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25.02.2013

07:43 Uhr

TV-Kritik Günther Jauch

Genügend Kita-Plätze – so sicher wie die Rente

VonGabriela M. Keller

Neue Erkenntnisse zum Kita-Problem in Deutschland hat Günther Jauchs Talk nicht geliefert. Trotzdem gab es ein paar interessante Einblicke, dazu Prä-Wahlkamp-Gerangel und ein paar seltsame Thesen von Norbert Blüm.

Günther Jauch talke zum Thema Kinderbetreuung in Deutschland. dpa

Günther Jauch talke zum Thema Kinderbetreuung in Deutschland.

BerlinWie wäre es mit einem Rheinschiff, so wie in Köln? Oder einer alten Fabrik wie in Leipzig? Vielleicht tun es auch schon ein paar Container, wie sie in Neuss gesichtet wurden? Irgendwo wird sich schon noch Platz für die Kleinen finden. Ab ersten August hat jedes Kind in Deutschland ab dem ersten Geburtstag rechtlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Und bis dahin sind es nur noch ein paar Wochen hin. Die Zeit drängt, also werden einige Kommunen kreativ – und stocken ihr Betreuungsangebot mit Wasserfahrzeugen, Fertigungshallen und Großraumbehältern auf. So war es in einem Film zu sehen, den Günther Jauch am Sonntag während seiner Sendung einspielte. „Kein Platz für Kinder – was wird aus dem Kita-Versprechen?“, fragte Jauch in dieser Woche – und erhielt Antworten, die wenig Optimismus aufkommen ließen.

So begann Sozialwissenschaftler Stefan Sell seinen Redebeitrag mit einem Rechenbeispiel: In den vergangenen vier Jahren sind 200.000 neue Kita-Plätze geschaffen worden. Um den Bedarf zu decken, müssten nun innerhalb weniger Wochen noch 205.000 weitere entstehen. Der Experte, der den Ausbau und die Entwicklung der Kinderbetreuung erforscht, ist „der festen Überzeugung“, dass dies in vielen Gegenden, vor allem in städtischen Gebieten, „mit Sicherheit“ nicht gelingen wird.

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Es sieht nicht so aus, als könnten die Städte bis August genügend Kita-Plätze schaffen.

Also, für die Akten: In Deutschland gibt es nicht genug Kitas. Das wird sich wohl auch bis zum Sommer nicht ändern. So weit, so bekannt. Neue Erkenntnisse haben Günther Jauch am Sonntag nicht vermittelt. Trotzdem lohnte sich das Einschalten: Denn die Sendung hat zum einen anschaulich gemacht, in welche Zwangslage Eltern mitunter geraten, und wie der Arbeitsalltag von Erzieherinnen in Deutschland aussieht. Zum anderen zeigte sich, dass die verantwortlichen Politiker keine schlüssigen Strategien haben, wie die Kinderbetreuung in ausreichendem Maße ausgebaut werden kann.

So teilte sich die Runde in zwei Lager: Es gab diejenigen, die den Mangel tatsächlich zu spüren bekommen, jeden Tag aufs Neue. Und es gab diejenigen, die mit auf Zuversicht gebürsteter Rhetorik gegen die Defizite anredeten. Und dann gab es noch Norbert Blüm.

Familienpolitische Leistungen und ihre Folgen

195 Milliarden pro Jahr

Die Förderung von Familie und Ehe lässt sich der Staat viel kosten. Die Förderung setzt sich aus 160 Einzelmaßnahmen zusammen und kostet nach den aktuellsten Zahlen 195 Milliarden Euro pro Jahr.

Kindergeld

Für das Kindergeld zahlt der Staat jährlich gut 33 Milliarden Euro aus - hinzu kommen weitere drei Milliarden Euro steuerliche Familienförderung.

Ehegattensplitting

Der Einnahmeverlust des Staates durch das Ehegattensplitting beläuft sich auf jährlich gut 20 Milliarden Euro. Vom Splitting profitieren sowohl Paare mit und ohne Kinder. Ökonomen kritisieren, das Ehegattensplitting biete Müttern einen Anreiz, eher weniger oder gar nicht zu arbeiten. Tatsächlich ist die Erwerbstätigenquote der Frauen in Deutschland relativ niedrig, und die durchschnittliche Teilzeit umfasst weit weniger Stunden als in den meisten anderen Industrieländern.
Unter den 34 OECD-Staaten ist Deutschland das Land, das am stärksten auf Steuervergünstigungen setzt: Hier entfällt rund ein Drittel aller Familienleistungen darauf - im OECD-Schnitt sind es nur zehn Prozent.

