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19.08.2013

16:35 Uhr

Transplantationsskandal

Gesundheitsminister Bahr schließt neue Fälle aus

Für die Bundesregierung ist nach dem Skandal um die Organvergabe genug passiert. Jetzt sollen die Bürger ihre Bereitschaft erklären, mahnt der Gesundheitsminister.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hält neue Transplantationsskandale für unmöglich. dpa

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hält neue Transplantationsskandale für unmöglich.

BerlinManipulationen bei Organvergabe-Daten wie im Göttinger Transplantationsskandal sind laut Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) inzwischen unmöglich geworden. Ärzte könnten nach Gesetzesverschärfungen nicht mehr allein über die Position auf der Warteliste entscheiden. Unter anderem seien nach dem Kriminalfall ein Mehr-Augen-Prinzip und unangemeldete Prüfungen eingeführt worden. „Deswegen kann ich guten Gewissens sagen, dass solche Fälle nicht mehr vorkommen können.“ Manipulationen der Warteliste seien heute außerdem strafbar. Für Verstöße gibt es seit diesem Sommer eine Haftstrafe bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe.

Ob noch mehr alte Fälle ans Licht kommen, soll sich Anfang September herausstellen. Am 4. September gibt die Bundesärztekammer die Ergebnisse der Überprüfungen der 24 Lebertransplantationsprogramme in Deutschland bekannt.

Was man über Organspenden wissen sollte

Zustimmung zur Organspende

Wer in Deutschland nach dem Hirntod seine Organe spenden möchte, muss einer Entnahme ausdrücklich zustimmen. Das ist am einfachsten mit einem Organspendeausweis möglich. Darin kann jeder festlegen, ob er generell mit einer Organ- und Gewebespende einverstanden ist oder auch nicht. Die Bereitschaft lässt sich aber auch einschränken: Wer etwa nicht möchte, dass sein Herz entnommen wird, kann dies auf dem Ausweis vermerken.

Der Hirntod wird festgestellt

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Zustimmung der Verwandten bei hirntoten Spendern

Wenn ein möglicher Spender zu Lebzeiten nichts verfügt hat, wird nach seinem Tod mit den Angehörigen gesprochen und gefragt, ob sie einer Spende zustimmen.

Gewebespende

Das Gewebegesetz ergänzt das Transplantationsgesetz und regelt unter anderem die Entnahme von Knochen, Knorpeln, Augenhornhäuten und Herzklappen.

Lebendspende

In Deutschland regelt seit 1997 das Transplantationsgesetz die Organspende sowohl für Spenden während des Lebens als auch nach dem Tod. Wer zeitlebens etwa eine Niere spenden will, muss volljährig sein und über alle Risiken aufgeklärt werden. Ein Organ kann allerdings nur Verwandten, Ehegatten, Lebenspartnern oder engen Freunden gespendet werden.

Auswahl der Empfänger

Organe dürfen nur in den deutschlandweit gut 40 Transplantationszentren übertragen werden. Wer als Empfänger infrage kommt, ist auf einer Warteliste vermerkt. Bei jedem Organ wird geprüft, wer es am dringendsten benötigt und bei wem die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung am größten erscheinen. Dabei ist es unabhängig, ob eine Person arm oder reich, berühmt oder der Öffentlichkeit unbekannt ist.

Organhandel

Der Handel mit Organen ist nach dem Gesetz verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Abgeschwächte Strafen gelten für den Verkauf und Erwerb von Produkten, die aus Gewebe und Organen hergestellt worden sind.

Widerspruchsregelung

In Österreich und Belgien gilt eine Widerspruchslösung: Hier zählt jeder von Geburt an als Organspender. Wer gegen eine Entnahme von Gewebe und Organen ist, muss dies ausdrücklich erklären. Allerdings wird auch in diesen Ländern immer auch mit den Angehörigen gesprochen und geklärt, ob Einwände gegen die Spende bestehen.

Von Januar bis Juni gab es laut Deutscher Stiftung Organtransplantation (DSO) 459 Organspender nach 562 im Vorjahreszeitraum.

