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04.05.2012

14:45 Uhr

Tierblut-Schmierereien

Neonazis schocken die Provinz

Hinter der biederen Fassade manch ostdeutscher Kleinstadt rumort es. Rechtsextremisten sondieren seit Jahren das Terrain, versetzen Bürger in Angst - zuletzt mit Tierblut vor einer Lokalredaktion in Südbrandenburg.

Rund 120 Neonazis laufen am 01.05.2012 mit Bannern und Fahnen durch Wittstock (Ostprignitz-Ruppin). dpa

Rund 120 Neonazis laufen am 01.05.2012 mit Bannern und Fahnen durch Wittstock (Ostprignitz-Ruppin).

Spremberg/PotsdamDie Idylle trügt: die Südbrandenburger Kleinstadt Spremberg nahe der sächsischen Grenze macht nach Aktionen von Neonazis Schlagzeilen. Es ist kein Einzelfall. Seit Jahren versuchen rechte Netzwerke in der ostdeutschen Provinz Fuß zu fassen. Ungeniert zeigen sie Präsenz, fast schon im Wochenrhythmus werden Aufmärsche angemeldet. In Brandenburg setzen in Neuruppin, Wittstock oder Frankfurt (Oder) Bürgerbündnisse auf „bunt statt braun“ und durchkreuzen auf diese Weise meist erfolgreich die Pläne der Rechten.

Bundesweit schrecken die Aktivitäten der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) auf: Zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und zahlreiche Banküberfälle sollen auf ihr Konto gehen. Im brandenburgischen Spremberg besudelten nun in der Nacht zum 1. Mai Unbekannte mit den Eingeweiden eines frisch geschlachteten Tieres die Scheiben der Lokalredaktion der „Lausitzer Rundschau“. Wenige Kilometer entfernt, im sächsischen Hoyerswerda, wurde gerade erst das Wahlkreisbüros der Bundesgeschäftsführerin der Linken, Caren Lay, überfallen. Am Jahresanfang hatten Rechtsextreme in Cottbus eine Grube ausgehoben, um symbolisch die Demokratie zu Grabe zu tragen.

Haben die Aktionen der Rechtsextremen eine neue Qualität erreicht? Die NPD schwächele, dafür organisierten sich Rechtsextreme zunehmend in der freien Neonazi-Szene, in weniger strukturierten lokalen Netzwerken, konstatiert der Verfassungsbericht des Landes Brandenburg. Bundesweit haben nach der jüngsten Statistik rechtsextremistische Organisationen etwa 25.000 Mitglieder (2010), von diesen werden 9.500 als gewaltbereit eingestuft.

Der Vorfall in Spremberg hat die Stadt geschockt. Bürgermeister Klaus-Peter Schulze (CDU) findet deutliche Worte: „Das ist eine riesige Schweinerei.“ Wenn es um die Gründe für den Zulauf zu den Rechten geht, ist Schulze ratlos: „Ich kann es nicht definieren.“

Der Chefredakteur der „Lausitzer Rundschau“, Johannes M. Fischer, nimmt die Attacke auf seine Lokalredaktion sehr ernst. „An Widerlichkeit und Bösartigkeit ist der Vorgang kaum zu überbieten.“ Offenbar seien Berichte der Journalisten zu rechtsextremen Aktivitäten den Rechten ein Dorn im Auge. Zuletzt veröffentlichte die Zeitung einen Artikel über ein Treffen von etwa 30 Vermummten mit Fackeln, Fahnen und Transparenten am Bismarckturm, dem Wahrzeichen der Stadt. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, betont Fischer.

Die Frage nach den Gründen für den Zulauf in der Szene beschäftigt die Betroffenen. Susanne Kschenka vom Mobilen Beratungsteam Cottbus meint, dass Einige im Rechtsextremismus leichte Antworten auf die Fragen der Zeit suchen und finden. „Und die Schuldigen sind aus deren Sicht die Politiker, die dann angegriffen werden.“

Gordian Meyer-Plath vom Brandenburger Verfassungsschutz sagt: „Es sind oft sehr, sehr junge Menschen, denen es verhältnismäßig gut geht.“ Die Gruppe „Revolutionäres Spremberg“ mit etwa zwei Dutzend Mitgliedern agiere am aggressivsten im Raum Südbrandenburg, wo es seit Jahren ein äußerst aktives Rechten-Netzwerk gebe. Dazu bestünden beste Kontakte bis nach Sachsen. Auf der Homepage werden ohne Skrupel Nazi-Parolen und Anti-Israel-Sprüche veröffentlicht. „Das traut sich sonst kaum jemand“, stellt der Experte fest.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

04.05.2012, 19:46 Uhr

Es ist eine Schande - sowohl für den deutschen Rechtsstaat als auch die Zivilgesellschaft - das in "ausländerfreien Zonen" der ultrarechte Pöbel so ungeniert und unter den Augen der Mehrheitsgesellschaft unbehelligt diese abartigen Rituale feiert. Hoffnungsvoll stimmt, dass sich in einigen Orten Widerstand formiert. Auch wenn mir die Linke so fern ist der braune Gossendampf, muss man doch angesichts der immer ungenierter auftretenden Pestilenz auch die roten Schmuddelkinder einbinden in den Kampf gegen Rechtsextreme. Wobei das Stimmverhalten jugendlicher ostdeutscher Erstwähler der Linken zu denken geben sollte: Häufig Erststimme Die Linke, Zweitstimme braun. Es gibt eben keine "einfachen Lösungen" für komplexe Probleme. Wenn die Linke ernstgenommen werden möchte, sollte sie ihr Programm dahingehend modernisieren. Ich für mein Teil werde sie aber definitiv nicht wählen. Die Ratlosigkeit eines örtlichen CDUlers allerdings ist auch kein Ruhmesblatt - er sollte intensiver nachdenken, wie den rechten Rattenfängern der Boden entzogen werden kann. Mancherorts werden angesichts knapper Kassen Jugendfreizeitheime in Serie geschlossen, wo man noch eine Einwirkungsmöglichkeit auf verunsicherte, desillusionierte Jugendliche hätte. An gleicher Stelle eröffnen dann häufig Rechtsextreme Clubs, wo sie direkt ihre Lemminge rekrutieren, denen sie ihre leistungslose Zugehörigkeit zum nationalen Kollektiv "sinnstiftend" um den Milchbart schmieren. Traurig, aber wahr...

Account gelöscht!

04.05.2012, 20:25 Uhr

Sehr bedauerlich, daß das HB keine Kommentarfunktion zum Thema "Mein Kampf" als Lehrmittel zuläßt. Hier hätte ich mir mehr Mut und Zutrauen in die Kommentatoren erhofft. Um den Feind zu schlagen, muß man ihn kennen!

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