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08.03.2013

07:13 Uhr

TV-Kritik

Geballte Euro-Skepsis bei Maybrit Illner

VonChristian Bartels

Rainer Brüderle ist wieder in der Talkshow-Arena, Bernd Lucke von der neuen Anti-Euro-Partei nun auch. Dazu gesellten sich Oskar Lafontaine und Dirk Müller. Zum Thema Italien und Euro-Krise ging es erfrischend hoch her.

Rainer Brüderle war als Verteidiger des Euro in der Defensive gestern Abend bei Maybrit Illner.

Rainer Brüderle war als Verteidiger des Euro in der Defensive gestern Abend bei Maybrit Illner.

"Pizza Monti"- und Pasta-Witze zur Einleitung, im Studiohintergrund große Fotos grell geschminkter Clownsgesichter, dazu der Sendungstitel "Chaos, Clowns und Euro-Krise -  zieht uns Italien in den Abgrund?" - Maybrit Illners gestrige ZDF-Talkshow legte die Messlatte zunächst beinahe auf den Fußboden. Und dann sprang die Sendung umso souveräner hoch darüber. Eurokrisen-Talk mit so vielen disparaten Meinungen gab es im Fernsehen lange nicht.

Das war der Gästeauswahl zu verdanken, die zwar einem in der Logik der Talkshow-Konkurrenz spektakulären Casting entsprang, aber auch in der Zusammenstellung der inhaltlichen Positionen gelungen war. Vordergründig spektakulär war der erste Auftritt des FDP-Politikers Rainer Brüderle seit der Aufregung um den "Stern"-Artikel über ihn und die folgende Sexismus-Debatte (die ja auch so einige Talkshows gefüllt hatte). Am Schluss bekam er einen Dirndl-Witz Illners zu hören, der weder passend, noch auch nur ansatzweise lustig war ("Was würde Italiens Wirtschaft helfen, vielleicht eine Modewelle für Dirndl?"). Nicht unspektakulär auch das TV-Debüt der "Alternative für Deutschland". Für die frisch gegründete Anti-Euro-Partei trat der Hamburger Makroökonomie-Professor Bernd Lucke auf.

Italien gefährdet Merkels Euro-Mission

Warum ist die Enttäuschung im Regierungslager groß?

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone spielt eine zentrale Rolle bei der Lösung der Schuldenkrise. Italien drücken mehr als zwei Billionen Euro Schulden, rasche Reformen sind nötig, ein Rückfall in den Krisenmodus soll vermieden werden. Kanzlerin Merkel hatte mehr oder weniger offen dafür geworben, dass der Reformkurs des parteilosen Übergangspremiers Mario Monti fortgesetzt wird. Und damit immer auch zu verstehen gegeben, dass eine Rückkehr von Berlusconi alles andere als wünschenswert sei.

War die Wahl ein Statement gegen Merkels Krisenmanagement?

Im Grunde schon. Immerhin haben mit Berlusconi und dem Populisten Beppe Grillo zwei erklärte Gegner der Spar- und Reformpolitik der deutschen Kanzlerin etwa die Hälfte aller Stimmen erhalten. Und Merkels Favorit Mario Monti, der versucht hatte, Italien vor der Pleite zu bewahren und an den Märkten neues Standing zu geben, gehört zu den Wahl-Verlierern.

Gibt es eine anti-deutsche Stimmung in Italien?

Das wohl nicht. Merkel und die angebliche Hegemonie der „Tedeschi“ (ital. die Deutschen) in Europa waren im Wahlkampf aber allgegenwärtig. Berlusconi hatte gemutmaßt, Monti und Merkel hätten sich verständigt, die lange in Umfragen führenden Sozialdemokraten zu unterstützen. Das wäre eine Regierung von Merkels Gnaden gewesen, ätzte Berlusconi. Die Dementis aus Berlin und von Monti haben wohl nichts genützt.

Hat dies Auswirkungen auf die deutsche Europa-Politik?

Der Wahlausgang muss Berlin zu Denken geben. Mit Sprüchen gegen die Kanzlerin hat Berlusconi im Wahlkampf unglaublich aufgeholt. Der Milliardär und Medienmogul gibt vor allem Merkel die Schuld an der Misere Italiens. In die gleiche Kerbe schlägt Ex-Komiker Grillo, der gegen „die da oben“ in Brüssel und in Berlin punktete. Der Populist holte aus dem Stand ein Viertel der Stimmen. Für den deutschen Linkenchef Bernd Riexinger kein Wunder: „Die Wut, die sich an den italienischen Wahlurnen Bahn gebrochen hat, ist imstande, die Euro-Zone zu sprengen. Merkels Sparbombe tickt!“

Droht nun eine Rückkehr der Euro-Schuldenkrise?

Ja, obwohl die Krise nicht wirklich verschwunden war. Die Lage hatte sich allenfalls entspannt. Zumal sich auch für das angeschlagene Euro-Land Zypern nach langem Zögern Berlins eine Lösung bis Ende März abzeichnet. Aus der erhofften Ruhe wurde nichts: Wegen des drohenden politischen Stillstands in Italien steigen nicht nur Risikoaufschläge für italienische Anleihen, sondern die für Papiere anderer Krisenstaaten gleich mit.

Was bedeutet das?