Bahr bedauerte, dass der Transplantationsskandal das Vertrauen der Menschen erschüttert habe. Er begrüße die schnelle Reaktion der Staatsanwaltschaft. Bahr rief die Menschen dazu auf, ihre Bereitschaft zur Organspende zu erklären. „Wer sich derzeit gegen die Organspende entscheidet, der bestraft die 12 000 Menschen auf der Warteliste, die auf ein Spenderorgan warten.“ Er erwarte, dass die Spenderzahlen im kommenden Jahr wieder ansteigen.

Bahr befürwortete eine Reduzierung der Zahl der Transplantationszentren. „Das ist Sache der Länder“, sagte er aber. Bereits vor Monaten hatte Bahr angekündigt, mit einem Gutachten werde geklärt, wie Verstöße in der Transplantationsmedizin besser sanktioniert werden können. Dies sei wiederum Sache der Innen- und Justizminister, erläuterte er nun.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, kritisierte Bahr. „Wenn ich wachsweiche Regeln habe, dann kann ich auch nicht gegen Gesetze verstoßen.“

Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Jens Spahn sagte dagegen: „Mit den gesetzlichen Änderungen der letzten zwölf Monate haben wir die Kontrollen verschärft, die Strafen drastisch erhöht und das System insgesamt transparenter gemacht.“ Der Ruf nach einer Verstaatlichung durch Grüne und Linke führe in die Irre.

Von

dpa

Kommentare (11)

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Account gelöscht!

19.08.2013, 16:46 Uhr

Der blauäugige Herr Bahr. Wo genug kriminelle Energie ist - da findet sich auch ein Weg.
Außerdem sind damit nicht die unseligen Machenschaften vom Tisch, dass ganz legal viele Organe an EuroTransplant vorbeilaufen.
Und eine bessere Aufklärung und "Behandlung" der Angehörigen vor und mit der Entscheidung findet auch nicht statt.
Aufklärung tut not - nicht dieses Gehampel.

DerAufklaerer

19.08.2013, 19:23 Uhr

Der naive?! Herr Bahr hechelt der Realität mächtig hinterher. Ein Loch gestopft, 3 neue entstanden, zB ganz aktuell der Datenskandal zu Patientendaten, Honorarexplosion der niedergelassenen Ärzte etc ... wer ist eigentlich Herr der Gesundheitsbranche? Der Herr Minister jedenfalls nicht ... eigentlich kann man den Ministerposten ersatzlos streichen und Herr Montgomery zum König der Gesundheitsbranche krönen ...

Wolfsfreund

20.08.2013, 11:55 Uhr

Als irgend ein Prinzchen "von und zu Irgendwas" (ich hab vergessen, wer's genau war, ist lange her), trotz ungesunden Lebenswandels nach dem Versagen des ersten Spenderherzens gleich ein zweites bekam, habe ich an meinen Organspenderausweis ein Steichholz gehalten. Wer garantiert mir, daß im Falle eines Unfalls wirklich alles für mich getan wird und ich nicht kurzerhand zugunsten eines reichen Großkopferten buchstäblich ausgeschlachtet werde? NIEMAND! Wie man an den aktuellen Fällen sieht, wird ja ggf. durchaus manipuliert.
Ich werde im Leben *keinen* Organspenderausweis mehr bei mir führen und meine Verwandten sind diesbezüglich unterrichtet, so daß von den Halbgöttern in Weiß auch nichts gedreht werden kann.

Ergo:
" „Wer sich derzeit gegen die Organspende entscheidet, der bestraft die 12 000 Menschen auf der Warteliste, die auf ein Spenderorgan warten.“"
---
Interessiert mich nicht, Herr Bahr! Es gibt keinen Rechtsanspruch auf meine Organe! Punkt! Ende!
Und wer versucht, auf mich (moralischen) Druck auszuüben, erreicht genau das Gegenteil!
Außerdem vertraue ich keinem Politiker:
"Wenn es ernst wird, muß man lügen!"
(Jean-Claude Juncker)
Damit ist *alles* gesagt.

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