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29.10.2014

10:19 Uhr

Theo Waigel zum Mauerfall

„Wir haben fast alles richtig gemacht“

VonJan Mallien

Er ist der Architekt der Wirtschaftsunion mit der DDR. Ex-Finanzminister Theo Waigel spricht im Interview über Fehler bei der Wiedervereinigung, die Zukunft des Soli – und seine Rolle im umstrittenen Kohl-Buch.

Theo Waigel war von 1989 bis 1998 Bundesfinanzminister und handelte die Wirtschafts- und Währungsunion mit der DDR aus. Auch heute ist er überzeugt: „Man kann die Wiedervereinigung nicht mit einem langen Stufenplan machen.“ Thorsten Jochim für Handelsblatt

Theo Waigel war von 1989 bis 1998 Bundesfinanzminister und handelte die Wirtschafts- und Währungsunion mit der DDR aus. Auch heute ist er überzeugt: „Man kann die Wiedervereinigung nicht mit einem langen Stufenplan machen.“

MünchenTheo Waigel hat den Mauerfall verpasst. Am 9. November 1989 hatte sich der damalige Finanzminister zu einer CSU-Jubiläumsfeier in seinem Wahlkreis Illerberg überreden lassen. Dort bekam er die Nachricht über die Ereignisse in Berlin. Waigel sagte sofort alle weiteren Termine ab und flog am nächsten Morgen in die nicht mehr geteilte Stadt, um Helmut Kohl vor dem Schöneberger Rathaus zu treffen. Heute sprechen wir mit Waigel in dessen Münchner Anwaltsbüro über den Mauerfall.

Herr Waigel, Sie gelten als einer der Väter des Euro. War die gemeinsame europäische Währung der Preis für die Deutsche Einheit?
Nein, niemand hätte in der Wendezeit versprechen können, dass der Euro 1998 kommt. Weder der Finanzminister noch der Bundeskanzler. Dafür brauchen sie eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag und Bundesrat.

Der Entschluss für den Euro fiel aber fast zeitgleich mit dem Mauerfall. War das wirklich Zufall? 
Die wichtigsten Entscheidungen für den Euro sind bereits 1988 auf dem Europäischen Gipfel in Hannover gefallen. Dort wurde ein Ausschuss eingesetzt, der die Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion in Europa prüfen sollte. Wir konnten die Gespräche darüber in der Wendezeit nicht abbrechen. Dann hätten alle anderen Europäer gesagt: Jetzt geht Deutschland wieder einen Sonderweg.

So verschieden sind Ost und West

Wirtschaft

„Blühende Landschaften“ gibt es im Osten eher wenige. Die Wirtschaftskraft liegt ein Drittel unter dem Niveau der westdeutschen Länder. Und: Die Lücke schließt sich seit einiger Zeit kaum noch. (Quelle: dpa)

Verdienst

Ostdeutsche verdienen viel weniger. So betrug der mittlere Bruttomonatslohn im Westen zuletzt 3094 Euro, im Osten nur 2317 Euro.

Arbeitslose

Die Kluft zwischen Ost und West wird immer kleiner. In Ostdeutschland ist die Arbeitslosenquote auf dem tiefsten Stand seit 1991. Trotzdem beträgt sie noch 9,1 Prozent, im Westen 5,8 Prozent.

Rente

Wegen des früheren Berufseinstiegs in der DDR sind Renten im Osten meist höher. Zuletzt bekamen Männer im Schnitt 1096 Euro, Frauen 755 Euro. Im Westen: Männer 1003 Euro, Frauen 512 Euro.

Vermögen

Ostdeutsche besitzen nicht einmal halb so viel. Während Erwachsene im Westen im Schnitt über 94 000 Euro verfügen, sind es im Osten nur 41 000 Euro. Der Durchschnittswert selbst genutzter Immobilien liegt im Westen bei 151 000, im Osten bei 88 000 Euro.

Kinderwunsch

In Westdeutschland ist der Kinderwunsch deutlich ausgeprägter. Nach einer Forsa-Umfrage möchten 63 Prozent der jungen Erwachsenen hier auf jeden Fall Kinder, im Osten nur 47 Prozent.

Kinderbetreuung

In der DDR gehörte die Krippe zum Alltag, das wirkt bis heute nach. 2013 war die Betreuungsquote im Osten mit 49,8 Prozent noch mehr als doppelt so hoch wie in den westdeutschen Ländern mit 24,2 Prozent.

Verkehrstote

Ostdeutsche Straßen sind gefährlicher - und besonders gefährlich sind die in Brandenburg. Bei Verkehrsunfällen starben 2013 dort 69 Menschen pro eine Million Einwohner, in Sachsen-Anhalt 61. Im Bundesdurchschnitt waren es gerade mal 41.

