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29.08.2011

20:24 Uhr

Thilo Sarrazin

"Boah, ey, der Sarrazin!"

Quelle:Zeit Online

Das vergangene Jahr war turbulent für Thilo Sarrazin. Nachdem genug Zeit zum Nachdenken verstrichen ist, sollten einige Kapitel noch einmal aufgeklappt werden. Bernd Ulrich und Özlem Topcu sprachen mit Thilo Sarrazin.

Thilo Sarrazin in Berlin. dpa

Thilo Sarrazin in Berlin.

Äußerlich ist es wie bei unserem Interview vor genau einem Jahr: Thilo Sarrazin kommt allein ins Hauptstadtbüro der ZEIT. Dieses Mal hat er keinen Rucksack dabei, sondern einen braunen Aktenkoffer, darin sein Buch und einen roten Leitz-Ordner mit Aufsätzen über Intelligenz, mit Presseartikeln. Material, um, wie er sagt, für alle Fragen gewappnet zu sein. Doch den Ordner wird Sarrazin nur einmal aufklappen. Wir wollten nicht wieder über seine Thesen streiten, sondern etwas anderes von ihm wissen: Wie hat er das vergangene Jahr erlebt? Und, nebenbei: Was hat er mit seinem Geld gemacht? Was wohl im Jahr der Energiewende? Er hat sein Haus zum Ökohaus umgebaut.

DIE ZEIT: Hat die Sarrazin-Debatte Thilo Sarrazin verändert?

Thilo Sarrazin: Ja, natürlich. Jeder freut sich, wenn er Erfolg hat. Allerdings hätte ich nie gedacht – auch noch nicht, als ich vergangenes Jahr zum Interview bei Ihnen war –, dass Fragen, die mich beschäftigen, noch so viele andere Leute beschäftigen. Ob ich die richtigen Antworten gegeben habe, ist eine ganz andere Sache.

Aber wie hat Sie diese Debatte verändert?

Ich bin ein Stück illusionsloser geworden, was die Frage angeht, ob der Mensch gut ist oder nicht. Ich bin auch härter geworden.

Gegenüber dem Thema Integration?

Gegenüber mir selbst, in Bezug auf die Welt und wie sie funktioniert. Vorher hatte ich noch ein paar weiche Ecken. Die sind jetzt etwas abgenutzt.

Haben Sie heute mehr Freunde oder weniger Freunde als vor Erscheinen des Buches?

Ich habe noch alle meine alten Freunde, und ein paar neue habe ich auch gewonnen. Als wenige Tage nach Beginn des Vorabdrucks Bundesbankpräsident Axel Weber meine Entlassung aus dem Vorstand der Bundesbank betrieb und der SPD-Parteivorstand meinen Ausschluss beschloss, als sich der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin negativ äußerten, das hat mich schon mitgenommen. Ich hatte ja nie vorgehabt, meinen bürgerlichen Ruf und meine Tätigkeit bei der Bundesbank zu gefährden. Ich habe alte Freunde angerufen und gefragt: Hast du schon mein Buch gekauft? Lies doch mal und gib mir eine ehrliche Rückmeldung. Alle Rückmeldungen hatten den Tenor: Das eine oder andere sehen wir anders, aber wir finden jedenfalls nichts Anstößiges oder Schlimmes daran.

Noch nie ist in der Bundesrepublik so viel über Deutsche und Muslime und so viel zwischen Deutschen und Muslimen gesprochen worden wie in diesem Sarrazin-Jahr. Haben Sie sich um die Integration verdient gemacht?

Dafür gibt es interessante Indizien. Mein Parteigenosse und Fast-Freund Heinz Buschkowsky...

...der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln...

...war in weiten Teilen der Berliner SPD ein Geächteter und Verlachter. In SPD-Führungsrunden machte man ihn und seine Sorgen gern lächerlich. Als man mich aus der Partei ausschließen wollte, brauchte man aber einen anerkannten Integrationskritiker. Das war das Revival von Heinz Buschkowsky. Er hat mir dafür gedankt.

Haben Sie denn im letzten Jahr die Muslime besser kennengelernt?

Darüber haben wir uns doch schon im letzten Interview ausgetauscht.

Kommentare (16)

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Pendler

29.08.2011, 20:47 Uhr

Die Kunst ist es eben, dass man gewisse Kulturkreise nicht ausgliedert, sondern sie in die Gesamtstruktur integriert. Es gibt viele psitive Beispiele, wie man verschiedene Kulturen unter einen Hut bekommt.

Singapore ist ein Beispiel davon

azaziel

29.08.2011, 21:48 Uhr

@ Pendler - Die erste bekannte Zivilisation der Welt war eine Multikultigesellschaft. Sumerer und Semiten (spaeter Akkadier) hatten ueber mehr als 1000 Jahre zwei Sprachen im Land und die meisten Buerger waren zweisprachig. Es waere wohl zu romantisch anzunehmen, es sei immer friedlich zwischen den beiden Gruppen zugegangen. Aber in ihrem Zusammenleben haben sie eine Kultur erweckt, deren Errungenschaften Sie an viele Nachfolgezivilisationen weitergereicht haben und von denen wir heute noch zehren. Wir wissen heute, dass es so war. Was das Erfolgsrezept war, wissen wir nicht. Zwei Kulturen koennen sich gegenseitig hochziehen, aber das Gegenteil ist wohl auch richtig. Da ich Sarrazins Buch nicht gelesen habe, erlaube ich mir kein Urteil. Aber irgendwie habe ich das Gefuehl, dass er von Finanzen wesentlich mehr versteht als von Biologie und Vererbungslehre ;-)

Rene

29.08.2011, 22:08 Uhr

Jeden Tag, wenn ich mit der Bahn fahre, haben die, deren Sprache ich nicht verstehe, die meisten Kinder. Jeder, der mit offenen Augen durch die Welt geht, wird Herrn Sarrazin bestätigt sehen. Die Ideologen, die in Charlottenburg wohnen und mit dem Auto zur Arbeit und zurück fahren, werden solche Erlebnisse natürlich nicht machen, und Herrn Sarrazin solche Interviewfragen wieder und wieder stellen...

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