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16.01.2015

16:32 Uhr

Toter Asylbewerber in Dresden

Dresdener Polizei unter Druck

Ein Flüchtling aus Ostafrika wird in einer Plattenbausiedlung mit mehreren Messerstichen getötet - von wem und warum ist unklar. Weiße Rosen und Kerzen erinnern an den 20-Jährigen. Die Behörden sind in Erklärungsnot.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Wie starb der 20-jährige Asylbewerber?

Staatsanwaltschaft ermittelt: Wie starb der 20-jährige Asylbewerber?

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DresdenSeit Wochen gehen in Dresden Tausende Pegida-Anhänger auf die Straße und protestieren gegen eine angebliche Überfremdung. Sie fordern eine Verschärfung des Asylrechts, warnen vor der „Islamisierung des Abendlandes“. Die Stimmung in der Stadt ist aufgeheizt.

Ausgerechnet jetzt wird in Deutschlands Pegida-Hochburg die Leiche eines jungen Asylbewerbers gefunden. Auch wenn Hintergründe und Motive noch völlig im Dunkeln liegen, löst die Gewalttat Entsetzen aus. Zusätzlich lässt eine erste Fehleinschätzung der Polizei die Wellen hochschlagen.

„Ich bin zutiefst betroffen, weil ich das fürchterlich finde, was hier passiert ist“, sagte Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). Der Fall müsse nun unverzüglich aufgeklärt werden. „Damit wir wissen, wie es zustande gekommen ist, was passiert ist und wer es gewesen ist.“

Die Köpfe der Pegida-Bewegung

Köpfe und Wortführer

Wer sind die Köpfe und Wortführer der islamfeindlichen Pegida-Demonstrationen in Dresden und anderswo? Einige Beispiele:

Kathrin Oertel

Sie ist die einzige Frau im zwölfköpfigen Organisationsteam von Pegida Dresden, die öffentlich in Erscheinung tritt. Laut Medienberichten ist sie 36 Jahre alt und arbeitet als Wirtschaftsberaterin. Neuerdings fungiert sie als Pegida-Sprecherin und Schatzmeisterin – und trat als Gesicht von Pegida bei Günther Jauch auf. In ihren Ansprachen schlägt Oertel vergleichsweise moderate Töne an, persönliche Angriffe überlässt sie anderen.

Sebastian Nobile

Veranstalter der Kögida-Demo in Köln und Pressesprecher der Pegida NRW, nennt sich „freiheitlich-christlicher Patriot“. Medienberichten zufolge war er Aktivist der „German Defence League“, die islamfeindlich und rechtsextrem ist. Laut Polizei hat er mehrfach Demos mit rechtsradikalen Anliegen angemeldet.

Melanie Dittmer

Sie organisierte zuletzt die Bonner „Bogida“-Demos. Medienberichten zufolge war die 36-Jährige im Landesvorstand der NPD-Nachwuchsorganisation „Junge Nationaldemokraten“. Dem „Spiegel“ sagte sie jüngst, es sei für sie unerheblich, ob es den Holocaust gegeben habe. Dittmer sitzt im Vorstand von Pro NRW. Pegida NRW teilte am Dienstag mit, wegen „inhaltlicher Differenzen“ sei die Zusammenarbeit mit Dittmer beendet.

Udo Ulfkotte

Ex-Journalist und Autor des Bestsellers „Gekaufte Journalisten“, gibt den „Lügenpresse“-Rufern Futter und sieht auch schon seit langem Europa von fanatischen Muslimen bedroht. Schon 2003 erschien dazu sein Buch „Der Krieg in unseren Städten“. In diese Richtung argumentierte auch das Buch „Heiliger Krieg in Europa“.

Karl Schmitt

Er organisiert in Berlin die Bärgida-Bewegung. Der promovierte Ingenieur (60) war 14 Jahre bei der CDU kommunal aktiv, trat 2008 aus und gründete die rechtspopulistische Partei „Die Freiheit“ mit. Die CDU habe zu wenig Distanz zur Linken gezeigt und die Gefahr der muslimischen Parallelgesellschaft in Deutschland nicht erkannt. Die „Freiheit“ verließ Schmitt auch nach einem Jahr.

Lutz Bachmann

Er war das Gesicht von „Pegida“ in Dresden: Bachmann rief die Facebook-Gruppe ins Leben, die das islamkritische Bündnis begründete. Er sei kein Rassist, betonte der wegen Diebstahls und Drogendelikten vorbestrafte 41-Jährige stets – doch er musste zurücktreten, da gegen ihn wegen Volksverhetzung ermittelt wird. Zuvor waren ein Foto Bachmanns mit Hitler-Bart und ausländerfeindliche Facebook-Einträge öffentlich geworden.

