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20.01.2005

08:49 Uhr

Trotz Hoffnungszeichen hat Deutschland im internationalen Wettbewerb einen schweren Stand

Standort D: Licht und Schatten liegen eng beieinander

VonOlaf Storbeck

Nach sieben Jahren im Ausland hat Werner Knoblich sein Heimatland auf den ersten Blick kaum wiedererkannt. „Ich habe wirklich gestaunt, wie viel sich hier seit dem Ende der neunziger Jahre verändert hat“, erzählt der Europa-Chef der amerikanischen Softwarefirma Red Hat, das auf das alternative Computer-Betriebssystem Linux spezialisiert ist. Kurze Kündigungsfristen, weniger Urlaubstage, niedrigere Steuersätze – „Deutschland ist ein ganzes Stück flexibler geworden, auch wenn die Rahmenbedingungen für Unternehmen noch immer nicht perfekt sind.“

DÜSSELDORF. Unter dem Strich erschien der Standort D dem US-Softwarehaus so attraktiv, dass es 2004 seine Europa-Zentrale von London nach München verlegte – vor allem hochqualifizierte Vertriebsspezialisten, Marketing-Experten und Berater beschäftigt das Unternehmen in München. „Im IT-Bereich ist die Region einfach das europäische Silicon Valley“, sagt Knoblich. „Der Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Software-Experten ist hier eindeutig besser als in England.“ Hinzu kommen branchenspezifische Gründe: In Sachen Linux sei Deutschland einer der weltweit führenden Märkte.

Noch sind solche Erfolgsgeschichten in Deutschland eher die Ausnahme als die Regel – im internationalen Standortwettbewerb hat Deutschland nach wie vor einen schweren Stand. „Die Bilanz fällt zwiespältig aus“, berichtet Dierk Müller, Geschäftsführer der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland. Einerseits seien viele deutsche Tochterfirmen von US-Unternehmen sehr erfolgreich – andererseits habe die relative Bedeutung Deutschlands durch das unterdurchschnittliche Wachstum leicht abgenommen. „Für neue Investitionen hat sich der Fokus der Unternehmen nach Mittel- und Osteuropa und nach Asien verlagert.“ Deutschland sei dabei etwas in Vergessenheit geraten.

Gerhart Maier ist angetreten, um genau das zu verändern: Der Geschäftsführer der bundeseigenen Standort-Marketing-Gesellschaft Invest in Germany reist um die halbe Welt, um ausländische Unternehmen nach Good Old Germany zu locken. „Ich bin ehrlich gesagt überrascht, wie leicht es im Ausland ist, für den Standort Deutschland zu werben.“ Egal ob in China, Kuweit oder Süd-Korea – „Investoren sind Deutschland gegenüber nach wie vor sehr positiv eingestellt“, berichtet er.

Eine Umfrage der Amerikanischen Handelskammer unter 100 US-Unternehmen zeigte bereits im vergangenen Jahr: In Bezug auf die Ansiedlungen von Holding-Gesellschaften rangiert Deutschland auf dem ersten Platz. Und die Unternehmen belassen es nicht nur bei Worten: So pumpte der US-Konzern General Electric 2004 52 Mill. US-Dollar in ein neues Forschungszentrum in Garching bei München. „Für uns ist Deutschland nach wie vor ein sehr attraktiver Standort“, sagt auch Norbert Quinkert, Deutschland- Chef des US- Technologieunternehmens Motorola. Rund 350 Mill. Euro habe das Unternehmen in den vergangenen fünf Jahren hier zu Lande investiert – unter anderem in eine Produktionsstraße für UMTS- Handys in Flensburg. „Bei kapital- und wissensintensiven Produkten ist Deutschland natürlich wettbewerbsfähig“, sagt Quinkert. Bei einfachen Massenprodukten dagegen sieht die Sache anders aus – so verlegte Motorola die Produktion von GSM- Handys wegen der hohen Lohnkosten in Deutschland von Flensburg nach China. „Man wird auch in Deutschland keine Steinbrüche mehr betreiben“, so Quinkert.

Die auf den Blick erschreckenden Statistiken zur Entwicklung der ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland versuchen Volkswirte zu relativieren: Rund 49 Mrd. US- Dollar haben ausländische Unternehmen nach einer neuen Schätzung der Uno-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) im vergangenen Jahr unter dem Strich abgezogen. Jedoch sind diese Zahlen durch Sondereffekte verzerrt, betont die Organisation.

Aus steuerlichen Gründen hätten deutsche Tochterfirmen ihren ausländischen Unternehmen im vergangenen Jahr im großen Stil interne Kredite zurück bezahlt – dies sei nicht als Abkehr vom Standort Deutschland zu verstehen. Ihre Kapitalbeteiliungen an deutschen Unternehmen haben ausländische Unternehmen laut Uno-Schätzung im vergangenen Jahr um acht Mrd. Euro aufgestockt.

Und: Das deutsche Image im Ausland verbessert sich wieder. Europäische Top-Manager bewerten die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Landes Ende 2004 deutlich besser als ein Jahr zuvor, zeigt der Handelsblatt Business-Monitor International, eine Repräsentativ-Umfrage unter Führungskräften in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien. Nachdem Deutschland in Sachen Wettbewerbsfähigkeit im vergangenen Jahr international das Schlusslicht bildete, stieg das Land jetzt wieder ins Mittelfeld auf.

Abschreckend wirkt in Line das deutsche Steuerrecht auf ausländische Investoren, sind sich fast alle Experten einig. „Es müssen akzeptable steuerliche Rahmenbedingungen für in- und ausländische Investoren geschaffen werden“, sagt Müller von der Amerikanischen Handelskammer. Die Steuerbelastung selbst sei dabei nicht einmal das größte Problem. „Am schlimmsten ist für die Unternehmen die Unzuverlässigkeit des deutschen Steuersystems.“ Die Flut von Änderungen sei für die Firmen „unerträglich“ und mache die künftige Steuerbelastung schwer kalkulierbar. Zudem sei das Steuersystem „übermäßig komplex und zu wenig transparent“.

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