Zunächst einmal dürfte die Verschuldung des ohnehin klammen Italien weiter steigen. Befürchtet wird vor allem, dass das drittgrößte Euro-Land unter den Rettungsschirm schlüpfen muss. Der Hilfstopf ist einschließlich der Restmittel aus dem auslaufenden Fonds zwar noch gut gefüllt, könnte bei einem Schwergewicht wie Italien aber schnell an seine Grenzen stoßen.

Droht Deutschland eine teure Mithaftung?

Bei Rettungshilfen an Italien steigen auch die Garantien und die Haushaltsrisiken für die deutschen Steuerzahler. Was wiederum nicht ohne Folgen für die Kreditwürdigkeit Deutschlands ist und damit Auswirkungen auf die Staatskassen hierzulande hat. Was keine guten Aussichten sind für die schwarz-gelben Wahlkämpfer um Merkel & Co.. Nicht umsonst meinte Außenminister Guido Westerwelle: „Wenn es um die Schuldenkrise in Europa geht, sitzen wir alle im selben Boot.“

Ist Italien das einzige Euro-Sorgenkind?

Italien kämpft zwar mit dem zweitgrößten Schuldenstand in der Euro-Zone, einer Rezession und sinkender Wettbewerbsfähigkeit. Mit einer Schieflage Frankreichs drohen aber weit größere Probleme. Das Defizit des zweitgrößten Eurolandes steigt und steigt. Paris dürfte den Ausgang der Parlamentswahlen in Rom aber als Bestätigung für den eigenen Kurs sehen - mehr auf Wachstum setzen statt aufs Sparen.

Inhaltlich spektakulär: die ungewöhnliche Vielfalt plausibel darstellbarer, aber drastisch gegensätzlicher Argumentationen und der teils wechselnden Oppositionen, die sich im Verlauf der Sendung im Studio bildeten.

Eine ungewöhnlich große Koalition gegen den Euro bildete sich rasch heraus. Angeführt wurde sie vom eloquenten, immer gern als "Mister Dax" annoncierten Talkshow-Stammgast Dirk Müller, der aus irgendeinem Grund zunächst im Publikum platziert worden war und erst nach einem Einzelinterview mit Illner aufs Podium gebeten wurde. Dort sicherte er sich dann die meisten Redeanteile. Auch Euro-Gegner Lucke machte mit feinem Lächeln zur bunten Krawatte eine gute Figur. Er redete weniger, aber wenn, dann schnell und konzise. Nicht unüberraschend zeigte sich Oskar Lafontaine, der Veteran der Linken, in vielem mit Müller und Lucke einig.

Lafontaine schöpfte die einprägsamsten polemischen Bilder, nannte etwa Angela Merkel "die Kurtisane der Reichen Europas". Müller hatte für seine Meinung, der Euro sei "die falsche Währung für die meisten Staaten in Europa", eine Fülle von Beispielen parat und prophezeite am Ende gar Griechenland einen bevorstehenden "Staatsstreich von der rechten Seite". So viel Euro-Skepsis war in einer öffentlich-rechtlichen Talkshow versammelt.

Kommentare (107)

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Account gelöscht!

08.03.2013, 07:39 Uhr

"Eurokrisen-Talk mit so vielen disparaten Meinungen gab es im Fernsehen lange nicht."

Hat ja auch einige Jahre gedauert, dass man in einer Talkshow eine heterogene Runde vorfindet (inkl. ausgewogenen Redeanteil). Ansonsten wirklich eine gute Sendung. Ich frage mich aber wirklich, wer diesen Märchenerzähler Brüderle ernst nimmt ? Da kam doch nichts, nur das typische Politikergeschwätz.

Interessante-sendung

08.03.2013, 07:56 Uhr

Ich fand eher Asselborn war nebulös mit seinem Durcheinanderbringen von Euro und Europa. Da gab er zwar zu kein Fachmann zu sein, und bewies das denn auch mit: "Ohne Euro gäbe es wieder Zölle und Handelsschranken, also keinen Binnenmarkt" Als Außenminister sollte er wissen, das der Binnenmarkt keinen Euro braucht, Handel mit Polen und Schweden geht genauso wie mit Finnland. Und selbst mit der Schweiz als Nicht-EU-Land gibt es Freizügugkeit. Asselborn suchte nach Argumenten für den euro und seiner Rettung. Außer die "ohne Euro gibt es Krieg"-Phrase und die Vermengung von Europa/EU/Euro (oder weiß der das wirklich nicht) kam nicht viel. Denn der euro ist ein Fehler und kann je länger je weniger mit hohlen Phrasen begründet und erhalten werden.

Meine_5ct

08.03.2013, 08:01 Uhr

Ich sehe nun seit ca. 3 Jahren kein TV mehr. Auslöser waren drei Ereignisse:
- Sommerinterview Frau Illner mit Präsident Putin 2007
- Talkshow Frau Maischberger mit Altbundeskanzler Schmitt
- Den Rest gab mir der unflätige Umgang mit Altpräsident Richard von Weizsäcker im ZDF Frühstücksfernsehen 2010 anläßlich des 90. Geburtstages.

Ich glaube nicht, daß dieser Zeitvertreib - viele Meinungen prallen aufeinander - komplexe Probleme verständlich macht,geschweige denn,Lösungen anbietet. Aber man hat halt geredet und seine Schaulust befriedigt.

Die Dekadenz und Degeneriertheit unserer Medienlandschaft ist nicht mehr erträglich. Somit ist das Abschalten auch Selbstschutz.

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