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01.07.2017

17:45 Uhr

Trauerfeier in Straßburg

Ein Abschied in größter Dimension

VonAnna Gauto

Europa hat sich von einem großen Europäer verabschiedet. Erst in Straßburg, dann in Ludwigshafen und abschließend in Speyer. Danach wurde der Altkanzler im engsten Kreis beerdigt. Ein langer, bewegter Tag.

Vollbesetztes Europaparlament in Straßburg in Gedenken an den verstorbenen Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl. Reuters

Trauer in Straßburg

Vollbesetztes Europaparlament in Straßburg in Gedenken an den verstorbenen Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl.

Straßburg/LudwigshafenDer große Politiker und Europäer wurde verabschiedet. Die aufwendige Zeremonie dauerte den gesamten Tag. Los ging es bereits um 6.45 Uhr – den Sarg bewegten Träger, Auto, Hubschrauber und Schiff. Es ging von Ludwigshafen nach Straßburg zum Europäischen Parlament, wo Kohls Sarg aufgebahrt wurde, dann via Helikopter und Schiff nach Speyer. Die abschließende Beisetzung fand ab 20.30 Uhr statt. Unsere Reporterin Anna Gauto war vor Ort.

Wer sich der Dimension dieses Traueraktes im Vorfeld nicht bewusst war, der begriff sie spätestens nach den Worten der Redner. Es war ein historischer Tag: Europa verabschiedete sich von einem seiner bedeutendsten Staatsmänner. Zum ersten Mal überhaupt wurde eine solche europäische Trauerzeremonie für einen Politiker abgehalten. Zahlreiche Repräsentanten aus aller Welt erwiesen Helmut Kohl am Samstag im Europäischen Parlament in Straßburg die letzte Ehre. Merkel, Juncker, Clinton und Co – sie alle sorgten für einen bewegenden Vormittag.

Am Nachmittag traf der Sarg mit dem Leichnam von Helmut Kohl in Speyer ein. Eskortiert von mehreren Polizeibooten legte das Schiff „Mainz“ am Samstagnachmittag am Rheinufer in unmittelbarer Nähe des Kaiserdoms an. Kurz zuvor hatten drei Hubschrauber der Bundespolizei die Anlegestelle in V-Formation überflogen. Ein achtköpfiges Ehrenbataillon der Bundeswehr trug den Sarg anschließend von Bord. Ein Leichenwagen brachte ihn in den Dom. Links und rechts der Straße standen zahlreiche Menschen Spalier, als der Konvoi vorbeifuhr.

Zuvor war die Kanzlerin als letzte Rednerin in Straßburg ans Pult getreten, ehe der Sarg hinausgetragen wurde. Neben großem Lob für Kohls Lebensleistung streute Angela Merkel auch Kritisches ein: „Viele haben sich an ihm gerieben, auch ich kann davon erzählen.“ Nicht immer sei es leicht gewesen, mit eigenen Argumenten durchzudringen, „manchmal war es schier unmöglich“, sagte sie.

Sie war auch die einzige am Rednerpult, die Kohls erste Ehefrau Hannelore Kohl würdigte. Diese hatte sich nach langer Krankheit das Leben genommen. Gern hätte man die Gedanken von Kohls Witwe Maike Kohl-Richter in dem Moment gelesen. Ihr werfen Wegbegleiter aus Politik und Familie vor, Kohls Beisetzung im Familiengrab neben seiner ersten Frau verhindert zu haben und seinen Nachlass zu usurpieren.

Zugleich würdigte Merkel Kohl auch als jemanden, auf den Verlass gewesen sei, der unterstützte. Ihr habe er 1992 geholfen, ihr Ministeramt nach einem schweren Beinbruch ausüben zu können. „Dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil“, sagt Merkel, die das Wort nun direkt an ihren einstigen Mentor richtete. „Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben.“

Diese Redner sprechen beim europäischen Trauerakt für Helmut Kohl

Antonio Tajani

Der Italiener Antonio Tajani ist seit Anfang 2017 Präsident des EU-Parlaments. Der 63-Jährige ist damit Gastgeber des Traueraktes. Der Jurist ist schon lange Europapolitiker: Seit 1994 sitzt er als Mitglied der christdemokratischen EVP-Fraktion im Europaparlament. Zwischendurch war er zweimal EU-Kommissar. In seinem Heimatland gehört er der konservativen Forza Italia von Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi an.

Weggefährten und die neue Generation

Acht Politiker werden beim europäischen Trauerakt für Helmut Kohl sprechen. Einige waren enge Weggefährten, andere haben ihn nicht mehr als Politiker kennengelernt.

Jean-Claude Juncker

Es war EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker (62), der den europäischen Trauerakt für Kohl in die Wege geleitet hat. Der deutsche Ex-Kanzler habe ihn auf allen europäischen Wegen „geleitet und begleitet“, sagte Juncker nach Kohls Tod. Die politische Karriere des Luxemburgers in Europa begann schon lange bevor er 2014 die Führung der EU-Kommission übernahm: Von 2004 bis 2013 war er der erste ständige Vorsitzende der Euro-Gruppe. Von 1995 bis 2013 war Juncker Premierminister seines Heimatlandes, das zu den Gründungsstaaten der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl zählt - einem Vorläufer der heutigen EU.