Monetäre Leistungen

Kindererziehungszeiten in der Rentenversicherung kosten den Staat 11,5 Milliarden, das Bafög für Studenten 1,6 Milliarden.

Krankenversicherung

Die beitragsfreie Mitversicherung von Kindern und Jugendlichen bis 20 Jahren in der gesetzlichen Krankenversicherung kostet jährlich rund 15 Milliarden Euro. Die Summe wurde bisher vom Bund erstattet, weil es sich um „versicherungsfremde Leistungen“ handelt.
Die beitragsfreie Mitversicherung nichterwerbstätiger Ehegatten kostet weitere elf Milliarden Euro.

Elterngeld

2011 gab der Staat dafür 4,7 Milliarden Euro aus.

Kitas

Die Kinder- und Jugendhilfe kostete Bund, Länder und Gemeinden zuletzt rund 29 Milliarden Euro, fast 18 Milliarden davon entfielen auf die Kindertagesbetreuung.

Den Zwiespalt zwischen den politischen Zusagen und der Realität fasste gleich zu Beginn eine Mutter in Worte: „Die Politiker sind gesprächsbereit. Aber den Gesprächen folgen wenige Taten. Bei uns kommt nichts an“, sagte Astrid Dümler, Gründerin der Initiative „Mehr Kitas“ in Köln. Sie selbst ist bislang vergeblich auf der Suche nach einem Betreuungsplatz für ihr Kind: „Ich stehe noch auf einigen Wartelisten.“ Neben ihr saß ein Vater aus München, der einen Platz gewonnen hat – beim Krabbelwettbewerb eines lokalen Radiosenders. David Gall krabbelte schneller als alle anderen, also kam sein Kind in einer Kita unter. Sonst betrage die Wartezeit in der Stadt im Schnitt anderthalb Jahre.

Kommentare (33)

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bananarepublican

25.02.2013, 08:44 Uhr

Jetzt wird es Zeit...

Betroffene Eltern, deren Rechtsanspruch nicht bedient wird, klagt die Behörden in Grund und Boden, hunderttausende Klagen bringen das System zum bersten... das ist, so denke ich, die einzige Sprache die unsere Politiker wie die Schröder oder Kraft verstehen ... und vor allem eines wählt diese Parteien, die ständig nicht liefern, CDU/CSU, FDP und auch SPD und Grüne definiv nicht mehr am 22. September und auch nicht am 15. September in Bayern. Wählt irgendeinen, der anderen die eine Ausssicht haben in die Parlamente zu kommen. Das ist die einzige Sprache die die Schwätzer verstehen werden...

MBoudik

25.02.2013, 08:50 Uhr

In der Bestandsaufnahme der ehe- und familienbezogenen Leistungen des zuständigen Ministeriums sehen wir folgende Angaben, es werden alle Aufwendungen erfasst (Stand 2010):

Alle Angaben ca-Werte in Millarden Euro:

Gesamtausgaben: 200

Davon: 75 ehebezogen Leistungen (aha!)

38 Witwenrente (so, so)
3 Witwengeld für Beamte
12 Erziehungszeiten Rentenzuschuss
16 Kitas (ein kleiner Posten...)

otto15

25.02.2013, 08:58 Uhr

Aha - so wenig Kinder wie noch nie, erheblicher Ausbau in den letzten Jahren und großes Geschrei und ut in Richtung Politiker, die schlicht zu viel versprochen haben. Millionen von Eltern ist es in den vergangenen Jahrzehnten unter schwierigen Bedingungen irgendwie schlecht und recht gelungen, private Betreuung und Berufstätigkeit unter einen Hut zu bringen - mit vergleichsweise hohen Kosten. - Und nun diese freche Anspruchshaltung von 1Kommentar - schämt Euch.
Und wer Blüm nicht verstanden hat hat entweder nicht zugehört, oder will ihn nicht verstehen.
Schönen Tag

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