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18.04.2011

09:36 Uhr

TV-Kritik „Anne Will“

Sarrazin lässt Flüchtlinge auflaufen

VonGabriela M. Keller

Tausende illegaler Einwanderer rütteln an Europas Toren - ein guter Grund, mal wieder Thilo Sarrazin einzuladen. Doch der Profi-Provokateur dominierte die Sendung - und die Frage „Wen wollen wir reinlassen?“ ging unter.

Auch Thilo Sarrazin gehörte zu den Talkgästen. Quelle: dapd

Auch Thilo Sarrazin gehörte zu den Talkgästen.

Berlin Am Ende ging es dann doch wieder nur um Thilo Sarrazin und sein Buch. Das Stichwort gab 15 Minuten vor Sendungsschluss der Migrationsforscher Klaus J. Bade, der in einem Einspieler feststellte, dass in den vergangenen Jahren eine halbe Million mehr Menschen aus Deutschland weg- als zugezogen sind. Und daran, so urteilte der Fachmann, sei eben Sarrazin mit Schuld, der mit seinem Bestseller "bei der Stimmung unter den Einwanderern größten Flurschaden" angerichtet habe.

Er hatte den letzten Satz kaum gesprochen, da brach ein Sturm der Empörung über Anne Wills Studio herein, und man fühlte sich zurückversetzt in den Spätsommer 2010, als der Ex-Politiker erstmals als Hobbygenetiker unter den Sozialphilosophen verhaltensauffällig wurde und mit seinen Thesen Aufregung stiftete.

Der konkrete Anlass der Diskussion, das aktuelle Flüchtlingsdrama an der Italiens Küste, geriet darüber in Vergessenheit. Statt dessen gingen alle Anwesenden auf den üblichen ideologischen Allgemeinplätzen in Kampfstellung. "Flüchtlinge vor unseren Grenzen - wen wollen wir reinlassen?" - so versuchte Anne Will, die Migrationsdebatte wieder zu beleben, nachdem in den vergangenen Wochen 26.000 illegale Einwanderer aus Nordafrika an den Stränden Europas angespült wurden.

Doch die ambitionierte Re-Animierung des Massenaufregers scheiterte auf ganzer Linie. Die Diskussion schleppte sich als blasser Wiederaufguss über 60 Minuten Sendezeit. Interessant war dennoch, dass die versammelte Talkrunde nach wie vor in helle Aufregung gerät, sobald jemand "Deutschland schafft sich ab" sagt.

"Sie sind ein Hetzer, das ist ja unerträglich", griff Elias Bierdel, Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation Borderline Europe, Sarrazin an. Karin Göring-Eckardt von den Grünen orakelte, der Zuspruch zu diesem Buch zeige, "dass die Frage von Rechtsextremismus, von Fremdenfeindlichkeit in unserem Land nach wie vor eine große Rolle spielt", und dann konnte man nichts mehr verstehen, weil alle wild durcheinander redeten. Auch Thilo Sarrazin sorgte nicht für Klarheit, sondern sagte sibyllinisch: "Ich rede nie von den Ausländern, ich rede nur von einzelnen Gruppen von Migranten."

Zurück also zu der Gruppe von Migranten, über die an diesem Abend gesprochen werden sollte. Nun zeigt sich, dass die Demokratisierung des Nahen Ostens für Europa einige Unannehmlichkeiten mit sich bringt: Vor allem die Tunesier nutzen ihre neue Freiheit dazu, in Scharen ihr Land zu verlassen. Sarrazin spielte erwartungsgemäß die Rolle als Polit-Provokateur: "Wir sind am Beginn einer Welle, die sich in den nächsten Jahren fortsetzen wird", stammelte er, "auf jeden, der zu uns kommt, werden Schlepper weitere sieben oder acht zu uns bringen."

Anne Will ersparte es ihm leider, ihn nach dem Beleg für solche Behauptungen zu fragen - zumal man diesem menschlichen Tsunami im Laufe der Sendung förmlich beim Entstehen zusehen konnte. Sarrazin, der als Mann der knallharten Statistiken gilt, verhedderte sich in seinen Zahlen: "Für jeden, der kommt, kommen zehn weitere", verkündete er wenig später. "Jetzt sind es schon zehn", sagte Will kühl. "Es sind irgendwann fünf, dann sind es zehn, dann zwanzig", glaubt Sarrazin, "es ist eine Welle."

Kommentare (32)

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Account gelöscht!

18.04.2011, 11:05 Uhr

Ich habe nach kurzer Zeit umgeschaltet. Das Niveau war mir viel zu niedrig.

Warum lässt man zu dieser Frage nicht einfach das deutsche Volk abstimmen? Antwort: Weil diese Abstimmung im Sinne von Herrn Sarrazin ausginge. Das geht nicht.

Unsere_Migrationsindustriellen

18.04.2011, 11:09 Uhr

Etwas konfus, dieser saltatorische Artikel. Die Autorin hat ihn wohl noch bei laufender Sendung eingetippt. Als Einzahler in die Transfersysteme und als Nicht-öffentlich Bediensteter muss ich die Ideen der deutschen Migrationsindustriellen wie Bierdel zurückweisen. Es nützt nichts, ständig mehr Beschäftigungs- und Perspektivlose nach Deutschland zu holen.
Als "Leute ohne Alles" können sie schlicht nur kriminell werden, um am obwaltenden Wirtschaftsniveau zu partizipieren. Die Statistik spricht nicht gegen diese Sichtweise - gelinde ausgedrückt.

vriegel

18.04.2011, 11:14 Uhr

Habe die Sendung leider nicht gesehen.

Mein Vorschlag zur Güte: lasst die FLüchtlinge doch einfach ins Land. 3 Jahre Aufenthaltsstatus, arbeitsrecht, kein Anrecht auf Harz IV (falls das machbar ist). Offenbar sind gerade bei den Nordafrikanischen ja viele gut Ausgebildete dabei, auch Akademiker.

Wer nach 3 Jahren (als Wirtschaftsflüchtling) hier nicht Fuss fasst oder keine Anstalten macht sich eine Existenz aufzubauen, dem sollte man dann nahelegen, wieder nach Hause zu gehen. Sicher werden einige auch freiwillig wieder heim gehen, wenn sich die Situation im Heimatland verbessert.

Problematischer wird es sicher mit den Schwarzafrikanern südlich der Sahara. Hier ist in der Tat wenig Potential für qualifizierte Arbeit zu erwarten. Aber irgendjemand muss ja auch die Strasse fegen. Und wenn dessen Sohn dann auch Nationalspieler wird.... Gerade im Sport sind viele Migrantenkinder (würde man die Petkovic auch so bezeichnen wollen..??) für Deutschland erfolgreich. In vielen anderen Bereichen wären/sind sie das auch. Man sieht es nur nicht so offen.

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