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26.11.2013

07:12 Uhr

TV Kritik

„Das ist eine kranke Entwicklung”

VonRaphael Moritz

Die Zinsen liegen unterhalb der Inflationsrate, Sparen verbrennt Geld. Die Altersvorsorge wird zum Albtraum. Bei „Hart aber fair” ging es um die Frage: „Sind die Deutschen blöd?” – und es gab eine dicke Überraschung.

Die Zinsen fallen nahe Null – ein Albtraum für Sparer. Aber auch für Versicherer, Banken und den Mittelstand. Die „Zinsschmelze“ hat viele Folgen, bei „Hart aber fair” wollte Moderator Frank Plasberg in 75 Minuten Sendezeit alle diese Konsequenzen diskutieren. Von der Inflation über die Europäische Zentralbank, zum Leitzins und zur Altersvorsorge: Alles wurde angeschnitten - aber nicht abgeschlossen.

Dabei war die Besetzung unter anderem mit Linken-Fraktionsvize Sahra Wagenknecht, der Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg, Edda Castelló, und dem Wirtschaftsprofessor Max Otte sehr gut gewählt. Nur kamen die wichtigen Themen zu kurz. Ein Beispiel: die private Altersvorsorge. Egal ob Alt-Kanzler Schröder (SPD), Angela Merkel (CDU) oder Horst Seehofer (CSU) – sie alle forderten die Bürger auf, privat für das Alter vorzusorgen.

Dieses Thema hätte allein eine ganze Sendung füllen können, denn mittlerweile wird klar: Die damaligen Versprechen der Versicherer lassen sich angesichts der niedrigen Zinsen heute nicht mehr erfüllen. „Die Prognosen, die noch vor 20 oder 30 Jahren gegeben wurden, waren aus der Luft gegriffen”, sagt Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg. Selbst das Geld auf dem Sparbuch wäre mittlerweile mehr als das, was zum Beispiel Lebensversicherer zahlen, so Castelló.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

In einem konkreten Fall, der in der Sendung gezeigt wird, erhält ein Rentner gegenüber der damaligen Prognose der Lebensversicherung heute 20 Prozent weniger als veranschlagt. Der Fall des Rentners ist bundesweit keine Seltenheit: „Der Großteil der Verträge ist grauenhaft”, sagt Wirtschaftsprofessor Max Otte. Der Finanz- und Wirtschaftsexperte wurde vor allem durch die Voraussage der Finanzkrise bekannt. So müsse man manchmal bis zum 90. Lebensjahr warten, bis sich einer der Verträge lohne, so der Ökonom weiter. „Da ist massiv abkassiert worden.”

Moderator Frank Plasberg fragt daraufhin in die Runde, ob Sparer ihre Pläne für den Ruhestand nun revidieren müssten: „Jetzt also Balkon statt Urlaub im Süden?” Markus Söder (CSU), bayerischer Finanzminister, sieht auch im Alter noch Vorsorge-Möglichkeiten. So könne man bei der Riester-Rente auch mit 60 Jahren in der Tat noch einiges machen. Ein lautes Raunen des Publikums quittiert seine Aussage, während die Finanzexpertin der Verbraucherzentrale ungläubig zu Söder blickt.

Kommentare (61)

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Politk_gegen_jede_faire_Zukunft

26.11.2013, 07:36 Uhr

Es war in dieser Diskussion wieder einmal zu sehen wie Herr Söder zwar zugibt dass Dispozinsen zu hoch sind, der Bankenvertreter sogar behauptet (offensichtlich lügt)dass bis zu 14% Dispo durch das Vorhalten von Geld (Ich dachte andere Girokonten haben auch Guthaben)gerechtfertigt wären und diese trotzdem nicht wirklich an den Pranger gestellt oder abgewählt werden. Die CSU/CDU hat auch jetzt wieder eine Einführung der Deckellösung auf hohem Niveau abgelehnt.
Klar zu erkennen dass unsere Politiker und Banken immer noch gegen jede Fairness agieren.
Unfassbar wie Dumm der deutsche Michel ist. Wählt diese Lobbyisten doch endlich mal ab!

Account gelöscht!

26.11.2013, 07:37 Uhr

Nehmt doch mal auf Seite 2 das Bild vom Us-"Ökonomen" raus !!1

Account gelöscht!

26.11.2013, 07:40 Uhr

Der Herr Kemmer hat schon in div. Sendungen eine sehr unglaubwürdige Haltung vertreten. Eine armselige, peinliche Lachnummer - mehr nicht!

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