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26.08.2014

07:43 Uhr

TV-Kritik „Hart aber fair“

„Viel zu viel deutsch gespiegelte Nabelschau“

VonChristian Bartels

Die Erkenntnis des Abends: Gründe, warum die IS besser weiter „ISIS“ genannt werden sollte. Plasbergs Show mit Autor Frank Schätzing hielt sich ansonsten mit Floskeln auf. Die Diskussion zu Waffen für den Irak misslang.

Frank Schätzing bei „Hart aber fair“ (Archivbild): „Viel zu viel deutsch gespiegelte Nabelschau“. picture alliance/dpa

Frank Schätzing bei „Hart aber fair“ (Archivbild): „Viel zu viel deutsch gespiegelte Nabelschau“.

Es gibt ernste und gute Gründe für Waffenlieferungen an irakische Kräfte, die die menschenverachtenden, völkermordenden IS-Terroristen bekämpfen. Es gibt auch ernste gute Gründe dagegen – etwa die Gefahr, dass „ich nicht weiß, ob ich nicht in die Läufe dieser Waffen am Ende selbst gucke“. So formulierte es Moderator Frank Plasberg in seiner Talkshow am Montagabend. In der Sendung mit dem Titel „Flagge zeigen und Waffen liefern – Deutschlands neue Rolle?“ tauschten Vertreter beider Ansichten auch einige gute Argumente aus. Dennoch ist die erste „Hart aber fair“-Ausgabe nach der Sommerpause misslungen.

Der Schriftsteller Frank Schätzing beklagte nach gut vierzig Minuten, ihm werde „viel zu viel deutsch gespiegelte Nabelschau“ betrieben und traf damit den Nagel auf den Kopf. Freilich stellte Schätzing da auch ein Teil des Problems dar. Der „Bestseller-Autor hat für sein aktuelles Buch Hintergründe des Nahost-Konflikts recherchiert“, wurde er vorgestellt. Dabei wurde der eigentliche Nahost-Konflikt, der zwischen Israel und Palästina, bloß ganz am Ende gestreift.

Insgesamt war die fünfköpfige Gästerunde schlecht zusammengestellt: Ausschließlich Deutsche vollkommen ohne Migrationshintergrund betalkten die komplexen Verhältnisse. So empathisch Grünen-Politikerin Claudia Roth Eindrücke von einer gerade absolvierten Irak-Reise zu schildern weiß (Mit dem Satz „Die Situation der Menschen dort ist das Härteste, das ich je erlebt habe“, wurde sie vorgestellt) – ein Jeside oder ein syrischer Christ oder einer, der etwas über den Stand der Staatlichkeit im Irak zu sagen gewusst hätte, hätte der Sendung gut getan und den Nabelschau-Eindruck gemildert.

Gewaltsame Befreiung von Geiseln

Algerien, Januar 2013

Mit der Erstürmung des Gasfelds In Amenas beendet die algerische Armee eine Terroraktion islamistischer Terroristen. Mindestens 80 Menschen sterben während der Geiselnahme und der Befreiung. Rund 700 algerische Beschäftigte und mehr als 100 ausländische Mitarbeiter können sich während des mehrtägigen Dramas selbst retten oder werden befreit.

Somalia, Januar 2013

Bei der versuchten Befreiung eines seit 2009 von der Islamistenmiliz Al-Shabaab festgehaltenen französischen Geheimagenten sterben die Geisel und mindestens ein französischer Soldat. Bei dem Militäreinsatz nahe Mogadischu werden nach Angaben von Anwohnern auch fünf Zivilisten und mehrere Islamisten getötet.

Nigeria, März 2012

Bei einer missglückten Befreiungsaktion kommen eine britische und eine italienische Geisel ums Leben. Die Männer hatten für eine italienische Baufirma gearbeitet und waren seit zehn Monaten in der Gewalt nigerianischer Terroristen.

Irak, März 2011:

Extremisten überfallen das Provinzparlament in der Stadt Tikrit und nehmen dort tagende Abgeordnete als Geiseln. Irakische Sicherheitskräfte stürmen wenige Stunden später das Gebäude, um sie zu befreien. Insgesamt sterben 65 Menschen.

IRAK, Oktober 2010

Mitglieder des irakischen Al-Kaida-Ablegers besetzen eine katholische Kirche und verschanzen sich dort mit zahlreichen Geiseln. Als die irakische Polizei die Kirche stürmt, kommen mindestens 50 Geiseln und fünf Geiselnehmer ums Leben.

