Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.12.2014

14:06 Uhr

Tod von Tugce

Überwachungskameras können keine Leben retten

VonMarcel Bohnensteffen

Hätte die Prügelattacke auf Tugce verhindert werden können? Nach dem Tod der Studentin fordern Politiker bessere Überwachungstechnik. Doch Experten bezweifeln, ob die überhaupt etwas gegen Gewalt ausrichten kann.

Die Überwachung auf öffentlichen Plätzen ist in Deutschland umstritten. Experten bezweifeln, dass Videokameras gewaltsame Übergriffe verhindern. Caro / Eckelt

Die Überwachung auf öffentlichen Plätzen ist in Deutschland umstritten. Experten bezweifeln, dass Videokameras gewaltsame Übergriffe verhindern.

DüsseldorfSelten hat das Schicksal einer jungen Frau so großes Aufsehen erregt wie in diesem Fall: Seitdem die Studentin Tugce Albayrak an den Folgen einer Prügelattacke gestorben ist, diskutiert Deutschland über Zivilcourage, Gewalt in aller Öffentlichkeit - und die Frage, wie man sich davor schützen kann. Die Antwort fällt ernüchternd aus: So gut wie gar nicht - zumindest nicht mit technischen Hilfsmitteln.

In den vergangenen Tagen ist immer mal wieder erörtert worden, ob Tugces Tod hätte verhindert werden können. Etwa durch spezielle Kameras in der Öffentlichkeit, die auffälliges Verhalten erkennen und sofort Alarm auslösen. Der innenpolitische Sprecher der CDU im Bundestag, Stephan Meyer, hatte den Einsatz von moderner Technik aus den USA ins Spiel gebracht. Die ermögliche bei Überfällen einen „unmittelbaren Zugriff der Polizei“ und stelle „einen erheblichen Sicherheitszuwachs dar“, sagte Meyer der „Bild-Zeitung“.

Ein Standpunkt, der bei Experten auf Widerspruch stößt. Manfred Limbach, Geschäftsführer der gleichnamigen Firma für Sicherheitstechnik in Meckenheim, sagte Handelsblatt Online: „Es ist eine Illusion, dass Überwachungskameras Gewaltbereitschaft verhindern können. Das lässt sich nicht durch Technik aufhalten.“

Islamistischer Terror in Deutschland - Eine Chronologie

April 2002: Terrorgruppe Al-Tawhid

Der Polizei gehen mutmaßliche Anhänger der Al-Kaida-nahen Terrorgruppe Al-Tawhid ins Netz. Die Männer planten Angriffe auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin und jüdische Gaststätten in Düsseldorf. Sie müssen bis zu acht Jahre hinter Gitter.

März 2003: Terrorpläne gegen amerikanische Einrichtungen

Ein Tunesier wird verhaftet, der angeblich Attentate gegen amerikanische und jüdische Einrichtungen plante. Vor Gericht kann ihm das nicht bewiesen werden. Die Bundesanwaltschaft bleibt jedoch der Ansicht, dass ein Horrorszenario verhindert wurde.

März 2004: Islamistengruppe Ansar al Islam

Mitglieder der kurdisch-irakischen Islamistengruppe Ansar al-Islam planten, den damaligen irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi während eines Deutschland-Besuches zu ermorden. Die Polizei hört ihre Telefongespräche ab und nimmt drei Männer fest. 2008 wird der Haupttäter zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Juli 2006: Kofferbomber in Köln

Im Kölner Hauptbahnhof werden in zwei Regionalzügen Kofferbomben gefunden. Wegen Technikfehler explodierten sie nicht. Wenige Wochen später werden die Täter gefasst. Im Dezember 2008 wird der „Kofferbomber von Köln“ zu lebenslanger Haft verurteilt. Auslöser für die Tat waren laut Urteil Mohammed-Karikaturen in Zeitungen.

September 2007: Sauerland-Gruppe

Die islamistische Sauerland-Gruppe wird festgenommen. Vor Gericht müssen sich die vier Mitglieder wegen der Planung von Terroranschlägen auf Diskotheken, Flughäfen und US-Einrichtungen in Deutschland verantworten. 2010 werden sie zu Strafen bis zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt.

März 2011: Angriff auf US-Soldaten

Ein junger Kosovo-Albaner erschießt auf dem Flughafen in Frankfurt (Main) zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer. Er gilt als extremistischer Einzeltäter. Auslöser für seine Tat soll ein Internetvideo gewesen sein, in dem angeblich US-Soldaten ein Haus in Afghanistan plündern und ein Mädchen vergewaltigen.

Was Limbach meint: Überwachungstechnik macht sich in den meisten Fällen erst dann bezahlt, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Wenn die Tat schon begangen ist. „Bei Prügelattacken oder Überfällen geschieht die Straftat immer in einer Momentsituation“, erläutert Limbach. „Um mit Überwachungstechnik einzugreifen, bräuchte man Zeit zur Reaktion. Doch gerade die fehlt.“ Ein Zustand, der Tugce zum Verhängnis wurde.

Ob der Überfall auf die junge Frau hätte verhindert werden können, wenn Alarm ausgelöst worden wäre? Limbach bezweifelt das.

Beim Blick auf die Sicherheitstechnik in Deutschland offenbart sich ein bizarres Bild. In der Privatsphäre können sich die Menschen gegen Übergriffe verhältnismäßig gut absichern, zum Beispiel gegen Einbrüche. Die gängigsten Alarmanlagen an der Wohnungstür sind technisch auf einem hohen Stand. Sensible Sensoren reagieren selbst bei kleinsten Bewegungen und optischen Veränderungen.

In der Öffentlichkeit aber, wo man sich im Schutz der Masse wähnt, droht Bürgern Gefahr. An öffentlichen Plätzen Überwachungssysteme zu installieren, die auf ungewöhnliche Bewegung reagieren und Alarm auslösen, macht laut Limbach wenig Sinn. Dann „herrscht dort permanenter Alarm“.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Kurt Siegel

04.12.2014, 14:23 Uhr

Überwachungskameras können best case abschreckend wirken und (sollte ein Verbrechen geschehen sein) bei der Aufklärung der Straftat nützliche Dienste leisten; deshalb gehören Kameras überall dort hin, wo viele Menschen sind, da hier auch viele Gefahren lauern.

Monaco mit seiner Überwachung ist ein positives Musterbeispiel, wie man diese Technik nutzen sollte.

G. Nampf

04.12.2014, 14:28 Uhr

"Überwachungskameras können keine Leben retten"

Vollkommen richtig. Es ist gut,daß das hier im HB so deutlich gesagt wird.

Überwachungskameras

- schrecken (anders als Polizisten) Gewalttäter durch ihre Präsenz nicht ab

- können nicht VOR einer Straftat eingreifen

- können keine erste Hilfe leisten/ keine Hilfe holen

- können die Verfolgung nicht aufnehmen

Sie sind nur dazu da, was ihr Name auch sagt: Zur Überwachung der Bürger.

G. Nampf

04.12.2014, 14:31 Uhr

@Kurt Siegel

Im Großraum London gibt es 600.00 Überwachungskameras.

Dort sank weder die Kriminalitätsrate noch stieg die Aufklärungsquote im Vergleich zu der Zeit, als es noch keine Überwachungskameras gab.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×