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14.01.2010

15:16 Uhr

Thomas Böhle

Der Direktor des tarifpolitischen Flohzirkus

VonDietrich Creutzburg

Die kniffligste Aufgabe von Tarifverhandlern besteht oft nur scheinbar darin, sich mit dem jeweiligen Gegenüber auf einen gemeinsamen Kompromissweg zu einigen. Ob Gewerkschaft oder Arbeitgeberverband - vor allem muss es gelingen, die Mitglieder der eigenen Organisation mitzunehmen. Und das ist manchmal schwieriger, als einen Flohzirkus zu hüten.

Dem promovierten Verwaltungsjuristen Thomas Böhle macht in fachlichen Fragen kein Verhandlungspartner etwas vor. ap

Dem promovierten Verwaltungsjuristen Thomas Böhle macht in fachlichen Fragen kein Verhandlungspartner etwas vor.

BERLIN. Thomas Böhle, Chef der kommunalen Arbeitgeber, wird daher gerade in der aktuellen Tarifrunde des öffentlichen Dienstes viel Geschick beweisen müssen. Landauf, landab verbreiten Bürgermeister und Stadtkämmerer täglich neue Anschauungsbeispiele, welch ärgerliche Folgen die Wirtschaftskrise für ihre Haushalte und für die Kommunalpolitik im Allgemeinen ohnehin schon hat: Verzicht auf langersehnte Bauprojekte, Schließung von Schwimmbädern und Theatern, Gebührenerhöhungen.

Trotzdem wird der 56-Jährige ihnen bald beibringen müssen, dass sie bitte einen neuen Tarifvertrag und damit höhere Personalkosten unterstützen. Auch wenn es am Ende nicht die von Verdi geforderten fünf Prozent - 3,7 Mrd. Euro für zwei Millionen Arbeitnehmer - werden: Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA), also Städte und Gemeinden von Anklam bis Zwiesel, will erst einmal auf eine Linie eingeschworen sein.

Böhle, im Hauptberuf Personaldezernent von München, hat damit immerhin schon allerlei Erfahrung gesammelt, seit er vor sechs Jahren das Amt des VKA-Präsidenten übernahm. Der Tarifabschluss 2005, der erste unter seiner Führung, brachte eine hochkomplexe Tarifrechtsreform auf den Weg, darunter den Einstieg in leistungsorientierte Gehälter beim Staat. Nach der von sprudelnden Steuerquellen geprägten Tarifrunde 2008 ist die Lage nun aber widriger denn je.

Beim Austüfteln und Vermitteln feingliedriger Kompromisse kommen Böhle, von Hause aus Sozialdemokrat, zwei Punkte seiner Biografie besonders zugute: Er ist promovierter Verwaltungsjurist und Autor eines Standardkommentars zum Kommunalrecht; fachlich macht ihm also kein Verhandlungspartner etwas vor. Und doch entspricht Böhle, ein ausgewiesener Kunstfreund, so gar nicht dem Klischee vom starren Bürokraten; geboren in Freiburg, aufgewachsen in Luzern und Caracas, bringt er eine ganz ungewöhnliche Weltläufigkeit in die kommunalen Niederungen mit.

Ob er damit auch diesmal die widerstrebenden Kräfte zusammenhalten kann, wird sich zeigen. Da die Kommunen in einer Tarifgemeinschaft mit dem Bund stecken, kommt es dafür noch auf einen weiteren Mitspieler an: den neuen Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Sollte demnächst ein für den Bund eigentlich schon akzeptabler Kompromiss mit den Gewerkschaften greifbar sein - dann wird es auch von de Maizières Verständnis für spezielle Wehwehchen der Kommunen abhängen, ob Böhle seinen Flohzirkus erfolgreich hüten kann.

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