das aber wäre auf Dauer deutlich billiger als die Beihilfe.

Kommentare (24)

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Herr Michael Müller

10.01.2017, 08:18 Uhr

„Sie sind im Durchschnitt gesünder als andere Arbeitnehmer“ Diese Aussage wäre zu prüfen, da es auch Statistiken gibt, wonach der Durchschnittsbeamte deutlich mehr krankheitsbedingte Fehlzeiten hat als der Durchschnittsangestellte.

Zusätzlich zu den genannten Milliarden im Bericht würden sich weitere Einsparungen ergeben wenn die Beamten gesetzlich versichert wären: Es gäbe weniger Krankschreibungen! Kein Arzt will einen Privatpatienten verlieren, denn damit finanziert er seine Praxis. Kommt also ein Privatpatient mit dem Anliegen einer Krankschreibung (Erkältung, Kopfschmerzen, Migräneanfall, Durchfall,…) erhält er diese natürlich sofort, selbst ohne Konsultation. Schließlich ist es eine win-win-Situation. Arzt zufrieden weil Privatrechnung, Beamter zufrieden weil „krankgeschrieben“.

Wenn wir gerade bei den Einsparungen sind:

Warum werden Beamte im Alter nicht wie alle anderen auch, nach der Lebensarbeitsleistung versorgt? Es ist eine soziale Ungerechtigkeit, dass die Beamten eine Pension erhalten, die sich an den Einkommen der letzten Jahre orientiert! Da gibt es dann kurz vor dem Pensionsalter noch „Gefälligkeitsbeförderungen“ um die Pension zu erhöhen.

Geschiedene Beamte erhalten immer noch einen „Familienzuschlag“, auch wenn Frau und Kinder nicht mehr in seinem Haushalt wohnen.

„Dienstunfähige“ Beamte können großzügig hinzuverdienen. Für den Staatsdienst zu krank, in der freien Wirtschaft immer noch erfolgreich!

...

Rainer von Horn

10.01.2017, 08:33 Uhr

Hier mal ein Zitat aus einer waschechten "Wirtschaftszeitung", die es wissen muss:

"Das heißt: Rein rechnerisch bekommt jeder pensionierte Beamte 2356 Euro im Monat, jeder Rentner im Schnitt aber nur 857 Euro. So fordert z. B. der Sozialverband Deutschland vor dem Hintergrund der drohende Altersarmut eine Rentenreform."

http://www.express.de/news/politik-und-wirtschaft/geld/beamte-stehen-besser-da-pension-hoeher-als-rente---ist-das-gerecht--24660158

Beamte müssten m.E aus Gründen der Solidarität (die wird ja heutzutage allenthalben eingefordert, wieso nicht von den Beamten? Gut, oder? :)) sowohl in die Kranken- als auch in die Rentenversicherung einzahlen, der Staat könnte veile, viele Milliarden einsparen. Und das Argument mit der Steuerpflicht der Pensionen entfällt ja mittlerweile auch, da auch die Renten nach und nach steuerbar werden.

Aber da wir ja mehr als genug Bemate (vor allem Lehrer) im Bundestag haben, die die Regelungen "mitgestalten helfen", wird sich an der Zweiklassengesellschaft hierzulande gar nix ändern.

Herr Holger Narrog

10.01.2017, 08:40 Uhr

Erfrischend ist der Satz..." die einseitiger Parteinahme für linke oder grüne Bürgerversicherungsmodelle unverdächtige Bertelsmann-Stiftung genau dafür."

Die Bertelsmannstiftung ist soweit ich dies beurteilen kann eine Garantie für linke, ökoreligiöse Positionen. Die Wirklichkeit wird in diesen Studien meist sehr selektiv betrachtet.

Wieweit die im Artikel benannten Daten realistisch sind vermag ich nicht zu beurteilen.

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