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02.09.2013

11:27 Uhr

TV-Duell

Nur das Wort reicht nicht

VonMichael Moesslang

Merkel ist die Gewinnerin des TV-Duells – zumindest bei der Körpersprache. Ohne aggressiv aufzutreten, behält sie die Oberhand, Steinbrück patzt. Ein Kommunikationscoach analysiert die Auftritte der Kontrahenten.

Kanzlerin gegen Kanzlerkandidat

Kein klarer Sieger bei TV-Duell

Kanzlerin gegen Kanzlerkandidat: Kein klarer Sieger bei TV-Duell

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Worte sind schnell vergessen. Sogar solche, die eine Kanzlerin und ihr Herausforderer während des großen TV-Duells sagen. Das wissen Angela Merkel und Peer Steinbrück. Sie kennen auch den Einfluss von Persönlichkeit, Körpersprache und Stimme. Sie sind gut vorbereitet auf dieses einzige große Aufeinandertreffen in diesem Wahlkampf.

Die Kanzlerin hat einmal gesagt, es gehe vor allem um das Vertrauen in ihre Person. Recht hat sie. Denn die Wirkung eines Menschen nehmen wir immer und unbewusst wahr. Sie ist es, die ganz ohne Worte über Sympathie und Vertrauen entscheidet – und damit letztlich die Wahl.

Merkel hat das verinnerlicht und ihren ganzen Wahlkampf darauf ausgerichtet. Sie macht zwar täglich zwei Wahlkampfauftritte, doch wünscht sie keine Berichterstattung. Welche Strategie! Denn sie weiß, dass sie es schafft, als Mensch das Vertrauen auf sich zu konzentrieren. Dazu zeigt sie sich nicht nur im Internet und der Werbung von der menschlichen Seite, sondern vermeidet Angriffe oder aggressiv wirkende Körpersprache.

Vereinfacht gesagt setzt sie auf Humor, Süffisanz und Gelassenheit. Denn so demonstriert sie die ruhige Hand, der der Wähler einen kühlen Kopf beim Weg durch Krisen zutraut. Ein Duell passt da nicht ins Konzept, hat doch schon der Name etwas Kämpferisches. Wer jetzt allerdings geglaubt hatte, Merkel würde sich bei Angriffen geschlagen geben und Schwächen zeigen, der hat sich geirrt.

Was Schwarz-Gelb nicht geschafft hat

Atommüll-Endlager

Schwarz-Gelb wollte den Salzstock im niedersächsischen Gorleben zunächst weiter als Standort für ein Atommüll-Endlager prüfen und das bestehende Moratorium aufkündigen. Ende 2011 verkündete der damalige Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) aber einen Neustart bei der Endlager-Suche. Das Gesetz ist im parlamentarischen Verfahren - doch sicher war es zuletzt nicht, dass es wirklich kommt.

Banken

Die Neuordnung der Bankenaufsicht wurde nicht so umgesetzt wie geplant. Eigentlich sollte die Bankenaufsicht in Deutschland bei der Bundesbank konzentriert werden. Bundesbank und Finanzaufsicht Bafin teilen sich aber nach wie vor die Kontrolle.

Energie

Das stand nicht im Koalitionsvertrag, ist aber einer der größten Schwerpunkte dieser Wahlperiode: der Atomausstieg. Zunächst hatte die Regierung 2010 eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke beschlossen. Dann sorgte sie 2011 nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima für den Atomausstieg bis 2022. Bei der Förderung zukünftiger Energien - dem Kernstück der Energiewende - gibt es nun aber nicht die von Experten als nötig erachteten Fortschritte.

Gesundheit

Ein Gesetz zur Gesundheitsvorsorge ist seit Jahren geplant - auch von Schwarz-Gelb. Angesichts der ablehnenden Haltung von SPD und Grünen ist aber sehr fraglich, ob das mittlerweile vorliegende Gesetz noch durch den Bundesrat kommt.