Kolumbien, Juli 2008

Die frühere kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, drei US-Amerikaner und weitere Geiseln werden aus der Gewalt von Farc-Rebellen befreit. Soldaten hatten sich als Vertreter einer regierungsunabhängigen Organisation ausgegeben und waren in einem Hubschrauber zu einem vermeintlichen Treffen mit einer internationalen Kommission geflogen. In der Luft wurden mitfliegende Rebellen überwältigt und die Geiseln waren frei.

Afghanistan, August 2007

Eine in Kabul entführte deutsche Mitarbeiterin der Hilfsorganisation ora international wird von afghanischen Sicherheitskräften befreit.

Russland, September 2008

Mehr als 30 Bewaffnete überfallen eine Schule in Beslan in der russischen Kaukasusregion Nordossetien und nehmen über 1100 Kinder, Eltern und Lehrer 52 Stunden lang als Geiseln. Bei Erstürmung der durch russische Sicherheitskräfte werden 331 Menschen getötet. Unter den 318 getöteten Geiseln sind 186 Kinder.

Russland, Oktober 2002:

41 tschetschenische Terroristen überfallen ein Moskauer Musicaltheater und nehmen mehr als 800 Geiseln. Nach drei Tagen stürmt die Polizei das Gebäude. 129 Geiseln und alle Terroristen sterben, die meisten durch von Sicherheitskräften eingesetztes Gas.

Auch ein Vertreter einer zumindest kurdischen Organisation hätte sich finden lassen können. Immerhin diskutierten die Studiogäste ein paar Minuten lang darüber, ob die Kurden, die derzeit in drei Staaten als Minderheiten leben, einen eigenen Staat anstrebten und welche Folgen so etwas haben könnten. Nicht einmal einen Einspieler hatte Plasberg dazu parat. Stattdessen diskutierten neben Roth und Schätzing der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok, der „Bild.de“-Chefredakteur Julian Reichelt und der Journalist und „Spiegel“-Verlags-Gesellschafter Jakob Augstein.

Einen Fehlgriff leistete sich Plasberg am Anfang der Sendung: Groß wurde ein Foto eingeblendet, auf dem ein IS-Terrorist vor verpixelten, abgeschlagenen Köpfen posiert. „Wir sollten diese Bilder gar nicht zeigen“, fand Augstein. Durch die Übernahme der IS-Propaganda machten sich die Medien zu „moralischen Geiseln“. Plasberg erklärte mit keinem Wort, warum sich seine Redaktion entschlossen hatte, dieses Foto zu zeigen. Der posierende Terrorist aber blieb noch gut zehn Minuten lang im Studiohintergrund hinter den talking heads eingeblendet.

Kommentare (8)

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Herr W. H.

26.08.2014, 09:04 Uhr

Es ging um das Verhalten der deutschen Politik und da braucht man nicht unbedingt Teilnehmer mit Migrationshintergrund oder Mitglieder irgendwelcher Zentralräte. Und die Situation wurde schon klar herausgearbeitet. Aktionismus und Selbstdarstellung der deutschen Politik bringen nun mal nichts! Und eine Sonderbehandlung Israels in dieser Krisenregion hilft erst recht nicht weiter!

Sergio Puntila

26.08.2014, 10:36 Uhr

Wo Reichelt "aus fundierte Kenntnis der Situation differenziert argumentiert" weiß wohl nur der TV-Kritiker.
Welchen Bohei es gegeben hätte, wäre ein Vertreter einer der Kriegsparteien eingeladen worden, das hatte man vmtl wohl geahnt bei der Auswahl der Talker.
Schätzing wußte seinen Auftritt nicht nur mit Allgemeinplätzchen zu garnieren - schließlich ging es bei ihm ja auch um Buchmarketing.

Reichelt ea möchten gerne bomben lassen: was für fundierte Beobachter der Lage....

Wenn das alles sein sollte, was das Bildungssystem dem Fernsehzuschauer da vor die Füße kotzt: da kommt Freude auf angesichts einer Situation, die mit dem Wort komplex noch euphemistisch beschrieben wirkt.

Herr Jagenau Der

26.08.2014, 11:18 Uhr

Aufgeregt hab ich mich über den Zwischenruf von Herrn Augstein nachdem Herr Reichelt erklärt hat wie viele Europäer dort für ISIS kämpfen die eventuell wieder zurück nach Europa kommen . "Wollen Sie die alle erschießen ?" Das war dumme Polemik und hat die Diskussion die mal notwendig wäre abgewürgt . Claudia Roth war auch fürchterlich , eine typische Oppositionspolitikerin die alles kritisiert und moralisch bedenklich findet aber keine eigenen Lösungsvorschläge hat .

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