Musik

Ob Helene Fischer oder Tim Bendzko: Musik mit deutschem Text ist im ganzen Land beliebt, nach einer Umfrage im Osten (84 Prozent) aber noch deutlich stärker als im Westen (74 Prozent).

Sterbehilfe

Rund 82 Prozent der Ostdeutschen wünschen sich einer Forsa-Umfrage zufolge bei einer schweren Erkrankung Sterbehilfe. In Westdeutschland sind es nur 67 Prozent.

Studenten

Sie können sich im Osten wegen niedrigerer Mieten mehr leisten. Laut Umfrage zahlt jeder zweite weniger als 300 Euro Miete, im Westen nur jeder dritte. Für Ausgehen oder Hobbys geben Studenten im Osten im Schnitt 178 Euro aus, 16 Euro mehr als die Kommilitonen im Westen.

Kirche

Die historisch gewachsene Kluft bleibt groß: 2011 waren noch 25 Prozent der Menschen im Osten Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche, im Westen 70 Prozent.

Stimmung

Nach einer Umfrage von Infratest dimap bewerten etwa 75 Prozent der Ostdeutschen die Wiedervereinigung positiv. In Westdeutschland sieht dagegen nur rund die Hälfte der Befragten (48 Prozent) mehr Vor- als Nachteile.

Also gab es doch einen Zusammenhang zwischen Euro und Einheit?
Wir haben beide Dinge parallel gemacht. Als sich die Chance zur deutschen Einheit ergab, haben wir diese ergriffen und die Gespräche für die gemeinsame Wirtschafts- und Währungsunion fortgesetzt.

Wie meinen Sie das?
Beides sind zwei Seiten einer Medaille.

Waigel hält kurz inne. Dann erzählt er von seinem Bruder August, der mit 18 Jahren im Zweiten Weltkrieg fiel. Er liegt auf dem Soldatenfriedhof in der französischen Kleinstadt Niederbronn in der Nähe von Straßburg begraben. Jugendliche aus ganz Europa legen Euro-Münzen auf seinen Grabstein. Eine Seite der Münzen ist national - die andere europäisch.

THEO WAIGEL-INTERVIEW TEIL 1

„Warum auf dem Grab meines Bruders Euro-Münzen liegen“

THEO WAIGEL-INTERVIEW TEIL 1: „Warum auf dem Grab meines Bruders Euro-Münzen liegen“

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Wäre der Euro auch gekommen, wenn es die Einheit nicht gegeben hätte?
Selbstverständlich! Alles war auf den Weg gebracht.

Ab wann haben Sie wirklich daran geglaubt, dass die Einheit klappen könnte?
Als ich selber die ersten Veranstaltungen zur Volkskammer-Wahl drüben gemacht habe, sollte ich in Leipzig sprechen. Vorher bin ich ein bisschen spazieren gegangen und habe gedacht: Das wird eine mittlere Pleite. Wer kommt denn um 17 Uhr unter der Woche? Aber dann kamen mir immer mehr Leute entgegen. Und dann stehen plötzlich sechzigtausend Menschen auf dem Platz.  Das ist der demokratische Wahnsinn! Nun sind ja Finanzminister nicht überall sonderlich populär. Und dann sehe ich hinten ein Transparent: Tausche Ostmark und Luft (Christa Luft, damalige Wirtschaftsministerin der DDR [Anm. d. Red.]) gegen D-Mark und Waigel.  So etwas kurzes, treffendes, klares habe ich selten erlebt. Da habe ich gespürt: Es tut sich was.

Helmut Kohl ist bei seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus ausgepfiffen worden. Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?
Mein Gefühl war: Was schlägt uns da alles entgegen? Im Nachhinein muss man sagen, dass die Veranstaltung überhaupt nicht repräsentativ war. Die Unionsleute sind alle am Abend zur Großveranstaltung an die Mauer gekommen – von denen war keiner am Schöneberger Rathaus.

Kommentare (21)

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Herr Fred Meisenkaiser

29.10.2014, 10:32 Uhr

Sein Selbstbewußtsein ist wirklich beispielhaft! Zumindest daran mangelt es ihm nicht!

Herr Tobias Wahrsager

29.10.2014, 10:51 Uhr

Es wurde gar nichts richtig gemacht. Man hat eine Währungsunion aus dem Boden gestampft, für die Euro
emotional und wirtschaftlich einfach nicht reif war.
Außerdem hat der Euro grenzüberschreitendes Spekulieren
und Kapitalverlagerung und Kapazitätenverlagerung erleichtert und damit dem neoliberalen Giergeiertum Marke FDP zusätzlich in die Hände gespielt. Die Wiedervereinigung mit ihren hohen Kosten und den oft befremdlichen Ostdeutschen Mentalitäten sehe ich auch erheblich kritischer als vor 20 Jahren. Zu viel ging daneben.

Herr Walter Schimpf

29.10.2014, 10:52 Uhr

....was für ein größenwahnsinniger Spinner. Schockierend, echt schockierend.

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