Inneres

Das mit Abstand größte Vorhaben im Innenressort war im Koalitionsvertrag 2009 nicht abzusehen: Als im November 2011 die verstörenden Verbrechen der rechtsextremen „Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) ans Licht kamen, wurde klar, dass die Sicherheitsbehörden dringend reformbedürftig sind. Die Terroristen waren jahrelang mordend und raubend durchs Land gezogen, ohne dass Polizei und Nachrichtendienste ihnen auf die Spur kamen. Vor allem dem Verfassungsschutz steht ein großer Umbau bevor.

Justiz

Das Dauerstreitthema Vorratsdatenspeicherung wird wohl bis zum Ende der Legislaturperiode ungelöst bleiben. Dabei geht es um die anlasslose Speicherung von Telefon- und Internetverbindungsdaten der Bürger zu Fahndungszwecken. Das Bundesverfassungsgericht hatte eine entsprechende Regelung 2010 gekippt. Im Koalitionsvertrag stand dazu lediglich, dass das Urteil abgewartet werden soll. Seitdem streiten aber Union und FDP über die Neufassung. Die EU-Kommission hat Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt, weil Berlin das entsprechende EU-Gesetz nicht in nationales Recht übertragen hat.

Mindestlöhne

Bei Mindestlöhnen hat Schwarz-Gelb sich im Koalitionsvertrag nicht festgelegt und dennoch geliefert: Seit 2009 wurden in fünf Branchen Mindestlöhne in Kraft gesetzt.

Pflege

„Wir wollen eine neue, differenziertere Definition der Pflegebedürftigkeit“, verabredeten Union und FDP 2009. Die immer zahlreicheren Demenzkranken sollen verstärkt in die Pflegeversicherung eingruppiert werden. Ende Juni soll ein Expertenbeirat Vorschläge vorlegen - eine entsprechende Reform in dieser Wahlperiode ist aber nicht mehr möglich. Und Kritiker bemängeln, mangels Vorgabe der Regierung zu den Kosten sagen die Vorschläge nichts darüber aus, wer künftig konkret wieviel aus den Pflegekassen bekommen soll.

Rente

Das gegen Altersarmut vereinbarte Konzept einer Lebensleistungsrente kommt nicht mehr vor der Wahl. Geplant war, dass Menschen, die ein Leben lang Vollzeit gearbeitet und privat vorgesorgt haben, auch als Geringverdiener ein Alterseinkommen oberhalb der Grundsicherung erhalten. Dieses sollte bedarfsabhängig und steuerfinanziert sein. Auch die vor allem von der CSU angepeilte Besserstellung älterer Mütter bei der Rente muss weiter warten. Nicht umgesetzt wurde bislang die im Koalitionsvertrag versprochene Rentenangleichung Ost/West.

Steuern

Die angekündigte Steuerentlastung um bis zu 24 Milliarden Euro im Jahr blieb aus. Eine Minireform, per Umbau des Einkommensteuersystems die «kalte Progression» zu mindern, scheiterte am Widerstand der Länder. Vom Tisch ist ein Stufentarif. Gescheitert sind eine Reform der Gewerbesteuer und eine Neuregelung der Kommunalfinanzen. Die Reform des Mehrwertsteuersystems wurde verfehlt. Das Steuerabkommen mit der Schweiz trat wegen des Länderwiderstands ebenfalls nicht in Kraft. Pläne zur breiten Vereinfachung der Unternehmensbesteuerung wurden aus Kostengründen aufgegeben. Im Kern blieb es beim deutschen Modell zur Konzernbesteuerung statt einer modernen Gruppenbesteuerung.

Verteidigung

Hier haben Union und FDP gegen ihren eigenen Vertrag verstoßen. Sie wollten den Wehrdienst von neun auf sechs Monate verkürzen, aber die Wehrpflicht erhalten. Zum 1. Juli 2011 wurde der Pflichtdienst für Männer aber durch einen Freiwilligendienst ersetzt. Gleichzeitig leitete der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) überraschend eine große Bundeswehrreform ein.