Der 20-Jährige aus Eritrea war am Dienstagmorgen tot vor seinem Wohnhaus in einer Plattenbausiedlung gefunden worden. Dort hatte er in einer Vierzimmerwohnung mit sieben Landsleuten gelebt. Die Polizei sah zunächst keine Hinweise auf Fremdeinwirken. Erst eine Obduktion ergab, dass der junge Schwarze durch mehrere Messerstiche in Hals und Brust starb.

Die Ermittlungen der Polizei wirkten dilettantisch, meint Grünen-Innenpolitiker Volker Beck - und erstattete Strafanzeige. Er sieht Anzeichen für eine mögliche Strafvereitelung im Amt. „Erst nach der Obduktion des Opfers räumt die Polizei ein Fremdverschulden ein und schickt erst 30 Stunden nach der Tat die Spurensicherung an den vermeintlichen Tatort“, sagte der Bundestagsabgeordnete dem Internetportal der „Dresdner Morgenpost“.

Die Erklärung für die Fehleinschätzung lieferte Dresdens Polizeipräsident Dieter Kroll im Innenausschuss des Landtags: Noch am Fundort der Leiche habe der Notarzt einen offenen Schlüsselbeinbruch diagnostiziert. Ein Fremdverschulden hätten die Beamten deshalb nicht gleich sehen können. „Die Messerstiche waren zunächst nicht erkennbar gewesen“, bestätigte auch Oberstaatsanwalt Lorenz Haase. „Wir setzen alles in Bewegung, um die Täter zu finden.“

Derzeit werden Nachbarn und Mitbewohner befragt sowie Augenzeugen vor dem Supermarkt, wo der 20-Jährige offenbar am Montagabend einkaufen gehen wollte. Wegen der Sprachbarrieren müssten Dolmetscher eingesetzt werden, das erschwere die Ermittlungen, so Haase. Zudem werde Videomaterial ausgewertet, Spezialhunde suchten die Umgebung nach Spuren ab. Hinweise auf Täter, Hintergründe und Umstände des Verbrechens gebe es aber noch nicht. Die Mordkommission wurde auf 25 Beamte aufgestockt.

Kommentare (3)

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Herr Hikmet Özdemir

16.01.2015, 09:40 Uhr

"Zurückhaltung und Respekt vor der Ermittlungsarbeit aber schon“. Im Neo Nazi Morde NSU, gingen die Behörden genau nach diesem Motto vor. Erst garnicht ermitteln, dann gegen Freunde und bekannte ermitteln, dann vertuschen und verheimlichen.

Messerverletzungen am Hals und Brust kann jeder Laie feststellen. Da muss man keine Polizeiausbildung inne haben. Hier wurde versucht wieder zu verstuschen

Warum wird in so einem offensichtlichem Fall erst nach 30 Stunden Spurensicherung vorgenommen. Weil es villeicht mal wieder um Fremde und Flüchtlinge ging?

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elly müller

16.01.2015, 09:52 Uhr

Diese Unterstellungen gegenüber der Polizei finde ich im jetzigen Stadium für verfrüht!

Der Fall ist jetzt bekannt und es wird ermittelt. Keiner wird sich nach den schrecklichen Taten der NSU einen Fehler erlauben!

Allerdings ist es wirklich mehr als seltsam, wenn zwei Messerstiche nicht erkannt werden!

In der aufgeheizten Stimmung sollte jetzt mit Bedacht ermittelt werden und die Ergebnisse transparent gemacht werden!

Wer immer für diese Tat verantwortlich ist, ist ein Mörder und gehört sofort hinter Gitter!!!

Herr Cäsar Bagger

16.01.2015, 11:57 Uhr

"Zurückhaltung und Respekt vor der Ermittlungsarbeit aber schon“. Selten so einen Unsinn von einem Innenminister gelesen. Dieser Herr Ulbig war zu DDR-Zeiten Funkmechaniker laut Wikipedia. Wer ein wenig Ahnung von der DDR hat, denkt sich seinen Teil. Sollte ein Innenminister eines Bundeslandes nicht Jurist sein oder zumindest aus dem Polizeidienst kommen?

Wenn es stimmt, dass erst 30 Stunden nach dem Auffinden der Leiche die Spurensicherung am Ort des Geschehens eintraf, dann stellt sich die Frage nach der politischen Verantwortung. Leider gibt es im sächsischen Landtag nur eine sehr kleine und überschaubare Opposition, die hier Druck machen könnte.

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