Donald Tusk

Der Pole Donald Tusk ist seit Anfang Dezember 2014 EU-Ratspräsident. Zuvor war er ab 2007 Ministerpräsident seines Heimatlandes. Politisch aktiv ist der heute 60-Jährige bereits seit seiner Studentenzeit in den 1970er Jahren. Damals arbeitete er mit den im Untergrund tätigen Freien Gewerkschaften zusammen, ging später selbst in den Untergrund und kam für kurze Zeit in Haft. Nach der Wende wurde Tusk Abgeordneter. 2001 gründete er mit anderen zusammen die liberalkonservative „Bürgerplattform“, deren Vorsitzender er bis heute ist. Helmut Kohl bezeichnete er selbst als einen Freund.

Felipe Gonzáles

Felipe González (75) war von 1982 bis 1996 Ministerpräsident Spaniens - und zog damit im gleichen Jahr in den Madrider Regierungspalast ein, in dem Kohl Bundeskanzler wurde. Bereits seit 1974 war González Generalsekretär der Sozialistischen Arbeiterpartei PSOE. Während seiner Amtszeit trat Spanien 1986 der Europäischen Gemeinschaft bei, zudem setzte er sich für den Verbleib seines Landes in der Nato ein. 1993 erhielt er den Karlspreis der Stadt Aachen. González galt bis zuletzt nicht nur als Weggefährte, sondern auch als enger Freund Kohls.

Bill Clinton

Bill Clinton (70) war in der zweiten Hälfte der Kanzlerschaft von Helmut Kohl Präsident der USA. Er hat Kohl mehrfach als Freund beschrieben, er sei dankbar, dass er mit ihm habe arbeiten dürfen. Clinton hatte den Kanzler früh in höchsten Tönen gelobt: als einen Mann von unvergleichbarer Weitsicht, Mut und Stärke, als größten europäischen Staatsmann nach dem Zweiten Weltkrieg. Kohl war für Clinton in außenpolitisch turbulenten Jahren ein sehr wichtiger Ansprechpartner.

Dmitri Medwedew

Kohl hat Dmitri Medwedew als Politiker nicht kennengelernt. Als Vertrauter von Kremlchef Wladimir Putin wurde der Russe 2005 Vizeregierungschef und nach der zweiten Amtszeit von Putin 2008 zum Präsidenten Russlands gewählt. Als Staatsoberhaupt steuerte der heute 51-Jährige das Riesenreich vier Jahre lang durch die Finanzkrise und eine mögliche Annäherung an die USA an. 2012 tauschte er mit Putin wieder den Posten. Zurzeit plagen den eher blass wirkenden Politiker innenpolitische Konflikte: Oppositionelle lösten mit Korruptionsvorwürfen landesweite Proteste aus. Der Regierungschef fiel dabei bislang durch beharrliches Schweigen auf.

Emmanuel Macron

Emmanuel Macron ist erst seit rund eineinhalb Monaten im Amt, aber bereits ein Profi auf der Weltbühne. So traf er seinen US-Kollegen Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin. Auf europäischer Ebene strebt der 39 Jahre alte Senkrechtstarter eine enge Kooperation mit Deutschland an. Er plädiert für eine Reform der EU, mit einem Finanzminister für die Eurozone. Im Inland ist Macrons wohl größte Herausforderung der Antiterrorkampf. Frankreich wird seit Jahren von einer islamistischen Terrorwelle heimgesucht, fast 240 Menschen starben.

Angela Merkel

Das Verhältnis von Angela Merkel zu Kohl war nicht einfach. Unter ihm war die heutige Bundeskanzlerin am Beginn ihrer Karriere zuerst Frauen- und Jugendministerin (1991-94) und später Umweltministerin (1994-98). „Sein Mädchen“ nannte Kohl Merkel in dieser Zeit gerne. Im Dezember 1999 sorgte Merkel dann als CDU-Generalsekretärin mit einer öffentlichen Distanzierung in Kohls Spendenaffäre wesentlich für seinen Sturz. Seit 2005 ist die 62-Jährige Bundeskanzlerin und tritt im Herbst erneut als Spitzenkandidatin der CDU an.

Quelle: dpa

Dass zwischen der Witwe und der Kanzlerin Spannungen bestehen, wurde an einer Szene deutlich. Nach ihrer Rede ging Merkel anders als ihre Vorredner nicht zu Kohl-Richter, sondern setzte sich an ihren Platz. Dort bemerkte sie ihr Versäumnis, blickte kurz zur Witwe, stand wieder auf und lief hinüber. Unglücklicherweise unterhielt sich Kohl-Richter mit dem Sitznachbarn hinter ihr, als die Kanzlerin ankam. Merkel, auf der alle Augen ruhten, musste sie antippen, um ihr die Hand schütteln zu können und dann schnell wieder zurückzulaufen.

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