Schon wenn sie angegriffen wurde, wendete sie sich dem Herausforderer – und auch den Journalisten – zu und blickte sie selbstbewusst an. Selbst dann, wenn sie selbst ausgeteilte. Wie sie das getan hat, war typisch Merkel. Nicht aggressiv, sondern zynisch und immer nur auf entsprechende Steilvorlagen Steinbrücks. Dieser ist deshalb selbst an den drei Dolchstößen schuld, die sie ihm verpasst hat. 3:0 für die Amtsinhaberin.

Merkels Körpersprache am Sonntagabend war betont vorsichtig. Die Kameraführung vermied es, Gestik zu zeigen. Allein die Mimik blieb also den Kandidaten für die nonverbale Kommunikation. Merkels Lächeln war manchmal zwar freundlich, aber doch aufgesetzt. Dann wieder echt und herzlich, sympathisch - oder aber sie war amüsiert über das, was sie hörte.

Doch beide Kandidaten geben über die Körpersprache mehr preis, als sie es vermutlich beabsichtigen. An Merkels Reaktion auf die Frage, ob sie den Atomausstieg nicht doch zu plötzlich und unüberlegt entschieden habe, war deutlich abzulesen, dass ihr die Frage im wahrsten Sinne des Wortes nicht schmeckte. Sie spitzte die Lippen und versuchte, die Frage mit der Zunge aus dem Mund zu schieben, für einen kurzen Moment war sogar ihre Zungenspitze zu sehen. Deutlicher drückt Merkel ihr Missfallen selten aus. Das war eindeutig.

Kommentare (32)

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RumpelstilzchenA

02.09.2013, 11:35 Uhr

Das Duell hat gezeigt, beide nicht wählbar!

Kartenhaus

02.09.2013, 11:42 Uhr

Diese Milliardenversenker sind ohnehin nicht wählbar. Das ist auch kein "Duell" sondern eine unzulässige Bevorzugung etablierter Parteien. Wobei das "etabliert" wohl nur noch eine Frage der Zeit ist. Merkel wird das Ding wohl machen, steht aber vor den Finanz-Trümmern ihrer Politik. Vielleicht kann man die nächste Legislaturperiode auch als gerechte Strafe für die "Verwalterin" sehen.

manthra

02.09.2013, 11:42 Uhr

"Wir nicken innerlich mit Merkel mit" - genau das ist es, eine Mutti braucht die Nation. Sie braucht eine Mitnickoption um "wie gehabt weiterfahren zu können". Und: Mutti richtet alles - zu Grunde!
Die BTW 2013 ändert NICHTS, auch wenn man eine Splitterpartei oder AfD wählen würde. Denn das Bestimmen haben amerikanische Großbanken wie JPMorgan, Rothschilds, Rockefellers, Goldman Sachs im autarken, rechtsfreien Raum. Dank Thatcher, Reagan, Clinton, W.Bush....Ein Schröder hat sich GEGEN das Volk gestellt und deren Auftrag erfüllt, Hartz-VI durchzudrücken, gegen SPD-Prinzipien. Barroso, Barnier, Rumpey, aktuell die litauische Ministerpräsidentin und Weidmann zuletzt operieren GEGEN die Bürger. Die sind auch bei Abwahl Merkel noch: DA! Weidmann verlangt zunehmend dringlich die gesetzliche Einbeziehung privater Vermögen, explizit deren Enteignung außerhalb inflationärer und Niedrigzins-gleicher Maßnahmen! Das ist alles so warm bis heiß gelaufen, dass eine nur theoretische Abwahl Merkels nichts umstürzen würde. - Da wirken Parteischuld-Perspektiven sehr, sehr anachronistisch. Diese Zeiten sind spätestens seit EURO-Einführung vorbei, da der Machtraum größer wurde und: die Währung nur noch Papierwert hat.

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