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21.05.2012

13:18 Uhr

Thilo Sarrazin

Der Euro-Killer

VonDietmar Neuerer

Erst die Ausländerpolitik, jetzt der Euro: In seinem neuen Buch zerreißt Thilo Sarrazin die Währungsunion. Seinen Argumenten ist nur schwer beizukommen. Deswegen stürzen sich die Kritiker auf seine Holocaust-Vergleiche.

Thilo Sarrazin. dpa

Thilo Sarrazin.

BerlinEines kann man Thilo Sarrazin nicht vorwerfen: Dass er von etwas sprechen würde, wovon er nichts versteht.  Der studierte Volkswirt war 1990 im Bundesfinanzministerium mitverantwortlich für die Einführung der gesamtdeutschen D-Mark. Und er kennt sich aus mit Schuldenhaushalten und damit, wie man sie saniert. Das stellte er eindrucksvoll als Berliner Finanzsenator unter Beweis – mit eigenwilligen, aber meist treffsicheren Zahlenspielen. Seine rigide Sparpolitik wurde von vielen als Provokation aufgefasst. Sarrazin scherte das wenig. Selbst als Bundesbankvorstand mischte er sich regelmäßig in Debatten ein – auch dann, wenn sie gar nicht sein Aufgabenfeld berührten. So kam es, das er als einer der Ersten schon im Mai 2010 prognostizierte, dass sich der Schulden-Dauersünder Griechenland als Problemfall erweisen werde. Aber keiner wollte auf ihn und andere warnende Stimmen hören.

Insofern ist es fast folgerichtig, dass Sarrazin nun ein Buch vorlegt, in dem er mit der gegenwärtigen Euro-Politik und den Rettungsmaßnahmen gnadenlos abrechnet: „Wenn ein Land unter der Disziplin der gemeinsamen Währung nicht leben kann oder will, so soll es jederzeit frei sein, zu seiner nationalen Währung zurückzukehren“, schreibt Sarrazin in seinem Buch, aus dem der „Focus“ vorab zitiert. Nach Ansicht des Autors ist durch die zahllosen vergeblichen Rettungsmaßnahmen längst „nach außen der Eindruck der deutschen Erpressbarkeit“ entstanden. Wenn die Währungsunion funktionieren solle, erfordere dies, dass sich alle Mitglieder „mehr oder weniger so verhalten, wie es deutschen Standards entspricht“. Wenn man nicht wüsste, dass die Sätze aus der Feder von Sarrazin stammen, würde man wohl annehmen, einer der prominenten Euro-Kritiker, etwa der FDP-Politiker Frank Schäffler oder CSU-Urgestein Peter Gauweiler, hätten wieder zugeschlagen.

Die beiden Koalitionäre sind auch höchst unzufrieden mit großen Teilen der politischen Szene und ihren Bemühungen, den Euro dauerhaft zu stabilisieren. Nur sind sie in der Minderheit. Sarrazin dagegen, politisch nicht mehr aktives SPD-Mitglied, sucht den Weg der großen Öffentlichkeit, um gegen die Gemeinschaftswährung mobil zu machen. Sein neues Buch mit dem Titel „Europa braucht den Euro nicht“ geistert bereits durch die Medien, obwohl es offiziell erst am Dienstag im Berliner Hotel Adlon vorgestellt wird. Auf Aktion folgt Reaktion. Erst im ARD-Talk bei Günther Jauch, dann im „Focus“, der sich exklusiv die Vorabdruck-Rechte gesichert hat, dann in verschiedenen Printmedien. Der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) gab Sarrazin ein Interview, das möglicherweise einige Pro-Euro-Politiker ins Grübeln bringen könnte, während sich Schäffler, Gauweiler & Co einmal mehr bestätigt fühlen dürften.

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Thilo Sarrazin hat ein neues Buch geschrieben. Bei Günther Jauch zeigte sich, wie seine Tabubrüche funktionieren: Diesmal schlägt er einen Bogen von der Eurozone zum Dritten Reich. „Bullshit“ ruft Peer Steinbrück.

Sarrazin analysiert die Geburtsfehler des Euro und macht als Hauptverantwortlichen für die Probleme, mit denen wir heute zu kämpfen haben, den einstigen Kanzler Helmut Kohl aus. Das treibende Motiv, den Euro zu schaffen, sei der Wunsch Kohls gewesen, „der versprach, die politische Union werde folgen“, so Sarrazin in der FAZ. Das sei aber „ein Akt der politischen Irreführung gewesen“.  Ein ähnlich vernichtendes Zeugnis stellt Sarrazin auch Politikern aus, die heute noch in Verantwortung stehen.

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